Arbeitsmarkt in der Region Arbeitgeber müssen neue Potenziale erschließen

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Der Mangel an Personal bremst bereits die Wirtschaft. Die Wirtschaftsverbände nehmen Flüchtlinge und Ausbildungsabbrecher ins Visier.

Kommunikation ist wichtiger als  Grammatik, Foto: dpa
Kommunikation ist wichtiger als Grammatik, Foto: dpa

Leonberg - Schon seit Monaten sind angesichts der anhaltend boomenden Wirtschaft Fachkräfte in der Region rar. Dazu sind etliche Lehrstellen nicht besetzt. Zunehmend mehr Unternehmen im Kreis Böblingen beklagen sogar, dass dieser Umstand ihre betriebliche Tätigkeit hemmt.

Nach der aktuellen Statistik ist die Arbeitslosenquote zwischen Herrenberg und Weissach mit 2,8 Prozent so gering wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Die Zahl der vakanten Stellen ist ebenfalls auf stolze 3348 angewachsen. Mit dieser Quote herrscht nach Expertenlesart Vollbeschäftigung. Im Enzkreis ist die Quote im Oktober sogar auf 2,2 Prozent gesunken, bei 1269 unbesetzten Stellen.

Rund 61 Prozent der Unternehmen in der Region Stuttgart sehen derzeit den Fachkräftemangel als Gefahr für ihre Geschäfte. Das geht aus einer Befragung der IHK Region Stuttgart hervor. Besonders stark betroffen sehen sich Hotel- und Gaststättengewerbe (93 Prozent), Bauwirtschaft (86 Prozent) und Architektur- und Ingenieurbüros (75 Prozent).

Da liegt es eigentlich auf der Hand, dieses Defizit an Fachkräften mit Menschen auszugleichen, die aus ihrer Heimat vor Krieg und Verfolgung fliehen mussten. Doch das ist gar nicht immer einfach.

Fast 400 Menschen mit Fluchthintergrund in Handwerksbetrieben

Fast 400 junge Menschen mit Fluchthintergrund sind in diesem Jahr in Handwerksbetrieben der Region in eine Ausbildung gestartet, mehr als 300 sind es in Berufen aus Industrie, Handel und Dienstleistung. „Die Betriebe sind froh über die motivierten Azubis, vor allem in Berufen mit hoher Nachfrage und wenigen Bewerbern, wie im Nahrungsmittelhandwerk“, sagt Handwerkskammerpräsident Rainer Reichhold. Es sei wichtig, dass Handwerkskammer und IHK diese Entwicklung unterstützen. Das jüngst vereinbarte Eckpunktepapier der Bundesregierung für ein Einwanderungsgesetz bringe dafür allerdings wenige Ansätze, so Reichhold. „Damit unsere Betriebe im globalen Wettbewerb um Fachkräfte bestehen können, braucht Deutschland eine moderne Zuwanderungsstrategie, die über ausländerrechtliche Regelungen hinausgeht“, fordert auch die IHK-Präsidentin Marjoke Breuning. Dazu gehörten mehr Standortwerbung, Sprach- und Kulturangebote sowie eine gezielte internationale Akquise. Verstärkt haben beide Kammern jetzt auch Ausbildungs- und Studienabbrecher ins Visier genommen, um ihnen doch noch einen passenden Berufseinstieg zu ermöglichen.

Dass die bisherigen Integrationskurse für Flüchtlinge nicht der Weisheit letzter Schluss sind, diese Erfahrung hat Heidi Fritz vom Leonberger AK Asyl gemacht, die fordert: „Die Kurse müssen inhaltlich verändert werden, die Leute lernen dort die für sie schwierige Sprache nicht in ausreichendem Maß.“ Diese Erfahrung teilt sie mit anderen Engagierten in der Flüchtlingsarbeit. Gusti Breier aus Renningen findet die Kurse zu groß und zu heterogen, immer wieder würden die Geflüchteten im falschen Level einsteigen: „Die ehrenamtliche Betreuung bringt viel mehr“, hat sie festgestellt. Etliche scheiterten trotzdem an den hohen Anforderungen in der Berufsschule – nicht zuletzt durch die Sprachbarriere. „Und oftmals arbeiten die Menschen auch nicht in dem Beruf, in dem sie ausgebildet sind, weil der Nachweis fehlt“, sagt ihre Leonberger Kollegin Heidi Fritz und erzählt die Geschichte vom syrischen Familienvater und Elektriker, der unbedingt rasch wieder arbeiten wollte. Nach einem Schnellkurs sei dieser heute bei einer Security-Firma angestellt. Die gesetzlichen Hürden findet sie jedenfalls nicht zu hoch.

Etliche Bestrebungen für leichteren Zugang zum Arbeitsmarkt

Von gemischten Erfahrungen hat Monika Fischer vom Lichthaus Knapp in Leonberg dem Wirtschaftsförderer berichtet. Sie hat einen ausgebildeten Elektriker aus Syrien eingestellt. Das Pro­blem: in dessen Heimat gibt es eine andere Stromtechnologie ohne Schutzleiter, es sei schwierig gewesen, ihm den deutschen Standard zu vermitteln. Jürgen Rein, Leiter der Abteilung Familie und Senioren bei der Stadt Leonberg, hat das Netzwerk „Integration durch Arbeit“ ins Leben gerufen, um Flüchtlingen den Zugang zum Job zu erleichtern.

Der Bestrebungen gibt es also einige. Bei der Unternehmensberatung EMC in Leonberg habe man sogar vorgeschlagen, Flüchtlingsheime mit PCs auszustatten, damit die Menschen nicht abgehängt werden, erzählt Wirtschaftsförderer Schweizer. Seit drei Jahren hat die Renninger Firma WS Wärmeprozesstechnik einen ungelernten Flüchtling im Lager beschäftigt. Der Mitarbeiter hat sich laut Geschäftsführer Georg Schönfelder sehr gut angepasst, auch wenn er miserabel vorbereitet in den Betrieb gekommen sei. „Seine Deutschkenntnisse waren schlecht – und sie sind es immer noch“, sagt Schönfelder, „wir zahlen ihm deshalb jetzt einen Sprachkurs“.




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