100 Jahre Awo Aus der Not zweier Kriege geboren

Beim Familienfest zum großen Jubiläum haben vor allem die Kinder großen Spaß. Foto: factum/Bach
Beim Familienfest zum großen Jubiläum haben vor allem die Kinder großen Spaß. Foto: factum/Bach

Die Awo feiert 100-jähriges Bestehen. Auch der Leonberger Ortsverband blickt auf eine lange Geschichte zurück.

Leonberg - Eine der wenigen Fotografien, die aus den Gründertagen des Arbeiterwohlfahrt-Vereins Leonberg erhalten sind, ist bei einer Weihnachtsfeier im Jahr 1947 aufgenommen worden. Sie zeigt Mütter und ihre lachenden Kinder an langen Tafeln, im Hintergrund einige ältere Menschen. Was hier auf den Tischen steht – Gebäck, Kakao Äpfel –, stammt überwiegend aus Care-Paketen aus den USA und der Schweiz. Jüngere Männer fehlen auf dem Foto. Denn eingeladen waren vorwiegend Kinder, „deren Väter gefallen, vermißt oder noch in Kriegsgefangenschaft sind, und Neubürgerkinder“, heißt es in einem Protokoll. Es ist die Zeit der vaterlosen Nachkriegsgesellschaft.

Erst wenige Monate zuvor, am 25. Januar 1947, hatte sich der Ortsauschuss Leonberg der Arbeiterwohlfahrt (Awo) gegründet, dessen erster Vorsitzender war Eugen Bach. Für die fünf Gründer galt es zunächst, die schlimmste Not, von der vor allem Kinder betroffen waren, zu lindern: Es wurden Hoover-Speisungen organisiert, eine Nähstube eingerichtet, um Kleider herzustellen. Schnell wuchs die Mitgliederzahl des Ortsvereins an. Nach einem Jahr waren es bereits 126 Männer und Frauen, die sich in Leonberg in der AWO engagierten. Ein über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt gewordenes Projekt hatte Marta Giesemann, die zwischenzeitlich den Vorsitz übernommen hatte, initiiert: Ein von Blinden geflochtener „Babykorb“ wurde mit Wäsche aus den Nähkursen ausgestattet und an junge, mittellose Mütter weitergereicht.

Offizielle Gründung in Leonberg: 1947

„Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sind damals wie heute die Werte, denen sich die Arbeiterwohlfahrt verschrieben hat“, sagt der aktuelle Awo-Ortvereinsvorsitzende Marcus Mörk mit Blick auf die lange Geschichte des Wohlfahrtsverbandes. Die begann in Deutschland genau vor 100 Jahren. Wie 1947 waren es auch 1919 das Ende eines Krieges und dessen gravierende Folgen für die Bevölkerung, die Anlass zum Handeln gaben: Am 13. Dezember 1919 beschloss der Parteivorstand der SPD in Berlin, dem Vorschlag ihrer Frauensekretärin Marie Juchacz zu folgen und einen „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt“ zu gründen. Sie hielt am 12. Februar 1919 die erste Rede einer Frau in einem deutschen Parlament.

Frauen waren es auch in Leonberg, die hier schon lange vor der offiziellen Gründung des Ortsvereins 1947, in den frühen 30er Jahren, eine Gruppe der Awo bildeten. Am 8. November 1932 vermerkte das Gemeindeprotokoll von Eltingen: „Eine Frauengruppe des So. Dem. Vereins ersucht den Gemeinderat um Überlassung eines Schullokals zur Abhaltung von Nähkursen und um Wintersachen für die erwerbslosen Parteigenossen anzufertigen.“ Kurze Zeit später dann die Korrektur: „Es handelt sich nicht um einen Soz. Dem Verein, sondern um die Arbeiterwohlfahrt-Frauengruppe.“ Schon damals in Leitungsfunktion: Marta Giesemann.

Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege

„Bis heute ist die Awo ein dezentral organisierter Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege, der auf persönliche Mitgliedschaft in Ortsvereinen aufbaut“, sagt Marcus Mörk, der 2010 den Vorsitz von Monika Mather übernommen hat. „Die Arbeit der Awo sieht freilich heute anders aus als 1947. Waren es damals die Nähstuben, mit denen die Not der Menschen gelindert werden sollte, ist es heute unter anderem die Unterstützung von Familien und Alleinerziehenden, um Familie und Beruf besser in Einklang bringen zu können“, sagt Mörk. Ein weiteres wichtiges Element: die Schuldnerberatung, mit der überschuldeten Menschen ein finanzieller Neustart in die Gesellschaft ermöglicht werden soll. Derzeit seien vier Schuldnerberater im Ortsverein aktiv. Insgesamt zähle der Awo-Ortsverein Leonberg derzeit 89 Mitglieder – Tendenz steigend.

Daneben, sagt Marcus Möck, werden Vater-Kind-Spielgruppen für Kinder von eins bis zu sechs Jahren, ein Vater-Kind-Treff für Kinder von sechs bis 13 Jahren oder Vater-Kind-Freizeiten angeboten. Letztere gewannen 2016 sogar einen Preis bei einem Wettbewerb der Awo-Ortsvereine in Württemberg. Ganz neu im Angebot sei die Stadtranderholung „Stara XXL“ für 12- bis 14-Jährige. Mörk betont, dass alle Angebote auch für Nicht-Mitglieder offenstehen.

Das 100-Jahr-Jubiläum der Awo hat der Ortsverein Leonberg am Sonntag mit einem großen Familienfest in der Steinturnhalle begangen. Trotz des schönen Frühlingswetters fanden viele Besucher den Weg in die große Halle, vor allem die Hüpfburg kam bei den jungen Gästen besonders gut an. „Wir sind sehr zufrieden“, sagt Mörk. „Es waren viele da, die regelmäßig zu uns kommen, aber auch einige, die zum ersten Mal bei uns waren, das freut uns natürlich besonders.“




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