Albert Dulks Stück Lea auf der Esslinger Bühne Die Mechanismen des Antisemitismus

Von Philipp Braitinger 

Das Ensemble der Württembergischen Landesbühne las am Samstag Szenen aus Albert Benno Dulks „Lea“, dem ersten Theaterstück Deutschlands, das den Justizmord an Joseph Süß Oppenheimer kritisiert.

Friedrich Schirmer (alias Lanbek Vater, links)  Markus Michalik  (Lanbek Sohn) flankieren Lara Haucke (Lea). Rechts von ihr liest  Reinhold Ohngemach (Joseph Oppenheimer) und Sabine Bräunling gibt die Erzählerin des Stücks „Lea“ von Albert Dulk. Foto: Michael Steinert
Friedrich Schirmer (alias Lanbek Vater, links) Markus Michalik (Lanbek Sohn) flankieren Lara Haucke (Lea). Rechts von ihr liest Reinhold Ohngemach (Joseph Oppenheimer) und Sabine Bräunling gibt die Erzählerin des Stücks „Lea“ von Albert Dulk. Foto: Michael Steinert

Esslingen - Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet am 9. November ein Werk auf die Bühne kommt, das den Justizskandal um Joseph Süß Oppenheimer zum Inhalt hat, und das den Antisemitismus und den gesellschaftlichen Hass auf Minderheiten anprangert. Während viele Menschen am 9. November den Fall der Berliner Mauer 1989 feiern, war es ebenso der 9. November, als im Jahr 1923 der Hitler-Putsch in München stattfand, und später, im Jahr 1938, die Reichspogromnacht.

„Das Datum ist uns allen bewusst. Wir müssen wachsam sein. Ich hoffe und bete dafür, dass sich die Geschichte nicht wiederholt“, erklärte der Intendant der Württembergischen Landesbühne Friedrich Schirmer am Abend, in der ausverkauften szenischen Lesung des Stücks. Erstmals war Dulks „Lea“ im Jahr 1988 an der Württembergischen Landesbühne in Esslingen zu sehen. Damals sei er sich sicher gewesen, dass es in Deutschland nie wieder einen öffentlichen und salonfähigen Antisemitismus geben werden, erinnerte sich Schirmer. Die Gewissheit von damals sei inzwischen jedoch nicht mehr vorhanden, klagte er.

Eine fiktive Liebesgeschichte

In „Lea“ wird die Geschichte Oppenheimers anhand einer fiktiven Liebesgeschichte zwischen Gustav Lanbek (gelesen von Markus Michalik), dem Sohn eines der größten Feinde Oppenheimers, und Lea (gelesen von Lara Haucke), der Schwester Oppenheimers, erzählt. Dabei nimmt Dulk das Leben des Stuttgarter Bankiers viel schärfer in den Blick, als es noch Wilhelm Hauff in seiner Novelle „Jud Süß“ im Jahr 1827 tat, die Dulk als literarische Vorlage diente.

Zunächst gelang Oppenheimer, der von Reinhold Ohngemach gelesen wurde, ein kometenhafter Aufstieg am Hofe des katholischen württembergischen Herzogs Karl Alexander. Der jüdische Finanzberater, der unter einem katholischen Herrscher diente und die evangelische Bevölkerung des Landes mit Steuern belastete, zog sich den Unmut der Stände und der Bevölkerung zu. „Das war Zündstoff“, so brachte es die Erzählerin des Abends, Sabine Bräunling, vor dem Beginn der Lesung auf den Punkt. Nach dem Tod des Herzogs wurde Oppenheimer unter anderem wegen Hochverrats angeklagt und nach einem selbst für damalige Verhältnisse skandalösen Gerichtsverfahren 1738 zum Tode verurteilt.

Der Verurteilte wurde erdrosselt

Der Verurteilte wurde erdrosselt und seine Leiche sechs Jahre lang in einem Käfig in Stuttgart ausgestellt. Für Oppenheimers Schwester Lea endet das Drama nur wenig besser. Sie stirbt an Verzweiflung und Enttäuschung über ihren geliebten Gustav, der ihrem Bruder nicht helfen wollte oder konnte. Gustav entzweit sich endgültig von seinem Vater.

Dass das Stück nun erneut auf die Bühne kam, ist dem Geburtsjahr Dulks geschuldet, der vor 200 Jahren, am 17. Juni 1819, in Königsberg geboren wurde. „Lea“ wurde im Jahr 1848 uraufgeführt und seitdem erst wieder 1988. Dulk ließt sich in seinen letzten Lebensjahren in Untertürkheim nieder und arbeitete in einer Waldarbeiter-Hütte beim Esslinger Jägerhaus, das heute als Dulkhäusle bekannt ist.

Auf der Bühne war auch der StZN-Redakteur Ulrich Stolte, der als Dulk-Biograph nach der Lesung Fragen des Publikums beantwortete. „Es ist die Radikalität und Menschenliebe Dulks, die das Stück einzigartig macht“, meinte er.