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Armenien Im Land der Kreuze

 Foto: Quint
Foto: Quint

Armenien ist der älteste Christen-Staat der Welt. Das wichtigste Symbol ihrer Religion stellen die Einheimischen überall in die Landschaft.

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Jerewan - „Hängen wir uns so ein Kreuz wirklich auf die Terrasse?“ Die Zweifel kommen dem Touristenpaar bereits kurz nach dem Spontankauf des mit vielen Schnitzereien reich verzierten Holzkreuzes. Ein Souvenir aus Armenien hatte es sein sollen, und da man im ältesten Christen-Staat der Welt dem Glauben kaum entgehen kann, fiel die Wahl auf ein Holzkreuz als Urlaubserinnerung. Armenier stellen Kreuze ja lieber in die Landschaft. Chatsch’khare heißen diese in bunte Basalt-, Tuff- oder Sandsteine gehauenen Kreuz-Kunstwerke. Klein, unscheinbar und halb zerfallen manche, andere ehrfurchtsvoll groß, mit Mustern so fein, als wären sie nicht gemeißelt, sondern gestickt oder geklöppelt.

Tausendfach übersäen sie das armenische Hochland, halten sich seit Jahrhunderten aufrecht, um heidnischen Eindringlingen die steinkalte Schulter zu zeigen und einheimische Christen im Glauben zu stärken. Zusammen mit Kirchen und Klöstern legen Kreuzsteine ein dichtes Geflecht über das Land. Dem Netz christlicher Bauwerke entgeht man in Armenien nicht. Gottes Botschaft ist klar zu empfangen - wieder, muss man dazu sagen, denn die Religion bekam während 70 Jahren Sowjetherrschaft eine Zwangspause verordnet. Gebetet wurde, wenn überhaupt, heimlich, dafür umso mehr gespottet. Als Ventil gegen staatliche Unterdrückung entstanden die weltbekannten Radio- Jerewan-Witze über Partei, Korruption und Mangelwirtschaft im Sozialismus.

"Kann man als Kommunist auch ein guter Christ sein?“

Frage an Radio Jerewan: „Ist es wahr, dass der liebe Gott Parteigenosse werden kann?“ Antwort: „Im Prinzip ja, nur müsste er vorher aus der Kirche austreten.“ 1991 hatte sich dieses Problem erledigt. Armenien trat aus der Sowjetunion aus und in den Kapitalismus ein. Seitdem füllen sich die Kirchen wieder. Ist es die zurückgewonnene Freiheit, die den Glauben wiedererweckt, oder ist es die Verzweiflung über das neue System, dem die Menschen sich nicht gewachsen fühlen? Wohin man kommt, Kirchen und Kaufhäuser sind gleichermaßen voll. Erst wird gebetet, dann gekauft - oder umgekehrt? Frage an Radio Jerewan: „Kann man als Kommunist auch ein guter Christ sein?“ Antwort: „Im Prinzip ja, aber warum wollen Sie sich das Leben doppelt schwermachen?“

Satteln wir eben um auf Kapitalismus, dachten sich die Armenier. Das allerdings ist kein Witz! Aida, die armenische Reisebegleitung, weiß zu berichten, dass „Wissenschaftlicher Atheismus“ früher ein Pflichtfach an armenischen Hochschulen war. Einen ihrer ehemals strengsten Atheismus- Dozenten traf Aida vor einigen Jahren bei der Einweihung einer neuen Kathedrale wieder - als Repräsentant der armenisch-apostolischen Kirche. Auf Aidas Frage, wie es zu diesem Wandel kam, antwortete der Neu-Kleriker: „Ich habe an einer Umschulung teilgenommen!“

Bei dieser Pointe verläuft Aidas Lächeln sich in ihrem Gesicht, und zwei steile Falten stehen auf ihrer Stirn - Ausrufungszeichen des Zorns. „Das Lehrbuch hätte ich gern gesehen!“ Aida geht es dabei weder um Glauben noch um Glaubwürdigkeit, sondern um Gerechtigkeit. Der wahrhaft gläubige Armenier kann versuchen nach Gottes Geboten zu leben und mit einem Durchschnittslohn von 250 Euro im Monat zu überleben. Die erfolgreichen Umschüler machen Karriere und zeigen sich anschließend barmherzig, indem sie ein paar Millionen für den Bau einer Kirche spenden. Praktischer Nebeneffekt: Sie setzen sich damit selbst ein Denkmal. Vom Vorplatz einer solchen gespendeten Kirche schaut man direkt auf eine Ansammlung von Wellblechhütten, viele kleiner als mancher Kuhstall, alle bewohnt von vier, fünf oder noch mehr Menschen.

Frauen balancieren in Schuhen im Sprungschanzen-Format

Zwei Straßen weiter putzt Jerewan sich mit schicken Allerwelt-Cafés und Einkaufsstraßen-Einerlei für neue Zeiten heraus. Junge Frauen balancieren in Schuhen im Sprungschanzen-Format über das Pflaster, das iPhone im Täschchen, bereit, zum vollkommenen Konsum- und Kommunikationsmenschen zu mutieren. Aida fährt dorthin, wo Armenien noch unverwechselbar ist, aufs Land und in die Dörfer. Über Straßen mit Löchern, so groß und zahlreich, als wäre ein Meteoritenregen niedergegangen. Es geht zu den Sanddornpflückern vom Sewansee, zu den Basaltstelen, die orgelpfeifengleich über der Azat-Schlucht hängen, zu Frauen, die das Fladenbrot Lavash in irdenen Öfen backen.

Man fährt vorbei an jesidischen Schafhirten, an Aprikosenbaumtälern und an Sträuchern, an deren Zweige Hunderte Taschentücher geknotet wurden. Glück sollen sie bringen und helfen, Wünsche zu erfüllen, die hauchzarten Stoffe. Möge Armenien noch lange das Land der Chatsch’khare, der Kirchen und Klöster bleiben, unattraktiv für Reisende, die Supermärkte mit Einheitssortiment, Karaoke-Bars und Wellnesshotels benötigen.

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