Albrecht Puhlmann startet seine Intendanz im Mannheim Neuer Atem für die Oper

Von Susanne Benda 

Fünf Jahre lang war Albrecht Puhlmann Opernchef in Stuttgart – allerdings ohne Rückhalt in der Politik, die seinen Vertrag 2011 auslaufen ließ. Jetzt startet der 60-Jährige am Nationaltheater Mannheim neu durch. Verdis „Aida“ ist am Samstag die erste Premiere.

Albrecht Puhlmann Foto: Christian Kleiner, Nationaltheater Mannheim
Albrecht Puhlmann Foto: Christian Kleiner, Nationaltheater Mannheim

Mannheim - Er ist wieder da. Sitzt in seinem Zimmer im Werkhaus des Mannheimer Nationaltheaters, umgeben von gut gefüllten Regalen voller schlauer Bücher. Mit deren Hilfe ließe sich unschwer der Weg des heute 60-Jährigen rekonstruieren: der Beginn seiner musiktheatralischen Sozialisation als Dramaturg (und Begleiter des Regisseurs Herbert Wernicke), die Jahre als Chefdramaturg in Kassel und Basel (wo er auch Operndirektor war), ab 2001 die erste Opernintendanz in Hannover, von 2006 der Wechsel an die Oper Stuttgart. Auch hier blieb er nur fünf Jahre – „zu kurz“, wie er bei seinem Abschied 2011 entschieden betonte. Damals klangen die wenigen Worte, die er zur Nichtverlängerung seines Vertrages öffentlich sagte, verbittert. Die Art, „wie hier ein Intendant abgeschafft wird“, so Albrecht Puhlmann damals im Interview mit dieser Zeitung, finde er „skandalös“, und: „Eine Kulturpolitik, die geduldig ist, sich einlässt und aktiv teilnimmt, gibt es heute offenbar nicht mehr. Seitens der Politik ging es in Stuttgart immer weniger um Förderung als um Forderung.“

Der Abschied von Stuttgart liegt jetzt fünf Jahre zurück. Puhlmann ist damals mit seiner Familie nach Berlin gezogen, war daheim, las, begleitete die Töchter durch ihr Abitur, hat zwischenzeitlich als freier Dramaturg gearbeitet und war hier und dort auch bei Premieren zu sehen: schmal, scheu, verletzt. „Ich brauchte erst einmal Distanz“, kommentiert er das jetzt, und am langen Tisch im Zimmer des Mannheimer Opernintendanten spürt man, dass die Verbitterung weg ist. Wenn man Albrecht Puhlmann fragt, wie er sich fühlt nach fünf ungeplanten Jahren des Nichts- oder zumindest des Wenigtuns, dann klingt seine Antwort selbstkritisch, aber auch versöhnlich. „Ich denke sehr positiv zurück“, sagt er, und dass ihm das Stuttgarter Haus immer noch sehr nahe sei. Ja, die Nähe zur Politik hätte er damals in Stuttgart stärker suchen müssen und „nicht so früh resignieren“ dürfen; es sei schade, dass damals seitens der Politik so wenig Geduld da gewesen sei, „und ich habe wohl auch nicht deutlich genug machen können, was ich künstlerisch will“.

Mutige Neuproduktionen – und Stabilität in repertoire und Ensemble

Das soll und kann jetzt in Mannheim anders werden: wegen der kürzeren Wege, die in der 325.000-Einwohner-Stadt Theater und Rathaus verbinden, vielleicht aber auch mithilfe eines Spielplans, der behutsam Altes mit Neuem verbindet. Eine „Aida“ zu Beginn, dann Händels „Hercules“, die Kabarettrevue „Wie werde ich reich und glücklich?“ des Berliner Chanson-Komponisten Mischa Spoliansky von 1930, ein szenischer Liederabend (Berlioz, Wagner) mit Angela Denoke, der Beginn eines vierteiligen Monteverdi-Zyklus mit „Ulisse“, Schumanns „Genoveva“, die Uraufführung eines neuen Musiktheaters von Chaya Czernowin („Infinite Now“) und schließlich noch Brecht/Weills „Mahagonny“: Das ist das Neue – bunt, ausgefallen, nicht ohne Risiko. „Ich brauche die Neugier des Publikums“, gibt Puhlmann zu. Für den Rest sorgt der hochwertige Bestand.

Am Nationaltheater Mannheim sei ein Opernrepertoire herangewachsen, das man pflegen müsse. „Für mich“, betont Puhlmann, „ist Repertoire die Basis für das, was wir neu machen.“ Das gelte für die „Elektra“-Inszenierung von Ruth Berghaus ebenso wie für „Hänsel und Gretel“ aus dem Jahr 1970 – und natürlich auch für die legendäre „Parsifal“-Produktion, die demnächst an seinem neuen Haus ihr 60-jähriges Bestehen feiert. „Manche dieser alten Inszenierungen“, sagt der Intendant, „funktionieren in ihrer Art der Erzählung erstaunlicherweise besser als manche neuen.“ Überhaupt werde ja heute „das Museale der Oper nicht mehr per se kritisiert“, und der „grundpolitische Diskurs“ habe sich in den Theatern und bei den Besuchern verändert. Heute stehe die Emotion wieder viel stärker im Vordergrund, und „das, was früher intellektuell dazwischengeschaltet war und was manchmal zu großartigen Ergebnissen, manchmal aber auch zu Verkrampfungen geführt hat, machen jüngere Regisseure heute anders“.