Auch in Stuttgart gab es Völkerschauen Afrikaner gucken in der Azenbergstraße

Die Wäsche aus Bad Cannstatt wurden mit dunkelhäutigen Revue-Tänzerinnen beworben. Foto: Museum für Stuttgart
Die Wäsche aus Bad Cannstatt wurden mit dunkelhäutigen Revue-Tänzerinnen beworben. Foto: Museum für Stuttgart

Auch in Stuttgart war kolonialistisches Denken selbstverständlich. Bei Völkerschauen bestaunte man Fremde wie Tiere im Zoo.

Kultur: Adrienne Braun (adr)
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Stuttgart - Natürlich waren die Stuttgarter neugierig. Schwaben kannten sie, Badener auch, aber Menschen aus Afrika? Schwarze Frauen in Baströckchen, Männer, die auf eigenwillige Trommeln schlugen? Also pilgerten die Stuttgarter 1928 scharenweise zur Kolonialausstellung, die mehr als zwei Monate lang in der Gewerbehalle und auf dem Stadtgartengelände stattfand. Gezeigt wurden Menschen, exotische Fremde, die eigens für die Völkerschau gecastet wurden und die man in Europa wie Tiere im Zoo vorführte. Das Volk war dankbar für die Unterhaltung – und ließ die Kasse der Veranstalter klingeln.

Erst seit Kurzem wird in Europa häufiger über das Thema Kolonialismus gesprochen, und man beginnt allmählich, nicht nur kritisch zu schauen, welches Unrecht damals begangen wurde, sondern auch, welche Auswirkungen der Kolonialismus hat – bis heute. Auch wenn Deutsch-Südwestafrika oder Deutsch-Neuguinea weit weg waren, hinterließ das koloniale Denken und Handeln seine Spuren in den Köpfen der Menschen, selbstverständlich auch in Stuttgart. Carl Graf von Linden (1838–1910) setzte sich für ein „Ethnographisches Museum“ ein, durch sein Engagement kamen zahlreiche völkerkundliche Objekte aus den „Schutzgebieten“ nach Stuttgart – und füllen heute die Vitrinen des Linden-Museums. Über den Eingangstüren hängen noch heute aus Stein das Abbild eines Afrikaners und das eines Asiaten – so, wie man sich die Fremden damals vorstellte.

Der Nillsche Tiergarten war auf Attraktionen angewiesen

Das Stadtpalais, das im vergangenen Jahr eröffnet wurde, hat sich bei der Konzeption des Museums zwar nicht explizit mit dem Thema Kolonialismus beschäftigt, trotzdem finden sich in der Ausstellung interessante Hinweise zum Thema. Eine der Themeninseln ist Nills Tiergarten gewidmet, einem privaten Zoo, der in der heutigen Azenbergstraße lag und Ende des 19. Jahrhunderts eines der beliebtesten Ausflugsziele der Stuttgarter war. In dem Zoo wurden Tiere gezeigt, aber auch Rollschuh-Rennen veranstaltet und Dompteursnummern der berühmten Dompteuse Claire Heliot vorgeführt. Ein besonderer Renner waren immer wieder Völkerschauen. „Nill war rührig“, erzählt die Sammlungsleiterin Edith Neumann, „er brauchte neben den Tieren noch andere Attraktionen.“ Und diese kamen aus den ehemaligen Kolonien. „Diese Touren gab es, und man hat sich darum gerissen“, erzählt Edith Neumann.

Schon seit der Frühen Neuzeit brachten die europäischen Entdecker, die in andere Länder reisten, von den Gebieten, die sie erforschten, nicht nur Pflanzen, Tiere und Objekte mit, sondern auch Menschen. Columbus hatte Arawak-Indianer im Gepäck, Amerigo Vespucci brachte aus Amerika Ureinwohner mit. Viele dieser Fremden starben bereits auf den Reisen oder in der neuen Umgebung, weil sie die ungewohnte Nahrung nicht vertrugen und den Krankheiten nicht standhalten konnten.

Carl Hagenbeck inszenierte die erste große Völkerschau mit Lappländern

1874 konzipierte Carl Hagenbeck die erste große Völkerschau mit Lappländern. Sie wurde zum Vorbild der späteren Spektakel, weil Hagenbeck nicht nur die Menschen ausstellte, sondern auch ihre Lebenswelt inszeniert wurde – mit Zelten, Werkzeugen, Schlitten. 1874 machte die Show mit den „Lappländer Polarmenschen“ auch in Stuttgart Station.

In den folgenden Jahren wurden Völkerschauen immer beliebter. Man importierte aus den Kolonien Menschen, wobei sich die Einheimischen zum Teil auch bereitwillig anwerben ließen und einige später wohlhabend zurückkehrten. Die Völkerschauen erlebten eine wahre Blüte, um die 300 verschiedene Touren waren zwischen 1870 und 1940 in Deutschland unterwegs, oft wurden die Massenveranstaltungen von mehreren Millionen Menschen gesehen, auch jenseits der Metropolen.

Auch auf dem Historischen Volksfest in Stuttgart wurden Menschen ausgestellt

Im Nill’schen Tiergarten wurden Menschen aus Somalia, Samoa oder dem Sudan vorgeführt. Die Vertreter fremder Kulturen wurden im Zoo oder im Zirkus sowie auf Jahrmärkten, in Varietés und auf Gewerbe- und Kolonialausstellungen präsentiert – und auch auf dem Historischen Volksfest in Stuttgart. Die große „Völkerschau – Kolonialausstellung in Stuttgart“ im Jahr 1928 fand in der Gewerbehalle und auf dem Stadtgartengelände statt.

Die Plakate, die in der Stadt für die Ausstellung warben, prägten das Bild, das sich die Menschen von den Fremden machten – und waren von Stereotypen geprägt. So sind die Afrikaner auf dem Plakat der Stuttgarter Kolonialausstellung von 1928 grinsend und selbstverständlich mit Waffen dargestellt, um deren vermeintliche Wildheit zu unterstreichen. Aus diesem Grund zeigt das Stadtpalais auch kein Foto einer solchen Völkerschau – „aus Respekt vor jenen Menschen“, wie es in der Ausstellung heißt.

Kolonialwarenhandlungen gab es überall

Selbstverständlich waren im Alltag der Stuttgarter aber auch Lebensmittel aus den Kolonien wie Zucker, Kaffee und Tee, Tabak, Reis, Kakao und Gewürze zu haben. In Stuttgart gab es mehrere Kolonialwarenhandlungen – und der Name Edeka erinnert bis heute an die Kolonialwarenläden. E.d.K. war die Abkürzung für „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin“. Im Stadtpalais Stuttgart finden sich in der Dauerausstellung noch einige Verpackungen aus solchen Läden, wo es „Maja-Bananen“, „Türkenstolz Kaffee“ der Stuttgarter Rösterei Eugen Klett gab oder Zigaretten von Waldorf-Astoria. Der Tabak, vermutet Edith Neumann, „kam sicher auch aus den Kolonien“.

Den Reiz der Fremden machte man sich übrigens auch bei der Cannstatter Firma Landauer & Co. zunutze, die im 19. Jahrhundert Korsetts produzierte und später auch einen Büstenhalter entwickelte, den man Hautana nannte, weil er nun direkt auf der Haut getragen werden konnte. Bei den Modellen für die Werbung für Hautana orientierte man sich allerdings nicht an der eigenen, vorwiegend weißen Kundschaft, sondern setzte wie mancher bildende Künstler in dieser Zeit auf den Exotismus-Faktor und zeigte schwarze Revuetänzerinnen.




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