Astronomie Ein seltenes kosmisches Schattenspiel

Von Hans-Ulrich Keller 

Zwei außergewöhnliche astronomische Ereignisse erwarten uns im Mai dieses Jahres: Merkur tritt vor die Sonne und Mars kommt in Erdnähe.

Himmelsanblick in südöstlicher Richtung um Mitternacht. Am 21. Mai zieht der Vollmond an Mars im Skorpion vorbei, einen Tag später an Saturn im Schlangenträger. Foto: Farago
Himmelsanblick in südöstlicher Richtung um Mitternacht. Am 21. Mai zieht der Vollmond an Mars im Skorpion vorbei, einen Tag später an Saturn im Schlangenträger. Foto: Farago

Stuttgart - Mitte April zeigte sich der sonnennahe Merkur kurz in der Abenddämmerung am Westhimmel. Bereits am Montag, 9. Mai, überholt der flinke Planet die Erde auf der Innenbahn. Dies ist normalerweise nichts Besonderes. Denn alle vier Monate überholt Merkur die Erde. Doch diesmal liegt die um sieben Grad geneigte Merkurbahn so, dass der Benjamin der Planeten als dunkler Punkt vor der Sonnenscheibe vorbeiwandert. Ein solches Ereignis nennt man Merkurtransit oder -durchgang.

Merkurtransite sind noch seltener als Sonnen- und Mondfinsternisse. Im 21. Jahrhundert tritt Merkur nur vierzehn Mal vor die Sonne. Nicht alle Merkurtransite lassen sich von Mitteleuropa aus beobachten. Denn einige finden statt, wenn bei uns die Sonne bereits untergegangen ist. Der letzte von Deutschland aus sichtbare Merkurtransit erfolgte am 7. Mai 2003. Sollte man den Merkurdurchgang am 9. Mai wegen eines bewölkten Himmels verpassen, so bietet sich erst am 11. November 2019 und danach am 13. November 2032 eine Gelegenheit, Merkur als dunklen Punkt vor der Sonne zu beobachten.

Kosmisches Schattenspiel

Das kosmische Schattenspiel beginnt in Stuttgart und Umgebung um 13.12 Uhr und 13 Sekunden Sommerzeit mit dem Eintritt von Merkur am Ostrand der Sonne. Die geringste Entfernung vom Mittelpunkt der Sonnenscheibe wird um 16.56 Uhr und 25 Sekunden erreicht, wobei Merkur etwas mehr als fünf Bogenminuten Abstand vom Sonnenscheibenmittelpunkt hat. Der Merkurtransit endet mit dem Austritt von Merkur um 20.40 Uhr, 33 Sekunden. Das Merkurscheibchen ist winzig klein, es hat nur den 158. Teil des scheinbaren Sonnendurchmessers. Daher ist der Transit mit bloßen Augen nicht sichtbar.

Um Merkur als dunklen Punkt vor der Sonne zu sehen, benötigt man ein Fernrohr mit stabilem Stativ und mindestens fünfzigfacher Vergrößerung. Ohne geeignete Schutzmaßnahmen wie Objektivfilter oder Projektionseinrichtung darf man keinesfalls mit Fernglas oder Teleskop in die Sonne sehen! Am besten, man besucht eine Sternwarte, um dieses Himmelsspektakel zu verfolgen. Die genauen Zeiten von Beginn und Ende des Merkurtransits sind ortsabhängig, weichen aber innerhalb Deutschlands nur um wenige Sekunden voneinander ab.

Im Mai beherrscht Mars als helles, auffälliges Gestirn den Nachthimmel. Nur Jupiter ist noch ein wenig heller als Mars. Der weißlich glänzende Riesenplanet kann in der ersten Nachthälfte hoch am Südwesthimmel im Sternbild Löwe gesehen werden. Ende Mai erreicht die Erde ihre geringste Entfernung vom rötlichen Mars. Am 22. stehen Mars und Sonne am irdischen Firmament einander gegenüber, der Fachmann spricht von Opposition. Wenn die Sonne untergeht, erscheint Mars im Südosten. Um Mitternacht sieht man ihn am Südhimmel und morgens geht er im Südwesten unter. Unser Nachbarplanet hält sich im Sternbild Skorpion auf, dessen Hauptstern Antares ebenfalls rötlich leuchtet. Antares heißt so viel wie „marsähnlicher Stern“. Er wurde manchmal mit Mars verwechselt, weil er ebenfalls im Tierkreis steht. Jetzt kann man gut beide Gestirne miteinander vergleichen.

