Ausstellung der Sammlung Zander in Bönnigheim Botschaft aus Jenseits und Unterbewusstsein

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Geisterstunde im Schloss: die neue Ausstellung der Sammlung Zander „Be Happy! We Do Not Forget You“ widmet sich dem Übersinnlichen in Malerei und Fotografie.

Rorschach in 3D: Eine Plastik des Düsseldorfer Bildhauers Markus Karstieß zitiert Klecksografien von Justinus Kerner. Foto: factum/Bach
Rorschach in 3D: Eine Plastik des Düsseldorfer Bildhauers Markus Karstieß zitiert Klecksografien von Justinus Kerner. Foto: factum/Bach

Bönnigheim - Unbewusst und „an der Schwelle des Traums“ – so beschrieb André Breton die Écriture automatique – eine Art „Denkdiktat ohne jede Kontrolle der Vernunft“. Die Adaption dieser ursprünglich psychotherapeutischen Technik durch die Surrealisten hat nicht nur zahllosen Schreibern dabei geholfen, ihre Schreibblockaden loszuwerden, sie hat auch einer Kunstform kunsthistorische Aufmerksamkeit zuteil werden lassen, die zuvor kaum beachtet und gering geschätzt wurde: die so genannte mediumistische Kunst versammelt Werke, die unter dem Diktat von Geistern oder anderer „höherer Wesen“ entstanden sein sollen, indem sie die Hand des Künstlers lenkten.

Knapp 150 Werke derartiger Kunst lassen sich nun im Schloss Bönnigheim in einer Ausstellung der Sammlung Zander besichtigen. Die Sammlung der verstorbenen Kunstmäzenin Charlotte Zander ist eine der bedeutungsvollsten, was Naive Kunst, Art brut und Outsider Art anbelangt. Mediumistische Kunst ist ein Schwerpunkt der Sammlung. Da war eine Ausstellung zum Thema naheliegend. Tochter Susanne Zander, seit 2014 Geschäftsführerin der Sammlung, erklärt ihre Idee von der Ausstellung: „Wir wollen keinen Glauben an Geister propagieren.“ Es gehe darum, wie der Okkultismus die Kunst inspiriert habe – und wie Okkultismus selbst Kunst wurde.

„Wir wollten keine Geisterbahn machen.“

Kuratiert wird die Ausstellung von Andreas Fischer und Veit Loers. Fischer ist Kurator am „Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene“ in Freiburg und hat, ebenso wie Loers, ehemaliger Direktor des Fridericianum in Kassel, zahlreiche Ausstellungen zum Okkultismus verantwortet. „Wir wollten keine Geisterbahn machen“, sagt Fischer. Zur Ausstellung gehört auch eine gehörige Portion Ironie, beispielsweise bei den Bildern von Bernhard Blume – bei dem das Okkulte Reflexionsanlass für das künstlerische Rollenbild ist.

Viele Ausstellungsstücke datieren vor Bretons Aufsatz und waren bis dato eher als Versuch eines dokumentarischen Beweises für die Existenz von Geistern angesehen worden, beispielsweise vom Münchner „Geisterbaron“ Albert von Schrenck-Notzing (1862 bis 1929). Er hat Medien bei der Kommunikation mit Geistern beobachtet und fotografiert. Zudem gibt es Klecksografien des Ludwigsburger Arztes, Dichters und frühen Okkultismusforschers Justinus Kerner (1786 bis 1862). Knapp 100 Jahre später zitiert der Düsseldorfer Bildhauer Markus Karstieß diese Idee der Spiegelung à la Rorschach in großen Plastiken. Hinzu kommen Gipsabdrücke von Geisterhänden, Portraits von Verstorbenen von dem in Stuttgart aufgewachsenen Malmedium Margarethe Held (1894 bis 1981) sowie Gemälde jenseitiger Landschaften von Heinrich Nüsslein (1879 bis 1947).

Zum ersten Mal sind auch Leihgaben ausgestellt

Zum ersten Mal überhaupt greift die Sammlung Zander für eine Ausstellung auf Leihgaben zurück, beispielsweise aus dem Literaturmuseum Marbach. So werden die Verbindungen zwischen Okkultismus und Kunst erst offenbar. Etwas ausführlicher hätten die Beschreibungen der Exponate ausfallen können: Hier wird der Besucher mit Künstler, Titel, Jahr alleinegelassen – dabei wäre eine Einordnung vor dem Hintergrund der komplexen Zitatelage hilfreich. Doch dies gehört zum Konzept: man wollte die Outsider-Kunst auf Augenhöhe mit den dokumentarischen Elementen zeigen. Das Gute daran: die Assoziationen und Bezüge stellen sich auch ohne Hintergrundwissen ein. Geistreichere Erkenntnisse ergeben sich aber bei einer Führung.

Der Titel der Ausstellung „Be Happy! We Do Not Forget You“ ist übrigens ein Zitat: die britische Outsider-Künstlerin Madge Gill soll den Satz von ihrem verstorbenen Mann übermittelt bekommen haben. In Anbetracht der Angst vieler Menschen, dass man sie nach ihrem Ableben vergisst, ist der Satz Trost aus dem Jenseits: Zumindest die Toten denken an die Lebenden




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