Auch in deutschen Parlamenten wurde schon gerauft Handgreifliche Politik

Die Idylle trügt: So friedlich wie auf diesem Stillleben ist es im Reichstag nicht immer zugegangen. Foto: hanohiki - stock.adobe.com
Die Idylle trügt: So friedlich wie auf diesem Stillleben ist es im Reichstag nicht immer zugegangen. Foto: hanohiki - stock.adobe.com

Schlägerei im Reichstag: Vor 100 Jahren ist das erstmals passiert. Als die Nazis ins Parlament einzogen, kam es häufiger zu Prügelszenen. Im Deutschen Bundestag gab es hingegen nur ein einziges Mal handgreifliche Szenen. Mit dabei: der damalige SPD-Fraktionschef Herbert Wehner.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)
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Stuttgart - Schlagfertigkeit ist in der Politik durchaus von Nutzen. Allerdings geht es dabei nicht immer nur um die Schlagkraft von Argumenten. Mancherorts sind Prügelszenen unter Volksvertretern keine Seltenheit. Im Bundestag ist das zuletzt 1950 vorgekommen. Die unrühmliche Premiere handgreiflicher Politik in einem deutschen Parlament hat vor 100 Jahren stattgefunden.

Der Anlass war noch brutaler als der Zwischenfall selbst. Es ging um einen Fememord in Bayern, dem der Sozialist Karl Gareis zum Opfer gefallen war. An dieses bis heute nicht restlos aufgeklärte Verbrechen wollte am 17. Juni 1921 im Reichstag der Abgeordnete Hans Unterleitner erinnern, ein Genosse des Opfers. Im Zuge seiner Rede, die auf zehn Seiten protokolliert ist, beschuldigte er rechtsradikale Kreise des Mordes. Dort habe der Spruch kursiert: „Kommunisten sind keine Deutschen – die erledigt man kalt!“ Dazu bemerkte Franz Mittelmann von der Deutschen Volkspartei: „Da haben Sie recht.“ Daraufhin stürzte sich der Kommunist Hermann Remmele auf den Zwischenrufer. Remmele kam aus Heidelberg, war der Bruder des späteren Staatspräsidenten von Baden, Adam Remmele, der aber Sozialdemokrat war. Die Sitzung endete im Tumult. Das „Berliner Tageblatt“ schrieb von einem „widerlichen Intermezzo“. Remmele habe „den Reichstag mit einem Boxmeeting verwechselt“. Als die Nazis das Parlament eroberten, kam es häufiger zu solchen Szenen. Beleidigungen waren damals an der Tagesordnung.

Wehner schubst einen Rechtsradikalen aus dem Bundestag

Ein rechtsradikaler Abgeordneter bot auch Anlass für die einzige Rangelei im Deutschen Bundestag. Das war am 10. März 1950. Es ging um den Abgeordneten Wilhelm Hedler, der zuvor aus der nationalkonservativen Deutschen Partei, die seinerzeit mit Adenauer koalierte, ausgeschlossen worden war. Er war aus dem Plenarsaal verwiesen worden, wollte aber das Parlamentsgebäude nicht räumen. Da halfen einige Sozialdemokraten nach, unter ihnen der spätere SPD-Fraktionsvorsitzender Herbert Wehner. Sie stießen Hedler durch die Gänge des Bundestags. Er stürzte dabei durch eine Glastür. Wehners zupackende Art wurde mit Schmerzensgeld und einer Woche Sitzungsausschluss geahndet.




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