Anhänger des VfB Stuttgart in der Corona-Krise Wie die Fans mit dem VfB-Entzug umgehen

Von und Gregor Preiß 

Ein Monat ist seit der letzten Zweitligapartie des VfB Stuttgart vergangen, mindestens einen Monat wird es noch bis zur nächsten dauern – so gehen vier treue VfB-Fans mit dem Stadion-Entzug um.

Der VfB Stuttgart kann auf eine treue Anhängerschaft bauen. Foto: imago images/Sportfoto Rudel 5 Bilder
Der VfB Stuttgart kann auf eine treue Anhängerschaft bauen. Foto: imago images/Sportfoto Rudel

Stuttgart - Die Fußballer des VfB Stuttgart trainieren seit Dienstag wieder. Ein Monat ist seit der letzten Zweitligapartie vergangen, mindestens einen Monat wird es noch bis zur nächsten dauern – so gehen die VfB-Fans mit dem Stadion-Entzug um.

Beispiel 1: Matthias Traub

Matthias Traub hatte sich auf ein ­tolles Sportjahr gefreut. Fußball-EM, Olympia – alles dabei, was das Sportlerherz begehrt. Stattdessen renoviert der 50-Jährige jetzt das Zimmer seiner Tochter Jana. Und verbringt den Rest der fußballfreien Zeit mit seinem Sohn Dennis beim Darts und Tischkickern. Macht plötzlich wieder Kreuzworträtsel, liest viel. Was man halt so tut, wenn Sportevents tabu sind und statt Livefußball irgendwelche 90er-Jahre-Schinken gezeigt werden. Wenn das Sky-Abo plötzlich so überflüssig und sinnlos erscheint wie eine Rote Karte bei einer 4:0-Führung.

„Es fehlt ein großes Stück in unserem Alltagsleben“, sagt der Böblinger, der im Leben vor Corona regelmäßig VfB-Spiele besucht hat. Auch seinen Sohn plagen Entzugserscheinungen – er kickt als C-Jugendlicher in der Oberliga. Statt dreimal die Woche Training nun Darts im Hobbykeller. So bleibt wenigstens Zeit für Vater-Sohn-Gespräche. Etwa darüber, wie es weitergeht in der Welt des Sports. „Ein bisschen habe ich die Sorge, dass der VfB am Ende ins Gras beißt“, sagt Traub. Weil sein Herzensclub durch Corona womöglich um den Aufstieg gebracht werden könnte. Dann wäre das Sportjahr mal so richtig versaut.

Beispiel 2: Sarah Brinkmann

Ein gewisses Sendungsbewusstsein gehört für Sarah Brinkmann dazu. Ob als Podcasterin oder Twitterin – die 21-Jährige hält mit ihrer Meinung zum VfB selten hinterm Berg. Aber jetzt? Wo der Ball ruht und es nichts mehr zu diskutieren gibt, warum die Stürmer das Tor nicht treffen oder ob der Trainer nicht besser anders aufgestellt hätte. Selbst über Dietmar Hopp lässt sich nicht mehr streiten.

Tauscht man sich eben über andere Dinge aus. Wie man den Fanclub-Freunden bei der Kinderbetreuung zur Hand gehen kann zum Beispiel. Oder Einkäufe für Ältere organisiert. „Es gibt im Moment wichtigere Dinge als Fußball“, sagt die Psychologiestudentin, die ihre Fußballclique auch zu ihren echten Freunden zählen darf. Das beherrschende Fan-Thema der vergangenen Monate – ob es für den Aufstieg reicht – ist für den aus Hoffenheim (!) stammenden VfB-Fan nur noch von nachgeordneter Bedeutung.

Aber natürlich fehlt ihr der Fußball schon ein bisschen. Der Stammplatz in der Cannstatter Kurve, Block 35. Die Fahrt zu fast allen Auswärtsspielen. „Ich bin gespannt, ob ich dieses Jahr noch mal ein Stadion von innen sehen werde“, sagt Brinkmann und klingt dann doch etwas wehmütig.

Beispiel 3: Helmut Heinzmann

Helmut Heinzmann wohnt in Hornberg mitten im Schwarzwald – und ist dort von Fans des SC Freiburg und vom FC Bayern München umzingelt. „Doch die VfB-Fahne in meinem Garten ist die größte im gesamten Ort“, sagt der Mann, der seit 45 Jahren leidenschaftlicher Stuttgart-Fan ist.

Begonnen hat alles beim Zweitligaspiel in der VfB-Aufstiegssaison 1976/77 in Schwenningen, das 3:3 für die Stuttgarter mit ihrem 100-Tore-Sturm und den jungen Talenten wie den Förster-Brüdern oder Hansi Müller endete. „Seit 2003 habe ich dann jedes Heim- und Auswärtsspiel des VfB im Stadion gesehen. Kein Wunder, dass mir die Spiele in der Corona-Krise fehlen“, sagt Heinzmann: „Es ist schwer ohne das Gemeinschaftsgefühl in der Kurve, das emotionale Miteinander, das den Fußball ja ausmacht.“

Natürlich hofft der Allesfahrer, dass bald weitergespielt wird. Bis ­dahin lebt er von Erinnerungen, etwa dem 3:2 in Bochum am vorletzten Spieltag der Meistersaison 2006/07. „Ich war im Ruhrstadion dabei. Wir machen das 3:2 durch Cacau, ich höre im Radio, dass Dortmund gegen Schalke führt. Bremen kriegt gerade gegen Frankfurt das 1:2 – und ich dachte mir: Jetzt sind wir Meister.“

Beispiel 4: Sascha Ozegovic

Es war einst beim traditionellen Meisenfest im Esslinger Stadtteil Berkheim, auf dem Sascha Ozegovic seine Liebe zum VfB entdeckte. Schließlich hatte der Fanclub Rot-Weiße Schwaben Berkheim dort einen Stand aufgebaut – ehe der Vater sagte: „Wenn du zu den VfB-Auswärtsfahrten mit willst, dann melde dich doch dort an.“

Inzwischen ist Ozegovic selbst Vater eines Sohnes, ist bei sämtlichen Heimspielen und fast allen Auswärtspartien der Stuttgarter mit dabei – dabei gilt bei ihm auch zu Zweitligazeiten der Spruch: „Wahre Liebe kennt keine Liga. Einmal VfB, immer VfB.“

Nun hat die Corona-Krise aber auch den Monteur aus dem Daimler-Achsenwerk in Mettingen ausgebremst. Zu arbeiten gab es zuletzt nichts mehr, und auch sein VfB muss pausieren. „Das stinkt mir ganz schön, dass ich aktuell keinen Fußball sehen kann“, sagt der 33-Jährige, der das Ende der Zeit ohne Bundesliga herbei sehnt. Sollte von Mai an wieder gespielt werden, dann auf jeden Fall ohne Zuschauer. Auf die Stimmung in der Stuttgarter Arena und die Auswärtsfahrten mit dem Bus im Kreise der anderen Fans von den RWS Berkheim muss Sascha Ozegovic also noch eine ganze Weile verzichten. Das schmerzt.