Archäologie in Baden-Württemberg Hobbyarchäologe findet 15 000 Jahre alte Frauenfigur

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Sie ist rund 15 000 Jahre alt und nicht größer als ein kleiner Finger. Tübinger Forscher sind sich sicher: Bei dem steinzeitlichen Fund aus Waldstetten im Ostalbkreis handelt es sich um eine Frauenfigur. Sie ist quasi die jüngere Schwester der weltberühmten, circa 40 000 Jahre alten Venus vom Hohle Fels.

Venus von Waldstetten (circa 15 000 Jahre): Diese abstrahierte Darstellung einer Frauenfigur  wurde von dem Hobbyarchäologen   Adolf Regen im   Waldstetten im Ostalbkreis gefunden. Foto: Simon Fröhle 14 Bilder
Venus von Waldstetten (circa 15 000 Jahre): Diese abstrahierte Darstellung einer Frauenfigur wurde von dem Hobbyarchäologen Adolf Regen im Waldstetten im Ostalbkreis gefunden. Foto: Simon Fröhle

Tübingen - Archäologen der Universität Tübingen haben ein Fundstück aus der Gemeinde Waldstetten im Ostalbkreis als rund 15 000 Jahre altes Kunstwerk aus der Eiszeit – dem Jungpaläolithikum – identifiziert. Die Frauenfigur zeigt gleichzeitig einen stark vereinfachten Frauenkörper und einen Phallus. Figuren dieser Art sind bereits aus Fundstätten in Europa bekannt. Erstmals wurde nun ein Exemplar im Ostalbkreis gefunden.

Die Figur wurde durch den Hobbyarchäologen Adolf Regen geborgen. Sie ist knapp sechs Zentimeter groß und besteht aus einem Quarzitgeröll, das so auf der Fundstelle in Waldstetten nicht vorkommt. Der Form nach entspricht sie den Frauenfiguren vom Typ Gönnersdorf, die nach einer Fundstelle am Mittelrhein benannt wurden und stark stilisiert sind.

15 000 Jahre alte Venusfigurine stammt aus dem Magdalenien

Von der natürlichen Form des Gerölls inspiriert, machten hier nur wenige eingravierte Linien aus einem typisch geformten Stein ein Kunstwerk, erklärt der Tübinger Prähistoriker Harald Floss. Die Darstellung reiche von anatomisch annähernd vollständigen Darstellungen bis hin zu Figuren, die nur aus Rumpf und Gesäß bestehen.

Bei den Venusfigurinen von Gönnersdorf am Mittelrhein (einem Stadtteil von Neuwied in Rheinland-Pfalz) handelt es sich um elf steinzeitliche Darstellungen des weiblichen Körpers, die zwischen 1968 und 1976 ausgegraben wurden. Die Statuetten bestehen aus Knochen, Geweih und Elfenbein.

Das Alter der Figurinen wird mit 15 000 bis 11 500 Jahren angegeben. Sie stammen aus dem Magdalenien. Diese Kulturstufe im jüngeren Abschnitt des Jungpaläolithikums am Ende der letzten Eiszeit dauerte von 18 000 bis 12 000 v. Chr.. Benannt wurde sie nach der Halbhöhle La Madeleine im französischen Département Dordogne.

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Abstrahierte Kunst aus der letzten Epoche der Steinzeit

Der Fund aus Waldstetten zeigt nur einen Oberkörper ohne Kopf, einen dominanten Mittelteil mit Gesäß und einen verkürzten Unterkörper im Profil. Mit einer umlaufenden Gravierung im oberen Bereich folgt die Figur Floss zufolge einer Tradition der zweigeschlechtlichen Darstellung, die aus der europäischen Eiszeitkunst bekannt ist.

„Diese Art der Abstrahierung zeichnet die Kunst am Ende der Eiszeit aus. Unser Typ Frauenfigur hat wenig mit den üppigen so genannten Venusfiguren aus der früheren Epoche des Gravettien gemein“, sagt Floss, der Leiter der Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Universität Tübingen ist.

Venus vom Hohle Fels

Venusfigurinen sind Statuetten weiblicher Körper, die in archäologischen Siedlungen des Jungpaläolithikums gefunden wurden. Die Kleinkunstwerke stammen überwiegend aus dem jüngeren Gravettien (31 000 bis 24 000 vor Chr.) oder aus dem Magdalénien.

Das berühmteste Fundstück dieser Art ist Venus vom Hohle Fels, eine sechs Zentimeter hohe Figurine aus Mammutelfenbein. Sie ist die älteste figürliche Darstellung der Welt und wurde am 5. August 2008 von einer Schweizer Studentin in der Weltkulturerbe-Höhle Hohle Fels bei Schelklingen auf der Schwäbischen Alb gefunden.

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„Der Fund ist etwa 40 000 Jahre alt. Weltweit gibt es keinen Standort, wo ältere figürliche Kunst bekannt ist“, sagt der prähistorische Archäologe Nicholas Conard. Seit 1997 leitet er das Institut für Ältere Urgeschichte und Quartiärökologie an der Universität Tübingen.

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