Aktion von Stuttgarter Aktionsbündnis 400 leere Stühle sollen an Schicksal Geflüchteter erinnern

Leere Stühle vor dem Schauspielhaus in Stuttgart Foto: dpa/Vanessa Reiber
Leere Stühle vor dem Schauspielhaus in Stuttgart Foto: dpa/Vanessa Reiber

Das Stuttgarter Aktionsbündnis für Menschenrechte und Flucht hat mit 400 leeren Stühlen die Innenminister, die in Stuttgart konferieren, an das Schicksal Geflüchteter erinnern wollen.

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Stuttgart - Bis auf die eine oder andere rote Nelke sind sie leer. Allein die Schilder an der Rückenlehne künden davon, wer auf den 400 schwarzen Klappstühlen vor dem Schauspielhaus sitzen und dem Duo Lechativre lauschen könnte, das auf der überdachten Bühne „Concerto de l ́Adieu“ des französischen Komponisten Georges Delerue gefühlvoll intoniert. „Hier ist Platz für Menschen, die über das Mittelmeer flüchten“ ist auf einem zu lesen. Auf einem anderen „Hier ist Platz für Menschen, die an der polnisch-russischen Grenze festgehalten werden“. Eine „Empfangsgala vor leeren Rängen“, zu dem das Stuttgarter Aktionsbündnis für Menschenrechte und Flucht (SAMFT) geladen hat, dem unter anderem die Seebrücke Stuttgart, Amnesty Stuttgart und der Flüchtlingsrat BW angehören.

Leere Stühle stehen für möglichen Platz für Geflüchtete

Anlass ist die 215. Sitzung der Innenministerkonferenz (IMK), die vom 1. bis 3. Dezember in Stuttgart stattfindet. „Die leeren Stühle stehen sinnbildlich für den Platz, den wir für geflüchtete Menschen in unserer Gesellschaft hätten, der ihnen aber durch politische Blockaden und fehlenden Willen zu helfen verwehrt bleibt“, so Jonas Gutknecht und Ronja Narr von der Seebrücke Stuttgart unisono. Und Narr führt in ihrer Rede aus, dass die IMK helfen könne. Deutschland habe Kapazitäten, Menschen aus den Lagern an den europäischen Außengrenzen in Polen, in Bosnien und in Griechenland aufzunehmen – und so die vielen Toten im Mittelmeer zu verhindern.

„In diesem Jahr sind bereits über 1600 Menschen ertrunken, seit 2014 über 22 943 Menschen.“ An der belarussischen-polnischen Grenze, wo wohl 2000 Geflüchtete inzwischen in provisorischen Camps lebten, seien mindestens 13 gestorben. Molière habe im 17. Jahrhundert gesagt: „Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“
 So sei es auch bei der IMK: Leere Plätze wegen der Punkte, die nicht auf der Tagesordnung stünden – etwa Evakuierung der griechischen Lager oder eine staatliche Seerettungsmission.

Keine gewöhnliche Demo

Man wolle die Innenministerinnen und Innenminister auf ihre Verantwortung hinweisen. Nicht mit einer üblichen Demo, sondern „mit einem eindrücklichen Bild“, bekräftigt Gutknecht. Das ist gelungen. Die leeren Stühle im strömenden Regen, das geht unter die Haut, nicht weil es kalt ist. Auch weil Martin Richter vom Arbeitskreis Asyl aus dem Buch „Todesursache Flucht. Eine unvollständige Liste“ liest, Menschen mit Namen und Unbekannte aufzählt, die auf der Flucht ertrunken, erfroren, erschlagen, erdrückt wurden.

Weil Antonia Dietz im Song „Schmetterling“ das Nicht-Wissen-Wohin beklagt; weil die junge Sopranistin Hannah Gries gefühlvoll in „You will return“ aus „Death speaks“ des US-amerikanischer Komponisten David Lang eintaucht – im eigens zusammengestellten Kommilitonen-Quartett der Musikhochschule Stuttgart; weil ein Fellbacher Streicherquartett um Jungcellist Elias Fried mitreißend Yasuharu Takanashis „Experienced Many Battles“ und Karl Jenkins „Palladio“ gibt. Über persönliche Kontakte habe man die Musikerinnen und Musiker engagieren können. „Sie spielen ohne Gage!“, dankt Narr. „Sie haben die Empfangsgala vor leeren Rängen überhaupt erst möglich gemacht.“




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