Interview75 Jahre Stuttgarter Zeitung „Mit Polizeischutz ging es zum Konzert“

Von  

Am 18. September 1945 spielte das Stuttgarter Kammerorchester (SKO) sein Gründungskonzert. Am selben Tag erschien die StZ zum ersten Mal. SKO-Intendant Markus Korselt spricht im Interview über Parallelen zwischen Zeitung und Orchester, Konzertreisen in undemokratische Länder und Künstliche Intelligenz.

Das Stuttgarter Kammerorchester ist auf den Bühnen der Welt zuhause. Kurz vor dem Konzert spielen sich die meisten Musiker in ihrem Hotelzimmer ein. Wie die Geigerin Judith Krins in  Kuala Lumpur. Foto: Reiner Pfisterer
Das Stuttgarter Kammerorchester ist auf den Bühnen der Welt zuhause. Kurz vor dem Konzert spielen sich die meisten Musiker in ihrem Hotelzimmer ein. Wie die Geigerin Judith Krins in Kuala Lumpur. Foto: Reiner Pfisterer

Stuttgart - Das Stuttgarter Kammerorchester (SKO) und die StZ haben auf Jahr und Tag genau gemeinsam Jubiläum. In ihrem Wirken sieht der Intendant durchaus Parallelen: Nach dem Zweiten Weltkrieg wie auch heute begreift sich das Orchester als Botschafter der Demokratie.

Herr Korselt, wie kam es eigentlich so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zur Gründung des SKO?

Nach Kriegsende hatten ein paar positiv verrückte Menschen nichts Besseres zu tun, als Kammermusik zu spielen – auf eine völlig neue Weise, die bis dahin unbekannt war. Sie haben das klassische Repertoire schlank und federnd gespielt und nicht im symphonischen Breitwandsound, der davor in Mode war.

Spannende Texte rund um 75 Jahre StZ in unserem Themendossier

Haben die Gründerväter der pompösen Nazi-Ästhetik ganz bewusst eine musikalische Reduktion entgegengesetzt?

Für ihren ersten Auftritt haben Karl Münchinger und seine Mitstreiter ein barockes Programm gewählt, das vor Schönheit nur so strotzte: Sie haben Vivaldi, Händel und den frühbarocken Meister Johann Hermann Schein gespielt, den heute nur noch Spezialisten kennen. Diese Musik wurde vor dem Hintergrund der Ständegesellschaft komponiert. So kann man die Gründung des SKO auch als musikalischen Trost, als Beginn eines Heilungsprozesses verstehen.

Wie wurde das SKO in der Folge zu einem Botschafter der Demokratisierung?

Das Orchester wurde von der Politik entdeckt, weil das ein neuer Ton war, der von Deutschland ausging. Das SKO war in den ersten Jahren ein willkommenes Mittel, die guten Deutschen im Ausland zu repräsentieren. Man hat sie auf wichtige Staatsempfänge vorausgeschickt, damit Deutschland nicht mit einem 150 Mann starken Symphonieorchester aus Berlin…

… einmarschiert…

… genau, nach dem Motto „die schon wieder“. Es gab ein legendäres Konzert in Frankreich, bei dem die Musiker des SKO unter Polizeischutz zum Saal gefahren wurden, weil man dachte, die Franzosen lynchen die Deutschen auf der Bühne. Und am Ende des Abends lagen sich die Besucher in den Armen und haben gejubelt und das Orchester nicht mehr von der Bühne gelassen. Diese Chance hat die Musik, die Politik aus sich heraus aber nicht.

Die Tradition führen Sie bis heute fort.

Vor Corona hatten wir pro Jahr zwei bis drei Interkontinentalreisen. Unser Schwerpunkt liegt natürlich auf Stuttgart und Baden-Württemberg, das ist unsere Heimat. Die Tourneen, die wir spielen, finanzieren aber die Konzerte in unserer Heimat. Wir müssen einen Gewinn machen, wenn wir nach Südamerika fliegen. Wir tragen also unsere Tradition ins Ausland und bringen etwas zurück.

