ARD-Talkshow „Anne Will“ „Wir müssen noch mal richtig dolle draufhauen“

Anne Will ist zurück aus der Weihnachtspause. Foto: imago images/Jürgen Heinrich
Anne Will ist zurück aus der Weihnachtspause. Foto: imago images/Jürgen Heinrich

Die erste „Anne Will“-Talkshow im neuen Jahr bringt alte Erkenntnisse von wissenschaftlicher Seite. Nur Ministerpräsidentin Schwesig überrascht mit Kritik an der EU, die lieber mit den Impfstoffherstellern feilscht, statt „in die Vollen zu gehen“.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Anne Will ist eine Woche früher als geplant aus der Weihnachtspause zurück. Zu viel ist in der Zwischenzeit passiert, um die hitzigen Corona-Diskussionen ohne Talkshow-Expertise weiterlaufen zu lassen. Viel Neues muss dringend aufgearbeitet. Da sind – natürlich – Ministerpräsidenten dabei, eine Wissenschaftlerin, ein Ärzteverbandsfunktionär und ein Journalist. Es ist die schon im alten Jahr bewährte Gästemischung.

Eine Garantie für großen Erkenntnisgewinn bringt das nicht. Melanie Brinkmann zum Beispiel ist nicht irgendeine Virologin, sondern die mit der wohl höchsten Talkshowpräsenz, seitdem Christian Drosten und Hendrik Streeck Zurückhaltung üben. Warum eigentlich? Mit stets besorgter Miene trägt sie meisten Erkenntnisse vor, auf die der Zuschauer selbst schon gekommen ist. Es mangelt der Professorin vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung nicht an wissenschaftlicher Reputation, eher schon an der Fähigkeit, profundes Fachwissen zu vermitteln.

„Wir müssen noch mal richtig dolle draufhauen“

So gibt Brinkmann preis, dass sich Virusmutationen, wie sie Großbritannien arg zu schaffen machen, „aus epidemiologischer Sicht“ schneller verbreiten. „Aus virologischer Sicht“ wiederum seien sie „schwer einzuordnen“, denn „da sind noch viele Fragen offen“. Die Experimente bräuchten Zeit. Auch bei der Frage, ob ein mit dem Biontech-Impfstoff versorgter Mensch selbst noch ansteckend ist, hält sie sich bedeckt: „Ich gehe davon aus, dass man weniger Virus ausscheidet, muss aber erst die Studie dazu sehen.“ Bei Moderna und Astra-Zeneca sehe das schon „vielversprechend aus“.

So steuert sie bald auf ihr bevorzugt propagiertes Anliegen zu: weitere Kontaktreduzierungen. Beim aktuellen Lockdown ist ihr der Arbeitsplatz zu kurz gekommen. „Wir müssen verhindern, dass sich Menschen bei der Arbeit treffen.“ Anders gesagt: „Wir müssen noch mal richtig dolle draufhauen.“ Das gilt aus ihrer Warte auch für die Schulen. „Wo Menschen in Kontakt kommen, kommt es zu Infektionen.“

Anne Will hätte lieber „härtere Maßnahmen“

Anne Will kommt der Ruf nach Verschärfungen gelegen. Sie hält – wie viele Journalisten – den Regierenden vor, dass sie zu unentschlossen agieren. Für ihre Frage nach „härteren Maßnahmen“ ist Frank Ulrich Montgomery, der Vorsitzende des Weltärztebundes, der richtige Ansprechpartner. Er meint, dass es bis Ende des Jahres dauern kann, bis man sich auf die Impfungen verlassen könne. Ergo „müssen wir hier konsequenter werden“.

Auch auf Mecklenburg-Vorpommerns Landeschefin Manuela Schwesig kann die Moderatorin zählen. Denn die SPD-Politikerin fordert, dass sich die Politik stärker der Bewegungsfreude der Menschen widmen müsse. „Ich würde die Mobilität noch viel stärker einschränken.“ Im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte werde der Bewegungsradius nun auf 15 Kilometer begrenzt – das für Hotspots erdachte Instrument lehnt die Landesregierung in Baden-Württemberg noch ab. Schwesig mahnt, dass auch der grenzüberschreitende Pendler- und Reiseverkehr eingeschränkt werden müsse, selbst wenn dies ein Tabuthema sei. Bisher sei sie für ihre Sichtweise „belächelt bis gescholten“ worden, doch sei es ein „Kernfehler, sich dem Mobilitätsthema nicht stärker zu stellen“.

Haseloff intoniert das „Halleluja“

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff, der sich im Kreis der Amtskollegen schon ein ums andere Mal quergelegt hat, gibt sich in der Talkshowrunde moderat. Anders als die SPD-Führung mag der CDU-Mann den Start der Impfkampagne lieber bejubeln: „Wir können dieses Jahr mit einem Halleluja beginnen – Gott sei Dank ist der Impfstoff da.“ Nun gilt für ihn die Devise: „Wir schaffen das!“

Schwesig verteidigt zwar die Strategie, einen nationalen Alleingang zu vermeiden und gemeinsam mit der EU den rettenden Stoff für alle Mitgliedsstaaten zu besorgen. Doch gehen auch ihr die Impfstofflieferungen nicht schnell genug, weshalb sie nicht verstehen könne, warum die „reiche und starke EU“ nicht gleichermaßen auf alle in Frage kommenden Hersteller gesetzt hat. „Ich hätte gedacht, dass wir da in die Vollen gehen.“ Weil das Gros der Bürger genauso unter dem Vakzinmangel leidet, sieht sich die Ministerpräsidentin nun in der Verantwortung.

Schwesig „dreht sich der Magen um“

Montgomery bringt das Argument der Wirtschaftlichkeit ein. Wenn die EU bezahlt hätte, was alle Lieferanten zunächst verlangt haben, wären die Bestellungen insgesamt sieben Milliarden Euro teurer gekommen. Israel etwa habe „das Vierfache“ des EU-Preises hingelegt. „Mir dreht sich der Magen um“, kontert Schwesig. „Es geht um das einzige Mittel, um aus der Pandemie zu kommen – da kann es nicht sein, dass die EU feilscht.“ Am Ende flüchtet sich der Ärztefunktionär in die alte Weisheit: „Wenn man vom Rathaus kommt, ist man klüger.“

„Zulassungsverfahren haben Unsicherheit erzeugt“

Die relativ geringe Impfbereitschaft im medizinischen und pflegerischen Bereich hängt aus Montgomerys Sicht mit den „chaotisch kommunizierten Zulassungsverfahren zusammen“. Sie hätten bei denen, die sich „ein bisschen mit dem Ganzen auskennen“, Unsicherheit erzeugt. Dabei steht für ihn selbst fest: „Dieser Impfstoff ist sicher, das kann man den Menschen nicht oft genug sagen.“

So darf die Wissenschaftlerin am Ende noch etwas Küchenvirologie verbreiten: „Das Licht am Ende des Tunnels ist da“, sagt Melanie Brinkmann. „Wir haben das Mittel in der Hand, um dem Virus einen drauf zu geben.“ Wenn man die Impfstrategie gut erkläre, „wird die Bereitschaft steigen – da bin ich ganz sicher“. Wenn man das Virus hingegen „laufen lässt, dann wird es sich verändern“, dann könne es passieren, dass die Impfungen weniger wirkungsvoll seien. „Wir müssen das Virus in die Flasche zurückdrücken – so weit es geht.“ Dem ist aus epidemiologischer und virologischer Sicht nichts hinzuzufügen.




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