Trotz der umstrittenen EU-Entscheidung wird es auch künftig ein breites Angebot an Finanzprodukten ohne Atomenergie geben. Worauf Kernkraftgegner beim Geldanlegen achten können.

Korrespondenten: Barbara Schäder (bsa)

Frankfurt - Als nachhaltig etikettierte Aktienfonds, über die Kundengelder in Atomenergie fließen? Was für viele Menschen absurd klingt, ist heute schon auf dem Markt verfügbar. Da die EU-Kommission Atomkraft als nützlich für den Kampf gegen den Klimawandel einstuft, wird sich daran wohl nichts ändern. Allerdings gibt es eine breite Auswahl an nachhaltigen Finanzprodukten, bei denen Investitionen in Atomenergie ausgeschlossen werden. Eine Bestandsaufnahme.

Was genau plant die EU-Kommission?

Die EU will für ihre Klimaschutzziele Geld privater Investoren mobilisieren. Die Finanzbranche soll deshalb unter dem Titel „Taxonomie“ eine Art Kriterienkatalog erhalten, welche wirtschaftlichen Aktivitäten den Übergang zu einer klimaneutralen Gesellschaft unterstützen. Nach Auffassung der Brüsseler Behörde zählen dazu auch Erdgas und Kernkraft, weil bei der Nutzung dieser beiden Energiequellen im Vergleich zu Kohle und Öl weniger Treibhausgase ausgestoßen werden. Wenn der von der EU-Kommission vorgeschlagene Rechtsakt in Kraft tritt, könnten Investitionen in Gas- oder Atomkraftwerke also ganz offiziell als nachhaltig bezeichnet werden.

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Wie sieht es bislang aus?

Eine allgemein verbindliche Definition „nachhaltiger“ Geldanlagen gibt es bislang nicht. Unter diesem Etikett werden zahlreiche Finanzprodukte angeboten, bei deren Zusammenstellung sogenannte ESG-Kriterien berücksichtigt werden – das Kürzel steht für die englischen Begriffe Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (gute Unternehmensführung).

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Bei Privatanlegern besonders beliebt sind ESG-Fonds, über die Geld in Aktien oder Anleihen verschiedener Unternehmen fließt. Unter diesen ESG-Fonds gibt es schon heute einige, die auch in Aktien von Atomkraftwerk-Betreibern investieren. Ein Beispiel ist der ETF (börsengehandelte Indexfonds) MSCI EMU ESG Enhanced von Ishares. Er umfasst Unternehmen aus der Europäischen Währungsunion, darunter auch den spanischen Versorger Endesa, dem mehrere Atomkraftwerke gehören.

Woran erkenne ich, ob ein Fonds in Atomkraft investiert?

Viele Anbieter hierzulande verzichten bei ihren nachhaltigen Finanzprodukten auf Investitionen in Kernenergie. Das gilt nicht nur für explizit ökologisch oder ethisch orientierte Finanzinstitute. Auch mehrere große Fondsgesellschaften schließen bei Nachhaltigkeitsfonds Investitionen in Unternehmen aus, die mehr als fünf Prozent ihrer Umsätze in Kernkraft investieren. Beispiele sind die Deutsche-Bank-Tochter DWS, die Fondsgesellschaft der Genossenschaftsbanken, Union Investment, und das Wertpapierhaus der Sparkassen, die Deka. Auch die Nachhaltigkeitsfonds von Allianz Global Investors sind überwiegend frei von Kernkraft.

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Eine weitere Orientierungshilfe bietet das Nachhaltigkeitssiegel des Forums nachhaltige Geldanlagen (FNG): Mit dem FNG-Siegel ausgezeichnete Fonds investieren nicht in Unternehmen, die mehr als fünf Prozent ihrer Umsätze mit Atomstrom, Komponenten für Kernkraftwerke oder dem Abbau von Uran erzielen.

Wird sich daran durch die EU-Taxonomie etwas ändern?

Ein klares Bekenntnis zur Fortsetzung der bisherigen Anlagestrategie kommt von der Deka: „Stand heute bleiben unsere Filter für nachhaltige Finanzprodukte wie sie sind“, erklärte der Leiter Nachhaltigkeit bei Deka Investment, Ingo Speich, in einem auf der Website des Unternehmens veröffentlichten Interview. Vorsichtiger äußerte sich sein Kollege von Union Investment, Henrik Pontzen: „Sollte die Taxonomie die Kernkraft aufgrund ihrer CO2-Bilanz zu einem nachhaltigen Geschäftsfeld erklären, werden wir prüfen, wie wir damit angemessen umgehen können.“ Der Leiter für nachhaltige Anlagelösungen bei der DWS, Dennis Hänsel, sagte unserer Zeitung: „Wir würden uns wünschen, dass wir in Deutschland den von den großen Anbietern bisher verfolgten Weg weitergehen.“ Er befürchtet allerdings, dass Kunden aus weniger atomkritischen Ländern unter Verweis auf die neue EU-Taxonomie sich von Anbietern vermehrt ESG-Fonds wünschen könnten, die Wertpapiere von Atomkraftbetreibern einschließen.

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Kann die Bundesregierung Atomkraft in Nachhaltigkeitsfonds verbieten?

Tatsächlich arbeitet die Finanzaufsicht Bafin an einer Richtlinie für nachhaltige Investmentvermögen, die Investitionen in Atomkraft weitgehend ausschließen soll. Nachhaltigkeitsfonds dürften keine Wertpapiere von Unternehmen kaufen, die mehr als zehn Prozent ihrer Umsätze mit Atomstrom erzielten, heißt es in einem Entwurf der Richtlinie. Die endgültige Fassung soll in Kürze veröffentlicht werden. Auch wenn es bei der Formulierung zur Atomkraft bleiben sollte, gilt die Bafin-Vorgabe allerdings nur für in Deutschland aufgelegte Fonds. Auf dem Markt sind hierzulande aber auch zahlreiche Fonds, die in anderen EU-Staaten aufgelegt werden.

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