Artenvielfalt auf den Fildern Der stille Tod der Schmetterlinge

Von Johannes Renner 

Pestizide, Trockenheit und Verbuschung sind schuld an der sichtbaren Verarmung von Fauna und Flora. Viel ist die Rede vom Sterben der Bienen. Doch auch die Schmetterlinge werden rar. Ein Blick ins unter Druck geratene Ökosystem der Filderebene.

Schmetterlinge wie der Kaisermantel sind immer  seltener zu sehen. Foto: Johannes Renner
Schmetterlinge wie der Kaisermantel sind immer seltener zu sehen. Foto: Johannes Renner

Filder - Der Winter ist vorbei. Das Leben erwacht. Aufmerksame Beobachter bemerken eine Verarmung in der Natur: Es gibt weniger Schmetterlinge. Dies ist ein weiterer Aspekt des oft beklagten Insektensterbens, von dem mancher vielleicht still bei sich denkt, dass der Verlust lästiger Plagegeister wie Bremsen oder Mücken durchaus verschmerzbar ist. Doch es überwiegen die negativen Konsequenzen. Wenn die Bienen und Schmetterlinge verschwinden, haben auch die Menschen ein Problem. Beide Arten sind wichtige Bestäuber im Ökosystem. Und wie alle Insekten geraten auch sie immer mehr unter Druck.

Vorm „stummen Frühling“ wegen des Vogelsterbens warnte die Biologin Rachel Carson bereits 1962. Nach den Stimmen drohen nun auch die Farben aus der Fauna in Frühling und Sommer zu verschwinden. Viele Arten sind bedroht und könnten für immer verloren gehen. Auch in der Region Filderstadt und Vaihingen.

Die Region will aber grün bleiben, und dabei spielen die Flora-Fauna-Habitate (FFH), die unter Landwirten umstritten sind, eine wichtige Rolle. Das FFH-Gebiet Filder liegt zu etwas mehr als der Hälfte auf Stuttgarter Gemarkung. Es ist etwa 708 Hektar groß und umfasst zahlreiche Lebensraumtypen wie nährstoffreiche Seen, Magerwiesen und Auenwälder.

Großschmetterlinge brutal dezimiert

Im FFH-Gebiet Filder ist eine schützenswerte, seltene Schmetterlingsart, der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling, ansässig. Julia Roßkopf vom Regierungspräsidium Stuttgart erläutert dessen Besonderheit: „Der Schmetterling legt seine Eier ausschließlich an den Blütenständen der Pflanze Großer Wiesenknopf ab. Nach einer relativ kurzen Entwicklungszeit in den Blütenköpfen dieser Pflanzenart werden sie von Knotenameisen der Gattung Myrmica adoptiert und schließen ihre Entwicklung in den Ameisennestern ab.“ Für das Vorkommen der Art sei also sowohl die Wirtspflanze als auch die Wirtsameise von Bedeutung, so die Pressereferentin.

„Für gefährdete Arten wie den Apollofalter oder den Wiesenknopf-Ameisenbläuling müssen nach EU-Recht FFH-Gebiete ausgewiesen werden“, weist Almut Sattelberger auf die juristische Sachlage hin. Die Naturschutzreferentin des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) Baden-Württemberg weiß um die Relevanz der Tiere für das Ökosystem. So gebe es Pflanzen, die aufgrund ihrer Blütenform eben nur von Schmetterlingen und keinen anderen Insekten bestäubt werden können. „Typische Tagfalterblumen sind zum Beispiel bei den Nelkengewächsen zu finden wie die Rote Lichtnelke und die Kornrade“, so Sattelberger. Außerdem seien Schmetterlinge natürlich auch, wie andere Insekten, eine wichtige Nahrungsquelle für Singvögel. Die Naturschutzreferentin ist besorgt wegen der Zerstörung natürlicher Lebensräume.

Der BUND verweist auf alarmierende Zahlen. So habe sich die Biomasse der Großschmetterlinge zwischen 1989 und 2014 um 56 Prozent reduziert. „Besonders gefährdet ist der Apollofalter, der nur noch an wenigen Standorten vorkommt“, sagt Almut Sattelberger. Schuld seien intensiver Pestizideinsatz, die Entwässerung von Feuchtgebieten und die Verbuschung von Magerwiesen.

Artenreiche Gärten sind Refugien

Damit Schmetterlinge weiterhin in freier Natur vorkommen, ist die Einsicht von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gefragt, so der BUND. Jeder könne einen Beitrag leisten, etwa bei der Gestaltung des eigenen Gartens: „Dazu gehört es, wilde, ungestörte Ecken zuzulassen, in denen die Futterpflanzen der Raupen, wie zum Beispiel Brennnesseln oder Doldenblütler, wachsen können“, so Sattelberger. Artenreiche Gärten bekämen allen Insekten gut, und auch ein Schälchen mit Wasser werde an heißen Tagen von Tieren angenommen. Die Hauptverantwortung liegt aber bei der großen Politik und landwirtschaftlichen Großkonzernen, so Almut Sattelberger. „Totalherbizide wie Glyphosat“ gehörten verboten und „eine ökologische Agrarreform auf EU-Ebene“ müsse endlich her.