Artenschutz im Pazifik Orcas droht der schleichende Tod

Eine Orca-Mutter mit ihrem Kalb: Es ist zweifelhaft, ob das Kleine jemals gesund aufwachsen wird. Foto: AP 7 Bilder
Eine Orca-Mutter mit ihrem Kalb: Es ist zweifelhaft, ob das Kleine jemals gesund aufwachsen wird. Foto: AP

Eine Schwertwal-Population an der US-kanadischen Westküste ist in akuter Gefahr. Ihre Nahrungsquelle versiegt und die Lärmbelastung steigt.

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Seattle - Lange Zeit waren Orcas als Killerwale verschrien – der Film „Free Willy“ änderte ihr Image grundlegend. Seither gelten die schwarz-weißen Meeressäuger aus der Familie der Delfine als anmutige Tiere, mit Whale-Watching-Touren, bei denen man nahe an sie herankommt, wird eine Menge Geld verdient. Doch wie lange noch? Denn die Schwertwale werden immer seltener – und ihr Überleben ist ungewiss.

Nicht ein einziges Kalb haben die Weibchen der südlichen ortstreuen Schwertwale (Southern Resident Orcas) in den vergangenen drei Jahren zur Welt gebracht. Zuletzt ist die Anzahl der Tiere, die vor der US-Westküste und Kanada lebt, auf gerade einmal 75 gesunken. Die Southern Resident Orcas sind damit die einzige Orca-Population, die als bedohte Arten auf der Artenschutzliste der USA aufgeführt ist.

Ihre Hauptbeute wird immer seltener

Ein Grund für den Rückgang ist, dass der Königslachs immer seltener wird. Diese sehr fettreiche Lachsart ist ihre Hauptnahrungsquelle. Der Fisch schwimmt den Fluss Tazer hinauf, der vor der Küste Seattles ins Meer mündet. Hier greifen die Schwertwale normalerweise ihre Beute ab. Doch seit Jahrzehnten nimmt die Zahl der Lachse im Pazifischen Nordwesten ab. Überfischung, Staudämme, das Abholzen von Küstenwäldern und nicht zuletzt der Klimawandel lassen den Bestand sinken.

Der Meeresbiologe und Polarforscher Boris Culik sagt: „Die Schwertwalpopulation vor Seattle hat mit verschiedenen Problemen zu kämpfen, etwa der Umweltverschmutzung, aber auch dem immensen Stress durch zu viel Whale-Watching-Touren für Touristen. Und natürlich Überfischung. Dass diese Population abnimmt, ist seit Jahren bekannt.“

Lärmende Öltanker bedrohen die Meeressäuger

Doch aktuell sieht es wirklich schlecht aus für die Meeressäuger, denn es kommt ein weiteres gewaltiges Problem für sie hinzu. Erst vor Kurzem verständigte sich die kanadische Regierung mit dem texanischen Erdöl-Unternehmen „Kinder Morgan“ darauf, die sogenannte Trans Mountain Pipeline auszuweiten, die Öl aus Kanadas Provinz Alberta an die Westküste bringt, von wo aus der wichtige Rohstoff dann auf Öltanker verladen wird.

Durch die Pläne wird sich der Tankerverkehr vervielfachen – mit entsprechenden Konsequenzen für die sensiblen Meeresbewohner. Der Lärm wird steigen und es den Orcas erschweren, ihr Bio-Sonarsystem anzuwenden. Ihre ausgesandten Klicklaute und Rufe, die den Meeressäugern viel über den Ort und die Größe der Beute verraten, werden zwar zurückgeworfen, aber schlechter gehört. Auch die Kommunikation der Orcas untereinander wird dadurch beeinträchtigt. Dies verringert den Jagderfolg der als Gruppe jagenden Tiere.

Die Wale werden anfälliger für Krankheiten

Junge Schwertwale lernen, was und wie sie jagen sollen, von älteren Familienmitgliedern. Hören sie diese nicht mehr, droht das überlieferte Wissen zu verkümmern. Schwertwale spezialisieren sich häufig auf bestimmte Beutetiere und passen ihre Jagdmethoden entsprechend an. Doch diese Spezialisierung kann – wie im Fall der Southern Resident Orcas – auch schnell in eine lebensgefährliche Abhängigkeit umschlagen.

Weil in ihrem Fall der Königslachs fehlt, hungern die Tiere. Das wiederum führt dazu, dass der Körper der Wale an seine Fettreserven geht und dabei Toxine, die im Tran gespeichert sind, verstoffwechselt. Das Immunsystem wird dadurch geschwächt, die Wale werden anfälliger für Krankheiten. Sie pflanzen sich schlechter fort. Kommt dann noch Stress durch einen zunehmenden Schiffsverkehr hinzu, wird es für die Tiere immer schwerer, zu überleben.

Die Orcas kämpfen schon lange ums Überleben

Trotz der Proteste von Umweltschützern soll der Bau der Pipeline noch im August beginnen. Droht damit das Ende der Southern Residents? Colleen Weiler von der Walschutzorganisation WDC sagt: „Es ist nicht das erste Mal, dass diese Walpopulation ums Überleben kämpft. Die Nähe zur Küste machte sie schon früh zum Ziel für Lebendfänge in den 60er- und 70er-Jahren, als die wachsende Freizeitpark-Industrie die Tiere als Publikumsmagneten entdeckte.“

Parks wie Sea World kauften Walfängern junge Orcas ab. 47 Tiere der Southern Residents starben dabei oder wurden gefangengenommen – rund 40 Prozent des Bestandes ging verloren. Obwohl die Jagden dort 1977 aufhörten, kämpfen die Orcas bis heute mit den Folgen: Durch die extreme Bejagung wurde der Bestand der Orcas und damit der Genpool enorm verkleinert. In den vergangenen drei Jahrzehnten haben nur zwei Männchen die Hälfte der Walkälber gezeugt.




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