Arthur Machen – der Urgroßvater des Horrorgenres Wo aus der Natur Übernatürliches wird

Daphne du Mauriers Kurzgeschichte „Die Vögel“ war inspiriert von Arthur Machens Erzählung „Der Schrecken“ von 1917. Hier eine Szene von den Dreharbeiten zum Film (1963) mit dem berühmten Thriller-Regisseur Alfred Hitchcock (Mitte). Foto: picture-alliance / dpa/WDR/ARD
Daphne du Mauriers Kurzgeschichte „Die Vögel“ war inspiriert von Arthur Machens Erzählung „Der Schrecken“ von 1917. Hier eine Szene von den Dreharbeiten zum Film (1963) mit dem berühmten Thriller-Regisseur Alfred Hitchcock (Mitte). Foto: picture-alliance / dpa/WDR/ARD

Die übersinnlichen Geschichten des britischen Autors Arthur Machen stehen modernen Horrorromanen in nichts nach.

Stuttgart - Ganz unerklärlich bricht der Schrecken übers Land herein: Tote werden gefunden, zerschmettert, eingeschlossen und ausgehungert in einem Bauernhof, über Klippen gestürzt, auf offenem Feld erschlagen, ins Moor gelockt; ein Boot kentert auf windstiller See. Seit Jahren tobt der Erste Weltkrieg; die seltsamen Todesfälle stacheln zunächst die militärisch-paranoide Fantasie der Briten an, aber keine Verschwörungstheorie reicht an die Wahrheit: Die Natur selbst ist es, die sich gegen den Menschen wendet. In einer stillen, instinktiven Absprache werfen Pferde ihre Reiter ab, treiben Herden von Weidevieh die Wanderer in den Abgrund, attackieren Fische das Boot.

„Der Schrecken“ erschien zuerst 1917 und inspirierte Daphne du Mauriers Kurzgeschichte „Die Vögel“, von Alfred Hitchcock verfilmt. Arthur Machens Kurzroman ist gewissermaßen also Urgroßvater all der weißen Haie, Bienenschwärme, Insektenüberfälle, die der Menschheit seither zusetzten. Die Reihe lässt sich weiterdenken, bis hin zu immer kleineren Lebewesen, in eine Gegenwart, die leider längst schon kein Roman mehr ist.

Der Schrecken hat seinen Ursprung immer in der Natur

Aber Arthur Machen, geboren 1863 in dem walisischen Dorf Caerlon, war kein Autor von Katastrophenszenarien. Er war ein Mystiker und gehörte, obschon er dort nur einen niederen Rang innehatte, dem „Golden Dawn“ an, jener okkulten Geheimgesellschaft, zu deren bekanntesten Mitgliedern W. B. Yeats und Aleister Crowley zählten. Der Schrecken, den Machen in seinen übersinnlichen Geschichten beschreibt, hat seinen Ursprung immer in der Natur, in Bräuchen, Kulten und Wesen, die sich hinter ihrem Idyll verbergen. Seine Geschichten sind subtil und oft so labyrinthisch wie die Straßen des nächtlichen London, in die sie immer wieder eintauchen; seine Sprache ist elegisch und gewiss nicht das, wonach der Leser moderner Horrorromane sucht. Aber wer dort, in Arthur Machens London, in einem scheinbar gewöhnlichen grauen Viertel um eine Ecke biegt, erblickt vielleicht einen Garten, voll von goldenen und silbernen Blüten, mit einem sprudelnden Quell und einem herrlichen Haus auf dem Hügel – und verliert den Verstand.

Manches liest sich tatsächlich ganz wie H. P. Lovecraft

Himmel und Hölle, Gut und Böse liegen bei Machen eng beisammen. Ambrose Meyrick, Held des Romans „Der geheime Glanz“, hat Visionen, in denen Gralsmystik und Naturglaube sich überschneiden, sucht im Rausch nach der Wahrheit und stirbt zuletzt einen ekstatischen Märtyrertod. In „Die Geschichte vom weißen Pulver“, der bekanntesten Erzählung Machens, bekommt ein emsiger Jurastudent die falsche Medizin, ein altes, magisches Pulver, das erst große Vitalität verleiht und dann fatale Wirkung zeigt. Der Student verwandelt sich: „Da, auf dem Boden, lag eine dunkle, faulige Masse, wimmelnd von Verwesung und stinkendem Zerfall . . .“ Was nun folgt, das liest sich tatsächlich ganz wie H. P. Lovecraft, der gerade erst fünf Jahre alt war, als Machen diese Zeilen schrieb, und der zu seinen Bewunderern zählte.

„Die leuchtende Pyramide“ heißt der vierte, jüngste Band

Joachim Kalka, geboren im emsigen Stuttgart, übersetzte Arthur Machens Werke bereits Anfang der 1990er Jahre für den Piper-Verlag; der Berliner Verlag Elfenbein legt nun ebendiese Übersetzungen, neu durchgesehen, in einer sehr schön gestalteten Ausgabe vor. Jeder Band enthält zusätzliche Erzählungen, die bisher nicht auf Deutsch erschienen sind, und ein neues Nachwort Kalkas, das biografische, zeitgeschichtliche Hintergründe mit Deutungen verbindet. „Die leuchtende Pyramide“ heißt der vierte, jüngste Band dieser Ausgabe. Hier lässt Arthur Machen sein „kleines Volk“ in schrecklicher Deutlichkeit vor die Leser treten: die klein gewachsenen Menschen mit den hässlichen alten Gesichtern, die nur für Kinder oder Erwachsene mit kindlichem Gemüt sichtbar sind, die schrecklichen Feen, die in kreisrunden Senken draußen im Heideland tanzen und Bauernmädchen den Sternen opfern. Die letzten beiden Bände der Werkausgabe folgen 2021.




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