Affenlaute gegen Hertha-Profi Torunarigha Der Tabubruch auf Schalke und die Folgen

Von Daniel Theweleit 

Schalke-Fans sollen im Pokal gegen Hertha BSC Jordan Torunarigha mit Affenlauten beleidigt haben. Das zeigt einmal mehr, wie schwer sich der Fußball und Schalke 04 mit dem Thema Rassismus tun.

Nach dieser Szene war das Pokalspiel für Schalke-Trainer David Wagner und Berlins Jordan Torunarigha beendet. Foto: dpa/Bernd Thissen
Nach dieser Szene war das Pokalspiel für Schalke-Trainer David Wagner und Berlins Jordan Torunarigha beendet. Foto: dpa/Bernd Thissen

Gelsenkirchen - Als Clemens Tönnies kurz nach dem Ende einer dramatischen Verlängerung fröhlich pfeifend durch die Interviewzone der Arena auf Schalke lief, wusste er vermutlich noch nicht, dass auch sein Name eine Rolle in den Nachbetrachtungen der Partie spielen würde. Der Aufsichtsratschef des königsblauen Revierclubs freute sich einfach darüber, dass Schalke 04 einen 0:2-Rückstand in einen 3:2-Erfolg verwandelt hatte. Dass wieder einmal zu sehen war, was für ein starker Wille die Mannschaft von Trainer David Wagner auszeichnet. Erst in der halben Stunde nach der Partie wurde deutlich, dass auch andere Faktoren Einfluss auf dieses Ergebnis genommen hatten. Düstere Kräfte aus dem Publikum.

„Du darfst sie nicht gewinnen lassen“

Irgendwann im Verlauf der zweiten Halbzeit sollen Zuschauer – mutmaßlich Anhänger des FC Schalke – den Berliner Spieler Jordan Torunarigha durch das Imitieren von Affenlauten rassistisch beleidigt haben. „Ich möchte mich im Namen des FC Schalke 04 dafür bei dem Jungen und bei Berlin entschuldigen“, sagte Wagner später, aber das war ein schwacher Trost für die Gäste aus der Hauptstadt. Denn für den tief gekränkten Verteidiger, der in Chemnitz als Sohn des ehemaligen nigerianischen Nationalspielers Ojokojo Torunarigha aufgewachsen ist, war der Pokalabend längst zu einem traumatischen Erlebnis geworden.

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„Jordan (. . .) stand heulend auf dem Platz“, erzählte Berlins Kapitän Niklas Stark später und forderte am Tag danach: „So was geht gar nicht. Da müssen wir als Mannschaft, als Verein, eigentlich die ganze Bundesliga hinter ihm stehen.“ Torunarigha musste zum Weiterspielen überredet werden, „ich habe ihm gesagt: Du darfst sie nicht gewinnen lassen, du musst weiterspielen“, berichtete Schalkes Benito Raman. In der Verlängerung verlor Torunarigha jedoch die Nerven.

S04-Chef Tönnies war ebenfalls schon auffällig geworden

Nachdem er beim Stand von 2:2 gefoult worden war, warf er einen Getränkekasten auf den Boden und sah die Gelb-Rote Karte; in Unterzahl verlor Hertha BSC das wohl beste Spiel unter Trainer Jürgen Klinsmann noch. Die Schilderungen der Berliner deuten darauf hin, dass dieser Akt der Frustration eine Folge des Ausnahmezustandes war, in dem Torunarigha nach den rassistischen Ausfällen weiterspielte. „Die emotionale Situation von so einem jungen Kerl, die kann man sehr schwer einschätzen“, sagte Klinsmann.

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Schalke 04 ist damit bereits zum zweiten Mal im laufenden Spieljahr mit dem Thema Rassismus konfrontiert: Clemens Tönnies, der Aufsichtsratschef, ist in dieser Saison ebenfalls schon auffällig geworden und war deshalb intern drei Monate lang gesperrt. Diese Schalker Vorgeschichte führt ziemlich direkt zu der These, dass der Großmetzger mit seinem rassistischen Vorschlag für den Kampf gegen den Klimawandel („Wenn wir sie nämlich elektrifizieren . . . dann hören die auf, die Bäume zu fällen, und hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren“) Grenzen aufgeweicht haben könnte, die nun am Dienstagabend von ein paar Zuschauern übertreten wurden.

Schiedsrichtergespann wirkte mit der Situation überfordert

Tönnies hat sich zwar entschuldigt, da er aber Aufsichtsrat bleiben durfte und nach dem Ende seiner Sperre als rehabilitiert gilt, ist die Botschaft dieses Umgangs des FC Schalke 04 mit seinem mächtigen Chef gefährlich: Eine rassistische Äußerung kann einem schon mal rausrutschen, ein echter Rassist ist man deshalb noch lange nicht – und man wird zügig wieder mit offenen Armen empfangen. Dieser Eindruck bleibt bei den Leuten auf den Tribünen in der Arena womöglich hängen.

Jenseits der Hochglanzkampagnen tut der Fußball sich weiterhin schwer mit dem Problem, auch die Schiedsrichter wirkten am Dienstag hilflos und überfordert. Er habe vor der Verlängerung extra bei den Unparteiischen vorgesprochen und darauf hingewiesen, dass sie Torunarigha „schützen müssen, dass sie ihm helfen müssen“, erzählte Klinsmann später. Doch statt zu deeskalieren, statt das von Berlins Trainer erhoffte „Fingerspitzengefühl“ zu entwickeln, flog der Verteidiger nach seinem Getränkekistenwurf vom Platz. Auf eine Durchsage über die Stadionlautsprecher verzichteten die Unparteiischen ebenfalls, laut DFB-Schiedsrichterfunktionär Peter Sippel, weil „der Kontext nicht mehr herzustellen“ gewesen wäre. Immerhin fertigte Schiedsrichter Harm Osmers einen Sonderbericht an, nun ermittelt der Kontrollausschuss beim DFB.

Jochen Schneider kündigt „null Toleranz“ an

Schalkes Trainer David Wagner wurde in der gleichen Szene nach einem halb beruhigenden, aber auch ein wenig maßregelnden Griff an den Hals Torunarighas mit einer Roten Karte ebenfalls des Platzes verwiesen.

Noch am Abend erklärte Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider, der Club werde „null Toleranz für Vollidioten dieser Art“ zeigen, in einer Stellungnahme am Mittwoch hieß es: Man nehme die Aussagen von Torunarigha „hinsichtlich rassistischer Aussagen und Laute gegen ihn sehr ernst“, der Fall werde gemeinsam mit der Polizei und dem Sicherheitsdienst geprüft. Schneider kündigte an, „alles dafür zu tun, dass wir diejenigen, die verantwortlich sind, ausfindig machen“. Sollte das gelingen, stellt sich allerdings das nächste Problem: Wie wollen die Schalker überzeugende Sanktionen finden, die nicht im Widerspruch zu der Milde stehen, mit der der Club Clemens Tönnies bestrafte?




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