Atommüll in den Südwesten? Bloß kein zweites Gorleben

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Die Suche nach einem Atomendlager geht in die erste bundesweite Vorausscheidung. Potenzielle geeignete Standorte liegen auch im Südwesten.

Im Wendland hat der Widerstand gegen das Endlager Gorleben eine lange Tradition. Foto: dpa
Im Wendland hat der Widerstand gegen das Endlager Gorleben eine lange Tradition. Foto: dpa

Stuttgart - Der 28. September wird ein spannender Tag. Dann wird die Bundesgesellschaft für Endlagerung mbH (BGE) einen brisanten Zwischenbericht veröffentlichen. Die vom Gesetzgeber mit der Suche nach einem Endlager für atomaren Müll beauftragte Gesellschaft wird darlegen, welche Gebiete in Deutschland aufgrund ihrer geologischen Bedingungen weiter untersucht werden – und welche nicht. Das bedeutet: Regionen, die nicht genannt werden, können dann aufatmen.

Fraglich, ob Baden-Württemberg unter den Bundesländern sein wird, für die ein Atomendlager bereits grundsätzlich ausgeschlossen wird. Die in aller Stille geführten Untersuchungen von Untergrundgestein, basierend auf geowissenschaftlichen Daten der Bundesländer, währen schon Jahre. Bereits 2013 wurde publik, dass entlang der Donau und in Bodenseenähe möglicherweise geeignetes Tongestein vorhanden ist. Auch die Schwäbische Alb im Alb-Donau-Kreis und bei Heidenheim scheint geeignet. Längst formierte sich Widerstand. Bereits 2013 unterschrieben 20 Rathauschefs aus dem Landkreis Konstanz eine Resolution, die Peter Altmaier (CDU), damals noch Bundesumweltminister, übergeben wurde. Eine Studie von 2007 habe gezeigt, so der Text, dass in der Region Hegau Erdbeben nie ausgeschlossen werden könnten. Der Regionalverband Donau-Iller sprach sich 2016 gegen ein mögliches Endlager, das zwischen Ulm und Sigmaringen liegen könnte, aus.

Der Widerstand im Land hat sich formiert

Als Zeichen der Gefahr empfanden vor allem Umweltschützer die Abhaltung einer „Dialogveranstaltung“ im Januar 2019 in der Ulmer Messehalle. Eingeladen hatte das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) mit seinem Präsidenten Wolfram König an der Spitze. Nur Kommunalvertreter waren gebeten worden, bürgergesellschaftliche Gruppen mussten draußen bleiben. Die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender prangerte zu diesem Anlass in Ulm an, ein Beamtenclub wolle wohl wieder einmal in aller Stille Tatsachen schaffen. „Die machen die gleichen Fehler wie bei Gorleben und bei Stuttgart 21“, sagte sie.

Jetzt, anderthalb Jahre später, weist Amtspräsident König solche Vorwürfe erneut zurück. Die letzte Entscheidung über einen Endlagerstandort werde eine politische sein, so König. Doch zunächst sprächen die Experten. Dabei stünde allein die Sicherheit im Vordergrund.

Für die anstehende Vorauswahl gelten mehrere Parameter. Wenn in Deutschland 2022 die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet sind, wird eine Menge von rund 30 000 Kubikmetern radioaktiven Abfalls beseitigt werden müssen. Sie stecken dann in rund 1900 Castorbehältern. Nach den Vorgaben sollen die Stahlzylinder in einer Tiefe von 300 Metern gelagert werden, für mindestens 500 Jahre und so, dass sie jederzeit wieder ans Tageslicht geholt werden können. Felseinstürze, gasführende Schichten oder Wasservorkommen müssen ausgeschlossen sein.

Wasser ist ein Problem

„Wasser ist ein Problem“, sagt Wolfram König. So haben Geologen am lange favorisierten niedersächsischen Endlagerstandort Gorleben das Fehlen vor Wasser schützender Gesteinsschichten moniert. Auch Hitze kann zu Problemen führen. Die Castoren sind aufgrund der Reststrahlung der Brennstäbe mehr als 100 Grad heiß. Eine Mächtigkeit des Gesteins von mindestens 100 Metern ist darum ebenfalls Teil des Lastenhefts.

Das Gestein muss geeignet sein, doch die Oberfläche ebenso. Bei vergleichbaren Untergründen zählt später auch der Abstand zu etwaigen Wohngebieten. Vulkane, nahe Bergwerke oder seismische Aktivitäten allgemein führen ebenfalls zum K. o. Das spräche dafür, dass die Region Hegau demnächst aus dem Rennen sein könnte. Laut Amtschef König solle auch vermieden werden, durch den Endlagerbau „wertvolle Naturregionen“ zu zerstören.

Drei Gesteinsarten gelten bis jetzt als grundsätzlich geeignet: Salzstöcke wie in Gorleben, Tongestein wie in der Donauregion und schließlich Granit. Als bisher einziges Land weltweit baut Finnland an einem Endlager – in Granitgestein. Für König heißt das nicht viel, denn in den nördlichen Ländern Europas gebe es keine geologischen Alternativen, während in Deutschland „drei geeignete Wirtsgesteine“ vorhanden seien. In einer späteren Phase der deutschen End­lagersuche sollen mehrere Erprobungsbergwerke die Datenlage weiter verbessern.

Auf Ebene der Europäischen Union gibt es längst Stimmen, die ein einziges Endlager für Europa vorschlagen. Die Niederlande beispielsweise verschließen sich dem Thema als nationalem Projekt bislang vollständig. Andererseits ist Frankreich im Suchprozess weiter als Deutschland. Im Jahr 2035 soll nach Plänen der Nachbarn ein unterirdisches Lager in Lothringen in Betrieb gehen. Allerdings formiert sich auch dort Widerstand. Auch deutsche Regionen versuchen sich frühzeitig aus dem Spiel zu nehmen. So hat die bayerische Politik ihren Widerstand gegen ein Endlager sogar im Koalitionsvertrag verankert.

Ob Gorleben in der kommenden Woche von der Standortliste gestrichen wird, ist derzeit noch offen. Proteste und Demonstrationen wie in Niedersachsen sollen aber künftig unbedingt vermieden werden. Als zuletzt 2011 im Dorf im Wendland ein Zwischenlager mit Atommüll gefüllt wurde, mussten bis zu 20 000 Polizisten den Weg ebnen. Ursache allen Misstrauens ist nach Königs Überzeugung unter anderem, dass die regionale Öffentlichkeit zu spät und ungenügend einbezogen worden sei. Das soll diesmal anders werden.

Bis zum Jahr 2031, so der aktuelle Terminplan, will der Bundestag die letzte Standortentscheidung treffen. Die Einlagerung von Castoren soll dann im Jahr 2050 beginnen. Die nächsten Anlieger des Endlagers, so der erklärte Wille, sollen sich am Ende aller öffentlichen Erörterungen als „Gewinner“ fühlen. Wie? Wohl durch Milliarden Euro, die als lokale Strukturhilfen fließen dürften.

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