Geringste Entfernung zum Mars

Wegen der elliptischen Bahnen von Erde und Mars wird die geringste Entfernung zu unserem äußeren Nachbarplaneten erst eine Woche nach dem Oppositionstermin erreicht. Am 30. Mai trennen uns nur 75 Millionen Kilometer von Mars, dies ist etwa die halbe Entfernung von der Erde zur Sonne. Das Licht oder ein Funksignal eines Marsrovers ist dann vier Minuten und elf Sekunden zur Erde unterwegs. Mit knapp 6800 Kilometer Durchmesser ist Mars nur halb so groß wie die Erde. Seine Masse beträgt nur elf Prozent der Erdmasse. Ein Marstag ist nur vierzig Minuten länger als ein irdischer Tag. Da die Marsachse ähnlich wie die der Erde um 25 Grad zu seiner Bahn geneigt ist, kommt es auch auf dem Mars zu Jahreszeiten. Sie dauern allerdings doppelt solange wie die irdischen. Denn Mars benötigt für eine Sonnenumrundung fast zwei Jahre. Am 4. Juli 2016 wird auf der Marsnordhalbkugel der Frühling beginnen.

Saturn im Sternbild Schlangenträger wird allmählich zum Planeten der gesamten Nacht. Der gelbliche Ringplanet geht zu Monatsbeginn eine halbe Stunde vor Mitternacht auf, Ende Mai aber schon eine Viertelstunde nach 21 Uhr, also kurz vor Sonnenuntergang. Venus hat sich vom Morgenhimmel zurückgezogen und hält sich am Taghimmel auf. Sie bleibt nachts unbeobachtbar unter dem Horizont. Anfang Juni wird Venus die Sonne im Sternbild Stier einholen. Mars erhält am 21. Besuch vom Vollmond. Einen Tag später zieht der Mond nördlich an Saturn vorbei.

Sternschnuppen Ende Mai

Von Monatsbeginn bis Ende Mai sind die Sternschnuppen des Aquaridenstromes zu erwarten. Ihr Ausstrahlungspunkt liegt im Sternbild Wassermann, daher ihr Name. Es handelt sich um schnelle Meteore, die mit 65 Kilometer pro Sekunde in die Erdatmosphäre eindringen. Der Höhepunkt der Aquaridentätigkeit wird am 6. Mai zu Neumond erreicht, wobei bis zu sechzig Sternschnuppen pro Stunde aufleuchten. Da kein Mondlicht stört, sind diesmal die Beobachtungsbedingungen besonders günstig. Die Aquariden sind Bruchstücke des Halleyschen Kometen. Die beste Beobachtungszeit sind die Stunden ab 3 Uhr morgens.

Neumond tritt am 6. um 21:30 Uhr ein. Wenige Stunden vorher kommt der Mond mit 357 830 Kilometer in Erdnähe, was wiederum zu hohen Springfluten mit maximalem Tidenhub auch der festen Erdoberfläche führt. Vollmond wird am 21. um 23:14 Uhr erreicht. Da sich der Mond in der Nacht vom 18. auf 19. mit 405 930 Kilometer in Erdferne befindet, sieht man diesmal die kleinste Vollmondscheibe des Jahres 2016. Sie hält sich vor der Sternenkulisse des Skorpions auf.

Frühlingsdreieck im Süden

Der Himmelswagen steht hoch über unseren Köpfen, wenn man abends nach Einbruch der Dunkelheit den Sternenhimmel betrachtet. Leicht kann man das Frühlingsdreieck ausmachen, das nun hoch im Süden zu sehen ist. Es setzt sich aus Regulus, Arktur und Spica, den drei Hauptsternen der Sternbilder Löwe, Bootes und Jungfrau, zusammen. Im Löwen glänzt ein helles Gestirn, der bereits erwähnte Riesenplanet Jupiter. Im Südwesten geht gerade der Skorpion auf, in dem der rot-gelbe Mars hell strahlt. Die Sonne erklimmt fast den Gipfel ihrer Jahresbahn. Ihre Mittagshöhen nehmen um knapp sieben Grad zu, die Tageslänge wächst in Stuttgart um eine Stunde und 17 Minuten. Am 14. tritt die Sonne in das Sternbild Stier und passiert Ende Mai das Goldene Tor der Ekliptik. Am 20. Mai wechselt sie in das Tierkreiszeichen der Zwillinge. Das Sternbild Zwillinge erreicht sie erst am 21. Juni um 10 Uhr morgens.