Umstrittene Abgastests Wenn der Mensch zur Laborratte wird

Von  

Die Abgastests an Affen und Menschen haben für Entsetzen gesorgt. Doch Studien an Labortieren und menschlichen Probanden sind nach wie vor üblich. Denn die Suche nach Alternativen gestaltet sich schwierig.

Die meisten Versuchstiere sind Ratten oder Mäuse. Foto: AP
Die meisten Versuchstiere sind Ratten oder Mäuse. Foto: AP

Stuttgart - Angesichts der umstrittenen Experimente mit Dieselabgasen richtet sich der Blick auch auf Versuche an Tieren und Menschen in anderen Bereichen. Nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums, das die offizielle Statistik führt, wurden in Deutschland im Jahr 2016 rund 2,8 Millionen Versuchstiere eingesetzt. Diese Zahl ist im Verlauf der letzten zehn Jahre in etwa gleich geblieben. Bei den allermeisten Versuchstieren handelt es sich um Ratten und Mäuse.

Knapp 60 Prozent der Tierversuche dienen der medizinischen und biologischen Grundlagenforschung. Schwerpunkte bilden dabei Studien zum Immun- und Nervensystem. Versuchstiere werden auch für die Prüfung neuer pharmazeutischer Wirkstoffe in frühen Entwicklungsphasen eingesetzt. Die Schädlichkeit von Pflanzenschutzmitteln und anderen Chemikalien wird ebenfalls in Tierversuchen geprüft – auch um gesetzliche Vorgaben zu erfüllen. Kosmetika, deren Inhaltsstoffe an Tieren getestet wurden, dürfen in der EU seit 2013 nicht mehr verkauft werden.

Studien an menschlichen Probanden

In späteren Entwicklungsphasen werden neue Medikamente auch an menschlichen Probanden getestet – nachdem die Mittel zuvor bereits an Tieren geprüft wurden. Die Teilnehmer an solchen klinischen Studien müssen ihr Einverständnis erklären und im Vorfeld über mögliche Risiken aufgeklärt werden. Kritiker monieren, dass an diesen Studien vor allem ärmere Menschen teilnehmen würden, für die die finanzielle Entschädigung attraktiv sei. Der Verband forschender Arzneimittelhersteller verweist auf die strengen gesetzlichen Regelungen für klinische Studien. Aktuelle Zahlen darüber, wie viele Menschen daran in Deutschland teilnehmen, gibt es nach Angaben des Verbands nicht.

Joachim Boldt vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Freiburg hält die abschließende Prüfung pharmazeutischer Wirkstoffe an Menschen weiter für notwendig. „Die mit Tieren erzielten Ergebnisse lassen sich nicht immer ohne weiteres auf den Menschen übertragen“, sagt der Wissenschaftler. Und ohne Tierversuche komme man bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe ohnehin nicht aus. „Die Alternative wäre der Verzicht auf neue Therapien oder aber ein deutlich höheres Risiko für den Menschen“, sagt Boldt, der für die Genehmigung klinischer Studien an der Uni Freiburg mitverantwortlich ist.

Die Abgasversuche an Affen und Menschen im Auftrag der Autoindustrie hält der Wissenschaftler nicht nur für ethisch bedenklich. Sie seien auch methodisch fragwürdig. „Wenn man Tiere oder Menschen nur für kurze Zeit erhöhten Stickstoffdioxidkonzentrationen aussetzt, lassen sich daraus keine Schlüsse über mögliche Langzeitfolgen für den Menschen ableiten“, sagt Boldt. Für solche Fragestellungen gebe es epidemiologische Studien. Dabei wird die Gesundheit von Personengruppen miteinander verglichen, die unterschiedlich stark mit einem bestimmten Schadstoff belastet sind. Boldt verweist zudem darauf, dass für toxikologische Studien normalerweise keine Primaten eingesetzt werden.

Wenig Geld für die Suche nach Alternativen

Der Ethiker kritisiert, dass wenig Geld in die Suche nach Alternativen zu Tierexperimenten fließe. Nach Angaben der Organisation „Ärzte gegen Tierversuche“ fördern Bund und Länder entsprechende Projekte mit 5,75 Millionen Euro im Jahr. Dabei heißt es auf der Internetseite des Agrarministeriums, es sei „langfristiges Ziel“, Tierversuche ganz zu ersetzen. Baden-Württemberg vergibt nach Angaben von „Ärzte gegen Tierversuche“ jährlich 400 000 Euro zur Förderung von „Ersatz und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch“.

Als mögliche Alternativen werden beispielsweise Zellkulturen untersucht. Allerdings sei es schwer, daraus auf komplexe Organismen zu schließen, sagt Boldt. „Man bräuchte quasi nachgebildete Organsysteme aus lebenden Zellen – und das bleibt vorerst ein Wunschtraum.“ Immerhin ist es Forschern laut „Ärzte gegen Tierversuche“ bereits gelungen, eine künstliche Lunge auf einem Chip zu entwickeln, mit der sich Substanzen testen lassen. Ferner gebe es die Möglichkeit, menschliche Lungenzellen direkt mit Stoffen zu bedampfen.