Aufregung in Stuttgart-Möhringen Die Liebesbotschaft finden einige gruselig

Von Caroline Holowiecki 

Ein handgeschriebener Liebesbrief, der in Stuttgart-Möhringen verteilt worden ist, löst emotionale Reaktionen aus. Weil etwas gehörig schiefgelaufen ist. Der Absender ist die katholische Kirche, der Pfarrer erklärt die Hintergründe.

Die ungewöhnliche Botschaft zu Valentinstag ist handgeschrieben. Foto: Caroline Holowiecki
Die ungewöhnliche Botschaft zu Valentinstag ist handgeschrieben. Foto: Caroline Holowiecki

Möhringen - Liebes Kind, ich kenne dich genau, selbst wenn du mich vielleicht noch nicht kennst. (…) Ich habe jeden einzelnen Tag deines Lebens in mein Buch geschrieben. (...) Ich habe gute Pläne für dich, die voller Zukunft und Hoffnung sind. Meine guten Gedanken über dich sind so zahlreich wie der Sand am Meeresstrand.“ Als die Neunjährige den Zettel mit diesen Zeilen aus dem Briefkasten fischt, ist sie verdutzt. „Sie hat wirklich gedacht, der Brief ist für sie“, erzählt die Mutter, immerhin sei ja bald Valentinstag. Die 40-Jährige aus Möhringen hat das Papier rasch an sich genommen, es samt der Bibelstellen, die hinter jedem geschriebenen Satz notiert sind, studiert. Und der erste Impuls sei gewesen, dass eine Sekte ihr Kind angeschrieben hat, erzählt die Frau, die anonym bleiben will.

Der Brief war als Werbung für ein „Rendezvous mit Gott“ gemeint

Der mysteriöse Brief endet so: „Ich frage dich nun: Willst du mein Kind sein? Ich warte auf dich. In Liebe, Dein Vater – der allmächtige Gott.“ Und ganz unten auf der Rückseite, klein gedruckt, steht: „Eine Aktion der katholischen Kirchengemeinde St. Hedwig und Ulrich.

Der Brief ist als Werbung für ein „Rendezvous mit Gott“ gedacht, eine Veranstaltung der Gemeinde am Vorabend des Valentinstags. Um 18 Uhr soll die Kirche St. Hedwig geöffnet und beleuchtet werden. Der Flyer zur Veranstaltung liegt dem „Liebesbrief von Gott“ bei. „Die Aktion gab es letztes Jahr schon ähnlich“, sagt der Pfarrer Heiko Merkelbach. Entstanden seien die Briefe im „Mission Possible“-Kurs. Dort sei es unter anderem um die Frage gegangen, wie die 5500-Seelen-Gemeinde mehr Menschen erreichen könne. Merkelbach spricht vom Missionieren.

Von Postwurfsendungen war eigentlich nie die Rede

Doch in der Wohngegend, wo die Mutter und andere Nachbarn den Brief bekommen haben, ist etwas schiefgegangen. Die roten Umschläge fehlen. Veranstaltungsflyer und Briefe bilden keine Einheit. „Der weiße Brief allein erklärt sich nicht“, sagt der Pfarrer. 1500 Umschläge plus Schokolädle sollten dieser Tage persönlich verteilt werden, am Bahnhof oder auf dem Marktplatz. „Es war nie die Rede von Postwurfsendungen“, sagt er zerknirscht, „es war so nicht abgesprochen“.

Passiert ist es trotzdem, und die Reaktion hat nicht lang auf sich warten lassen. Bei Facebook wird rege über die etwas andere Liebespost diskutiert. Viele finden die Aktion der Möhringer Kirchengemeinde harmlos, ebenso viele aber befremdlich. Als „spooky“, also gruselig, empfindet ein Mann den Duktus, als „völlig unsinnig und nicht zielführend“ bewertet ein anderer die Sache. „Dubios“ findet das Schreiben eine Frau, und andere Facebook-Nutzerinnen schlagen gar vor, die Sache der Polizei zu melden. Auch die Mutter aus Möhringen, die den Brief erhalten hat, hegt gemischte Gefühle. Zwar könne sie mittlerweile drüber lachen, dennoch findet sie die Kampagne „unsensibel“. Dabei hätte Heiko Merkelbach gewarnt sein können. Dass der eine oder andere den Liebesbrief missverstehen könnte, ist nämlich bekannt. „Letztes Jahr haben das manche in den falschen Hals gekriegt, weil wir keinen Absender draufgedruckt und keine Flyer beigelegt hatten“, sagt der Pfarrer. Ein Mann hatte sich telefonisch beschwert, dass ein Fremder seinem Kind auf der Straße einen Liebesbrief in die Hand gedrückt hatte.

Auch im vergangenen Jahr gab es kritische Stimmen

Dieses Jahr habe man alles besser machen wollen, sagt der Pfarrer. Eigentlich. Heiko Merkelbach glaubt an ein übermotiviertes Gemeindemitglied, das den Brief ohne Rücksprache verteilt hat. „Das war unklug“, bekennt der Pfarrer, „es ist kontraproduktiv“.

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