Was hohe Kunst mit Wertschätzung für Pflegekräfte zu tun hat, erklärt Thomas Reusch-Frey aus Anlass einer ganz speziellen Auktion.

Ludwigsburg: Susanne Mathes (mat)

Bietigheim-Bissingen - Wer bietet mehr?“ hieß es am Samstag im Kronenzentrum in Bietigheim-Bissingen. Dort versteigerte Oberbürgermeister Jürgen Kessing (SPD) zugunsten der Stiftung der Diakoniestation Bietigheim-Bissingen hochwertige Kunstwerke, wegen Corona allerdings ohne Publikum. Trotzdem knisterte zwischendurch Überbietungs-Spannung. Thomas Reusch-Frey vom Vorstand der Stiftung erzählt, weshalb – und welche Werke bei den Kunstfreunden besonders gut ankamen.

Herr Reusch-Frey , Marc Chagall, Willi Baumeister, HAP Grieshaber, Otto Dix: Wie kommt die Stiftung der Diakoniestation für eine Versteigerung an Werke solcher Künstler?

Wir haben sie von einem sehr großzügigen Stifter bekommen, der sich sozial engagieren möchte und das Herz am rechten Fleck hat. Das ist ganz großartig. So etwas macht gewiss nicht jeder, der es könnte.

Welches Werk kam für das meiste Geld unter den Hammer?

Die „Strahlende Pforte“ von Max Ackermann, ein Pastell auf schwarzem Bütten aus dem Jahr 1974. Das Mindestgebot lag bei 1900 Euro, verkauft wurde es für 3200 Euro.

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Wegen Corona konnten Sie die Aktion nicht in persönlicher Gegenwart der Bieter und auch nicht mit Publikum über die Bühne bringen. Wie hat das dann überhaupt funktioniert?

Die Werke konnten sich die Interessenten vorher online im Katalog anschauen, und am Samstag vor der Auktion dann auch persönlich im Bietigheimer Kronenzentrum, unter 2G-Regelung und über mehrere Stunden verteilt. Da standen die Bilder schön in Reih und Glied. Die Versteigerung selbst hat dann Jürgen Kessing als Auktionator gemacht: Wir hatten mehrere Handys und haben dann die Bieter parallel angerufen und auf laut gestellt, wenn ihr Werk an der Reihe war. So ist dann trotzdem Auktionsstimmung aufgekommen. Bei dem Bild „Die Lagenschwimmerinnen“ von Adam Lude-Döring zum Beispiel haben vier Leute gleichzeitig mitgeboten. Das war richtig spannend. Und Herr Kessing hat das mit seinem Auktionshammer und einer Mischung aus Ernst und spielerischem Herauskitzeln eines vielleicht noch höheren Gebotes genial gemacht.

Die Stiftung hat bei dieser Auktion rund 35 000 Euro eingenommen. Wofür werden sie eingesetzt?

Wir wollen damit allen knapp 100 Beschäftigten der Diakoniestation Bietigheim-Bissingen einen Corona-Bonus von 200 Euro auszahlen, egal ob in der Pflege, der Verwaltung, ob in Teilzeit oder Vollzeit. In Zeiten, in denen die Pflegeberufe so herausgefordert sind, halten wir das für ein wichtiges Zeichen. Deshalb sanieren wir übrigens auch gerade zwei Wohnungen für Pflegekräfte, die wir ab März günstig vermieten wollen. Wenn die Gesellschaft will, dass Menschen in die Pflegeberufe gehen, muss sie einfach mehr für diese Berufsgruppe tun. Die restlichen knapp 15 000 Euro aus der Auktion fließen in unsere Zustiftung.

Gibt es auch Werke, die keinen Käufer gefunden haben?

Ja, zum Beispiel „Bild vom 10.VI.1967“ von Max Ackermann, ein Ölgemälde auf Leinwand. Das Mindestgebot war allerdings auch auf 12 000 Euro festgesetzt. Andererseits: Auf professionellen Auktionen würde man es zu diesem Preis bei weitem nicht bekommen. Die Werke, die nicht unter den Hammer gekommen sind, kann man aber immer noch kaufen. Nähere Informationen gibt es auf unserer Website www.stiftungdiakonie.de.

Mit Rückhalt geht es besser

Die Stiftung
Sie unterstützt die Diakoniestation Bietigheim-Bissingen, etwa indem sie die Räume in der Gartenstraße gekauft hat, in denen die Station ihre Bleibe hat und auch eine Tagespflege betreibt. Die Stiftung erwirbt auch die frei werdenden Räume des Hospizes, um dort gemeinschaftliches Wohnen und intergeneratives Miteinander zu verwirklichen und unterstützt unter anderem ein Krisen-Telefon für Familien in Not

Der Interviewpartner
Thomas Reusch-Frey, Jahrgang 1959, ist Theologe und saß zwischen 2011 und 2016 für die SPD im baden-württembergischen Landtag. Er ist Leiter des „treffpunkt 50plus“ in Stuttgart, einem Fachdienst der Evangelischen Akademie Bad Boll, und engagiert sich vielfach im Ehrenamt. Er ist verheiratet und hat drei Kinder

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