131. Mahnwache für inhaftierten Blogger Raif Badawi Ein Protest, der Rekorde bricht

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Vor fünf Jahren wurde der saudische Blogger Raif Badawi verhaftet. In Tübingen wird beharrlich seine Freilassung gefordert. Zur 131. Mahnwache kam Badawis Frau, Ensaf Haidar, aus dem kanadischen Exil.

Ensaf Haidar hält ein Foto ihres inhaftierten Mannes Raif Badawi. Die Mahnwachen organisieren  Max Steinacher (rechts vorne) und  Christopher Gohl (ganz rechts). Foto: Haas
Ensaf Haidar hält ein Foto ihres inhaftierten Mannes Raif Badawi. Die Mahnwachen organisieren Max Steinacher (rechts vorne) und Christopher Gohl (ganz rechts). Foto: Haas

Tübingen - Die einen waschen samstags ihr Auto, andere machen die Wocheneinkäufe. Max Steinacher, ein drahtiger Mann mit Goldbrille und feinem grauen Haar, geht samstags demonstrieren. Es ist ein stiller Protest und ein steter zugleich, in seiner Länge bricht er Rekorde. Seit Januar 2015 steht der ehemalige Lehrer jeden Samstag Punkt elf Uhr auf den Treppen der Tübinger Stiftskirche und fordert eine Stunde lang die Freilassung des saudischen Bloggers Raif Badawi. Vor ziemlich exakt fünf Jahren, am 17. Juni 2012, war der liberale Internetaktivist wegen angeblicher Beleidigung des Islams festgenommen und später zu einer drastischen Strafe verurteilt worden: 1000 Peitschenhiebe und zehn Jahre hinter Gitter.

Badawi sei längst zu einer Symbolfigur geworden für abertausende andere Gefangene, sagt Steinacher und ist auch bei der 131. Mahnwache mit seinem halben Freundeskreis und etlichen weiteren Aktivisten versammelt. Viele Lehrer, Juristen, Professoren im Ruhestand, viele älter als 60, alle hoch motiviert, so lange Plakate in die Höhe zu halten, bis Raif Badawi wieder ein freier Mann ist. Weder Minusgrade, Hitze noch Platzregen halten die Mahner von ihrem Protest ab. „Ich war anfangs überrascht, wie viele meinem Aufruf gefolgt waren“, erinnert sich der 69-jährige. Doch mittlerweile sei der Termin eine Selbstverständlichkeit und dank Mitgründer Christopher Gohl vom Tübinger Weltethos-Institut bestens organisiert. Nur wenn er in Kur oder im Urlaub ist, setzt Steinacher aus. Der Tübinger kennt sich aus mit Bürgerinitiativen, mal ging es gegen Atomkraftwerke, mal gegen das Freihandelsabkommen TTIP, aber der Marathonprotest ist sogar für ihn etwas besonderes.

Aus dem Exil in Kanada ist Ensaf Haidar als Gastrednerin angereist

Gut voll ist an diesem Samstag der Platz vor der Stiftskirche. Kamerateams drängeln sich, es gibt einen Büchertisch. Die Truppe von der Mahnwache musste sich eine größere Lautsprecheranlage leihen. Wo sonst höchstens eine handvoll Menschen stehen bleiben, sind mehr als 250 da. Sie alle wollen hören, was die unscheinbare kleine Frau auf der obersten Stufe zu sagen hat. Ensaf Haidar, 32 Jahre, angereist aus dem kanadischen Exil, kämpft für die Freiheit ihres Mannes. Sie verleiht Raif Badawi die Stimme, die er nicht mehr erheben kann. „Ich bin eigentlich kein politischer Mensch“, sagt Haidar über sich selbst, aber sie sei es ihrem Mann und den drei gemeinsamen Kindern schuldig. So tritt sie mutig ans Mikrofon und sagt, dass fünf Jahre des Wartens genug seien. Ihr Mann habe mehr persönliche Freiheiten gefordert in Saudi-Arabien, er habe die Anmaßung der Kleriker und die Machtbefugnisse der Sittenpolizei kritisiert. Forderungen, die heutzutage offen benannt werden dürften, doch er habe dafür einen hohen Preis zahlen müssen. „Alles, was er getan hat, ist, seine Meinung zu äußern“, sagt Ensaf Haidar und hat alle Mühe, weiterzusprechen. Sie drückt entschieden die Tränen weg und endet mit einem Appell an saudischen König Salman, ihren Mann endlich freizulassen.

Die Ausdauer der Tübinger, die Solidarität an einem Zipfel der Welt, den sie noch nie zuvor besucht hat, gibt Ensaf Haidar Kraft. Sie strahlt, als sie nach der Mahnwache mit Max Steinacher redet, der noch schnell die üblichen Dinge koordinieren muss: Plakate verstauen, Unterschriftenlisten einsammeln. „Ihr seid wie meine Familie“, sagt Ensaf Haidar, „es tut so gut, dass ihr solange durchhaltet.“

Fünf Jahre sind genug

Verurteilung

Vor fünf Jahren, am 17. Juni 2012, wurde der Blogger Raif Badawi von den Behörden in seinem Heimatland Saudi-Arabien verhaftet. Ein Gericht verurteilte ihn wegen „Beleidigung des Islam“ zu zehn Jahren Gefängnis, 1000 Peitschenhieben und zu einer Geldstrafe von umgerechnet 250 000 Euro. Die ersten50 Peitschenhiebe wurde öffentlich vollstreckt. Trotz internationaler Appelle ist eine Entlassung weiterhin nicht in Sicht.

Solidarität

Solidarität
Unter dem Motto „Fünf Jahre sind genug. Tübingen für Familie Badawi“ haben das Weltethos-Institut und weitere Institutionen die Menschenrechtsaktivistin Ensaf Haidar eingeladen. Die Frau von Raif Badawi wurde im Rathaus empfangen, es gab am Wochenende eine Lesung sowie eine Podiumsdiskussion über Pressefreiheit mit dem türkischen Journalisten und Erdogan-Kritiker Can Dündar.