Altkreis Das Grauen lauert vor der Haustür

Von Kathrin Klette 

Geistergeschichten haben eine lange Tradition, auch hierzulande. Von den heimischen Sagen geht eine besondere Faszination aus, weil sie immer einen realen Kern haben und in ihnen Dichtung und Wahrheit verschwimmen.

An einem trüben Herbsttag kann es einem im Merklinger Wald schon recht mulmig zumute werden. Foto: Kathrin Klette
An einem trüben Herbsttag kann es einem im Merklinger Wald schon recht mulmig zumute werden. Foto: Kathrin Klette

Altkreis - Eine weiße Frau streift durch die Gänge des Graevenitz’schen Schlosses, ein Mönch muss für einen Meineid bis in alle Ewigkeit als Gespenst im Merklinger Wald umherwandeln. Und in der fast vergessenen Meisenburg bei Renningen lag einst ein Schatz verborgen, der nur geborgen werden konnte, wenn niemand in dem Gemäuer ein Wort sprach. So heißt es in drei alten Sagen, die man sich in Heimsheim, Renningen und Weil der Stadt erzählt. Eine besondere Faszination geht bis heute von solchen Geschichten aus. Denn sie spielen nicht in irgendeinem fernen Land oder einer imaginären Märchenwelt. Das Wundersame, aber auch das Unheimliche warten direkt vor der Haustür.

„Das ist das Wesen der Sage, das Besondere an ihr: Dass es immer Geschichten sind, die einen realen Bezug haben“, erklärt Mathias Graner, der Stadtarchivar von Renningen. „Es geht um einen realen Ort oder eine reale Person, doch dann kommen mystische Elemente hinzu. So verschwimmt die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit.“

Die Meisenburg gab es wirklich

Das Graevenitz’sche Schloss, das heutige Heimsheimer Rathaus, kennt vermutlich jeder. Bei der Meisenburg sieht das schon ganz anders aus. Doch es gab sie. Unweit des Abenteuerspielplatzes Schinderklinge hat sie gestanden, um die 50 Meter im Durchmesser, nördlich des Naturtheaters Renningen. Heute ist von ihr nichts mehr übrig als ein loser Grundriss, den man aber auch nur dann findet, wenn man genau weiß, wonach man suchen muss, sagt Graner. „Vermutlich stand sie dort im Hochmittelalter, also zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert.“ Um 1600 wird sie einmal schriftlich erwähnt, in der Chorographia Ducatus Wirtembergici, doch schon damals existierte von dem Gemäuer nur noch eine Ruine. Sonst ist von ihr so gut wie nichts überliefert.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb hielt sich die Sage von der verwunschenen Meisenburg über die Jahrhunderte. „Je weniger man darüber wusste, desto mehr Sagen woben sich darum und desto mehr beflügelte sie die Phantasie“, glaubt Graner, wie es schon Emil Höschele in seiner Dorfchronik beschrieb. Sogar ein unterirdischer Tunnel soll angeblich von der Meisenburg bis nach Renningen geführt haben, erzählte man sich früher. „Darauf gibt es aber keine Hinweise“, sagt Graner.

Etwas mehr weiß man da schon über die Ursprünge der Geschichte vom Hoi-Hoi, dem Geist eines Mönchs, der im Merklinger Wald spuken soll. Die Geschichte darf bei keiner Führung des Heimatkreises Merklingen fehlen. Alles begann mit den Grenzstreitigkeiten zwischen Heimsheimern und Merklingern. In beiden Orten und sogar im angrenzenden Renningen ist die Sage überliefert.

Merklingen gehörte früher zum Kloster Herrenalb

Einen Großteil der Handlung hält Hans Joachim Dvorák, der Vorsitzende des Heimatkreises, deshalb für glaubhaft. Nachgewiesen ist auf jeden Fall, dass Merklingen früher zum Kloster Herrenalb gehörte, „ab 1296 für 250 Jahre“, erklärt er. Das brachte für das Dorf einige Vorteile, zum Beispiel waren die Männer vom Wehrdienst befreit, so Dvorák. Zugleich war das Dorf wenig geschützt vor Raubrittern und dergleichen. „Es heißt, dass die Heimsheimer immer wieder Kühe von Merklinger Boden geholt haben“, sagt er und ergänzt schmunzelnd: „So erzählt man sich zumindest.“ Umgekehrt erschwindelten sich die Merklinger mithilfe eines Herrenalber Mönchs eines Tages einen Teil des Kugelbeerwaldes.

„Erzählungen wie diese gab es früher zuhauf“, sagt Dvorák. Schließlich gab es kein Radio, kein Fernsehen, kein Internet. Nur die wenigsten konnten überhaupt lesen und schreiben. Also erzählte man sich Geschichten. „Und die haben sich über die Jahre natürlich verändert, jedes Mal wurden sie spannender, immer wieder kam etwas Neues hinzu.“ Was trotzdem bleibe, seien die geschichtlich belegten Bezugspunkte. „Und das ist das Spannende daran, die Vermischung von Sage und Wahrheit“, findet deshalb auch Dvorák.