Was für ein schwäbischer Ansatz! Kann man heute mit gutem Gewissen als Botschafter der Demokratisierung in China spielen?

Diese Frage stell ich mir vor jeder Konzertreise. Allerdings muss ich an dieser Stelle festhalten, dass wir kein politisches Orchester sind: Wir haben einen künstlerischen Auftrag. China ist zum Beispiel ein sehr wichtiger Markt für uns. Wir spielen dort in den größten und besten Sälen. Für den großen Parteitag würden wir sicherlich nicht die Umrahmung machen, wir sollten die Menschen dort aber nicht alleine lassen.

Im Video: 75 Jahre Stuttgarter Zeitung - Ein Blick hinter die Kulissen

In Ungarn sind aktuell freie Presse und freie Musik gleichermaßen gefährdet.

Mit der Regulierung der Presse geht oft auch eine Regulierung der Musik einher, durch den Austausch von Intendanten zum Beispiel. Ungarn ist eines der musikalisch reichsten Länder. Wie am Fließband kommen Weltklasse-Cellisten aus Ungarn. Man muss zwischen politischer Führung und den Menschen aber deutlich trennen.

Sehen Sie Parallelen zwischen Ihrem Orchester und der Zeitung in Bezug auf einen demokratischen Auftrag?

1945 sind die Parallelen für mich offensichtlich, weil auch die Zeitung einen Teil der Rückgewinnung der eigenen Geschichte darstellt. Demokratisierung ohne veröffentlichte Meinung und Kontrolle der Mächtigen ist nicht möglich. In vielen Diktaturen gibt es überdies keine freie Musikszene: Musik kann offensichtlich auch revolutionär wirken.

Wie demokratisch ist das SKO heute?

Heute drückt sich das Demokratische bei uns eher in der Lust am Überschreiten von Grenzen aus. Eine Woche nach dem Auftritt in der Elbphilharmonie spielen wir unter der Paulinenbrücke ein kostenloses Konzert. Musikvermittlung ist auch Demokratisierung: Im nächsten Jahr machen wir zum Beispiel eine Klassik-trifft-Hip-Hop-Oper mit dem Rapper Afrob in der Justizvollzugsanstalt in Adelsheim: Jugendliche Gefangene rappen ihre eigene Geschichte. Wir sind aber auch digitale Pioniere. Bei unseren Virtual-Reality-Konzerten bieten wir einen Zusatz-Nutzen, den man im Konzert nicht hat: Man kann mit der Brille durch das Orchester im Konzert gehen, sich neben seinen Lieblingsmusiker stellen und das Konzert aus dessen Perspektive verfolgen.

Stichwort Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI): Brauchen Sie Ihre Musiker in Zukunft überhaupt noch?

Interessanter Weise kriege ich diese Frage meist von Musikern gestellt. Dabei ist der erste Job, der wegfällt, wahrscheinlich meiner: Künftig wird die KI nach dem Zufallsgenerator dreimal nein und einmal ja sagen und man käme auch durch den Alltag. Spaß beiseite: Mittelmäßige künstlerische Leistung von Menschen wird mittelfristig überflüssig – und nicht erst in 100 Jahren. Was im Bereich der KI gerade passiert ist Grundlagenforschung: Es wäre doch ein schönes Ziel, KI nicht nur für industrielle oder militärische Anwendungen zu nutzen, sondern auch für künstlerische, oder?

Absolut. Letzte Frage: Wenn wir uns in 75 Jahren zum nächsten Jubiläumsinterview träfen, über welche Themen würden wir dann sprechen?

Wir würden den Wert des Echten, des Authentischen in der digitalen Welt feiern und herausstellen. Dass echte Menschen auf jahrhundertealten Instrumenten für echte Menschen Musik spielen, wird ein großer Luxus sein.




Unsere Empfehlung für Sie