2021 versus 1921 100 Jahre Deutschland – was hat sich verändert?

Streamingdienste und Mediatheken machen heute jedem unzählige Spielfilme und andere Bewegtbildangebote zu Hause zugänglich. Wie war das vor 100 Jahren? (Symbolbild) Foto: dpa/Rolf Vennenbernd
Streamingdienste und Mediatheken machen heute jedem unzählige Spielfilme und andere Bewegtbildangebote zu Hause zugänglich. Wie war das vor 100 Jahren? (Symbolbild) Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Vor genau 100 Jahren kam ein berühmter Film von Charlie Chaplin ins Kino. Deutschland bekam einen neuen Nationalfeiertag. Und die Lebensmittelläden waren weit weniger gut gefüllt als heute die Supermärkte.

Berlin - Vor 100 Jahren war der Erste Weltkrieg etwas mehr als zwei Jahre vorbei, die Republik war gegründet. Hyperinflation, Weltwirtschaftskrise und Nationalsozialismus standen den Menschen noch bevor. Auch die Goldenen Zwanziger waren noch nicht da, denn damit sind eigentlich nur die Jahre des Wirtschaftsaufschwungs 1924 bis 1929 gemeint. 100 Jahre später, im Jahr 2021, steckt Deutschland wieder in einer schwierigen Phase. Die Corona-Pandemie zeitigt viele Folgen. Doch ein Vergleich kann unsere heutigen Probleme einordnen.

ZEITGEIST und VIRUS: Heute moralisieren viele und glauben, alles äußern zu müssen. In den sozialen Netzwerken geben Leute ihren Mitmenschen Haltungsnoten, ärgern sich entweder über zu viel Lockerheit oder aber zu viel Strenge im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie. Das war vor 100 Jahren noch unmöglich. Die Spanische Grippe 1918 bis 1920 war kein großes Thema im Alltag, auch wenn in Deutschland etwa 300 000 Menschen daran starben, weltweit 25 bis 40 Millionen. Die Deutschen sprachen auch 1921 noch eher über die Kriegsfolgen und den Friedensvertrag von Versailles als über die Pandemie. In der Presse stand wenig über die Spanische Grippe. Die Regierungen hatten verboten, darüber zu informieren, mit der Begründung, dass das die Moral der Bevölkerung schwächen würde. Das einzige Land, in dem groß berichtet wurde, war das neutrale Spanien. So kam es auch zum Namen Spanische Grippe und dem Eindruck im Ausland, die Iberische Halbinsel sei viel stärker betroffen.

Supermarktregale waren weit weniger gefüllt

LEBENSERWARTUNG: Werte für die Lebenserwartung werden in der amtlichen Statistik auf Basis von Sterbetafeln nicht für Einzeljahre, sondern für Mehrjahreszeiträume berechnet. Eine Sterbetafel, die das Jahr 1921 einschließt, liegt dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden nicht vor. Nach den Ergebnissen der nächstvorliegenden Sterbetafel für 1924/1926 hatten Männer damals eine Lebenserwartung bei Geburt von 56 Jahren und Frauen von knapp 59 Jahren. Nach den Ergebnissen der aktuellen Sterbetafel 2017/2019 betragen diese Werte mittlerweile fast 79 (Männer) beziehungsweise 83 Jahre (Frauen).

ESSEN: Heute sind die Supermärkte und Discounter bekanntlich voll, jedes Jahr kommen Tausende neue Produkte auf den Markt. In der Broschüre „Zeitreise durch die Ernährung“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft heißt es zu der Zeit um 1920: „In den ersten Jahren nach dem Krieg herrscht ein chronischer Mangel an Grundnahrungsmitteln. Wie zu Kriegszeiten fahren die Stadtbewohner aufs Land, um dort Wertgegenstände gegen Nahrungsmittel zu tauschen.“ Oberstes Ziel der Ernährung sei das Sattwerden und weniger die Ausgewogenheit gewesen. „Kartoffeln und Rüben stehen ganz oben auf dem Speiseplan.“ Butter, Obst, Südfrüchte waren damals Mangelware. Statt Butter gibt es mehr Brot und billiges Schmalz oder Margarine.

Vor hundert Jahren gut doppelt so viele Haushaltsmitglieder

HAUSHALTSGRÖßE: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden hatte ein Haushalt in der Bundesrepublik zuletzt (2019) durchschnittlich 1,99 Haushaltsmitglieder. Nach alten Statistiken für das „Reichsgebiet“ waren es vor hundert Jahren gut doppelt so viele.

NATIONALFEIERTAG: Seit der Wiedervereinigung 1990 ist der 3. Oktober der deutsche Nationalfeiertag. Im Jahr 1921 wurde erstmals am 11. August der Nationalfeiertag begangen - der Verfassungstag. Er blieb es bis 1932. Die Nazis schafften ihn ab. Der Verfassungstag wurde auf Initiative der SPD, der linksliberalen DDP und der katholischen Partei Zentrum eingeführt. Am 11. August 1919 hatte Reichspräsident Friedrich Ebert die in Weimar erarbeitete Verfassung des Deutschen Reiches unterschrieben. Gleichzeitig wurde 1919 auch die schwarz-weiß-rote Flagge durch die Farben Schwarz-Rot-Gold ersetzt.

Film und Kino waren noch etwas Besonderes

FILM: Streamingdienste und Mediatheken machen heute jedem, der möchte, unzählige Spielfilme und andere Bewegtbildangebote zu Hause zugänglich. Vor 100 Jahren waren Film und Kino noch etwas Besonderes. 2021 sind wegen Corona viele Kinostarts unsicher, unter anderem aber soll ein neuer James Bond anlaufen („007: Keine Zeit zu sterben“) und die Komödie „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“ mit Michael Herbig und Hape Kerkeling. Vor 100 Jahren war noch Stummfilmzeit. In Amerika startete unter anderem „The Kid“ (Der Vagabund und das Kind) von Charlie Chaplin, in Deutschland kam das Werk erst 1923 ins Kino. Dafür feierten hierzulande unter anderem der Fantasyfilm „Der müde Tod“ von Fritz Lang, das Melodram „Sehnsucht“ von Friedrich Wilhelm Murnau und der Bergfilm „Die Geierwally“ mit Henny Porten Premiere.

PROMIS: Zum Geburtsjahrgang 1921 gehören Prominente wie Patricia Highsmith, Simone Signoret, Yves Montand, Peter Ustinov, Hans-Joachim Kulenkampff, Ilse Werner, Heinz Bennent, Deborah Kerr, Friedrich Dürrenmatt, Hildegard Hamm-Brücher, Joseph Beuys und Paul Watzlawick.




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