Abenteuer Höhlenforschung Wie eine Wiedergeburt

Andreas Kücha erforscht seit 30 Jahren Höhlen – nicht nur aus Abenteuerlust. Foto: dpa
Andreas Kücha erforscht seit 30 Jahren Höhlen – nicht nur aus Abenteuerlust. Foto: dpa

Pure Abenteuerlust? Oder die letzte Möglichkeit der Moderne, völliges Neuland zu entdecken? Was Menschen antreibt, in tiefe Höhlen abzusteigen, weiß der Blautopf-Forscher Andreas Kücha. Er gehört seit 30 Jahren zum Club der Speleonauten.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)
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Blautopf - Am Sonntag ist Andreas Kücha wieder ins Blauhöhlensystem abgetaucht, 14 Stunden lang. Währenddessen war er abgeschnitten von allen Informationen über die große Politik, den Fußball in Brasilien oder die Rettungsaktion im Riesending, nur auf den elendenden Versturz tief in der Schwäbischen Alb fokussiert. Aus Ritzen quillt das Wasser der Blau entgegen, aber es ist immer noch keine Passage gefunden. Seit zwei Jahren verweigert sich die Höhle an dieser Stelle schon ihren Entdeckern. Aufgeben hieße für Andreas Kücha, ein Lebenswerk in schönster Blüte vorzeitig zu beenden.

Weitermachen, immer weiter, das ist eine Einstellung, die wohl allen Speleonauten eigen ist. Mit Stupidität oder Roboterhaftigkeit hat das nichts zu tun. Der strahlende Lohn einer Neuentdeckung wäre auch viel zu selten und gering, um allein die beträchtlichen Gesundheitsrisiken sowie den hohen Aufwand an Geld und Freizeit aufzuwiegen. Seine Aufbrüche sind für Andreas Kücha seit 30 Jahren Reisen in ein völlig anderes Selbsterleben, in dem alle Sinne wach sind. Der 46-Jährige fühlt auf seinen Expeditionen eigene Stärke und die Flüchtigkeit menschlichen Daseins zugleich. Er beschreibt es so: „Das Alltagsleben draußen geht weiter. Aber die Höhle bleibt bestehen. Man baut eine Beziehung zu ihr auf.“

Gegen überraschenden Steinschlag und wild gewordene Wasser ist auch der stellvertretende Leiter der Arbeitsgemeinschaft Blautopf er im Härtefall machtlos. Er hat das, da war er 17 Jahre alt, selbst erlebt, und gar nicht weit vom Riesending entfernt. In einer Höhle des Gebirgsstocks Reiteralm stieg nach enormen Regenfällen plötzlich das Wasser. Der Weg nach draußen blieb stundenlang versperrt.

Eine Versicherung gegen Risiken gibt es nicht, aber einen Fonds

Ruhig bleiben und für den Notfall auf den zähen Retterwillen der Forscherkameraden vertrauen, das sei alles, was man dann machen könne, sagt der Heidenheimer Kücha. Eine Versicherung, die speziell gegen Höhlenrisiken absichert, gibt es nicht. Wenn ihre Krankenversicherung nicht zahlt, können Höhlenforscher auf den Solidaritätsfond des Verbandes deutscher Höhlen- und Karstforscher vertrauen. Ihm sind 88 höhlenkundliche Vereine und Gruppen in sieben Landesverbänden angeschlossen. Die Mitglieder zahlen jährlich in diese Kasse ein, die zur Abmilderung von Schäden dient. Von diesem Topf könnte auch der eingeschlossene verletzte Johann Westhauser profitieren. Seit mindestens 15 Jahren, erzählt Kücha, seien Geldmittel angesammelt worden.

Speleonauten folgen ihrer Abenteuerlust, aber viele von ihnen nehmen noch Aufgaben im Dienst der Wissenschaft wahr. Sie schleppen Knochen, Fotos, Gesteinsbrocken mit an die Oberfläche, zur Freude etwa des Freiburger Landesamts für Geologie. Gerade am Sonntag, als er mit einem Geologen in die Blauhöhle geklettert sei, sagt Kücha, habe er eine ihm unbekannte mineralische Formation gesehen, „kreisrund und abgestuft“. Zurück an der Oberfläche sei ihm aufgetragen worden: „Beim nächsten Mal bitte Fotos machen.“

Manchmal im Dienst der Wissenschaft

Geologie, Hydrologie, Biologie – die Höhlengänger können vielen Experten dienlich sein und sind es schon gewesen. Höhlen seien schließlich wie ein „Klimaarchiv“, so Kücha. Geld gibt es dafür keines, über Buchpublikationen oder Vorträge kommt ein Bruchteil dessen wieder herein, was für Kletter- und Tauchgerät, Biwakausrüstung oder Notfallmedikamente privat investiert wird. Auch das hält die Gemeinde der Speleonauten zusammen. Und nicht nur die letzte Möglichkeit unserer Moderne, völliges Neuland zu entdecken.

Dann ist da noch etwas, ein alle Forscher verbindender Antrieb, der dem Laien nicht leicht zu erklären ist. Es ist das sich jedes Mal im ganzen Körper ausbreitende Glück auf den letzten Metern zurück ans Licht, zu Freunden, zur Familie. „Aus der Höhle rauskommen, das ist wie eine Wiedergeburt“, sagt Andreas Kücha.

Die Welt wartet gespannt, welche Worte Johann Westhauser finden wird, wenn er sein nächstes Leben beginnen darf.




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