Ausstellung im Böblinger Fleischermuseum Die blutige Gudrun verblüffte alle Gesellen

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Als erste Frau bestand Gudrun Ströbel 1967 die Prüfung zur Metzgergesellin im Kreis Böblingen, damals eine Sensation. Ihr Leben lang hat sie im Familienbetrieb gearbeitet. Heute fehlen der 71-Jährigen die Kunden – und gute Lyoner.

Gudrun Ströbel im Jahr 1967 – gefilmt vom Süddeutschen Rundfunk. Foto: Fleischermuseum 7 Bilder
Gudrun Ströbel im Jahr 1967 – gefilmt vom Süddeutschen Rundfunk. Foto: Fleischermuseum

Böblingen - Der Kuhkopf baumelt an ihrer Hand, als Gudrun Walker zur Wurstküche schlendert. Einen Finger hat sie durch das Maul gesteckt, den anderen durchs Nasenloch. „Das Metzgerhandwerk erfordert den ganzen Mann“, kommentiert der Fernsehreporter vom Süddeutschen Rundfunk die Szene. Die damals 18-Jährige war eine Sensation: 1967 bestand sie als erste Frau die Prüfung zum Metzgergesellen der Böblinger Innung – ausgerechnet noch als Jahrgangsbeste. „Unerschrocken greift sie zum Messer“, so beschreibt der Redakteur die Bilder, die in der Abendschau zu sehen waren. Noch bis vor drei Jahren hat die 71-Jährige den Familienbetrieb in Aidlingen (Kreis Böblingen) geführt. Ihr Berufsleben ist ein Stück Handwerksgeschichte und jetzt im Böblinger Fleischermuseum als Ausstellung zu sehen.

„Ich würde es noch einmal machen“, sagt Gudrun Ströbel, die vor 50 Jahren ihren Mädchennamen Walker abgelegt hat. Noch länger hat sie in ihrem Beruf gearbeitet – im Prinzip, seit sie laufen kann. Damals spielte sich das ganze Dasein im Betrieb ab, und als fünfte Generation und einziges Kind wollte sie die Familientradition weiterführen. „Sie üben den männlichsten aller Berufe aus“, sagt der Fernsehreporter in dem Beitrag und fragt ernsthaft, ob sie dazu gezwungen worden sei. Die junge Gudrun schüttelt den Kopf und lächelt. Ihre Mutter hätte es gern gesehen, wenn sie eine Kochlehre gemacht hätte, weil zur Metzgerei das Gasthaus Hirsch gehörte, erzählt sie heute, der Vater war über ihre Wahl aber froh.

Der SDR-Reporter kann es aber nicht fassen: „Dass ein Mädel seiner Weiblichkeit zum Trotz diesen Beruf ausübt, gehört zu den großen Seltenheiten“, findet der Mann. Als einzige Frau in der Berufsschule sei es schön gewesen, sagt Gudrun Ströbel, verwöhnt worden sei sie allerdings nicht. Anders als heutzutage musste sie in der Prüfung noch schlachten. „I han ja nalanga könna“, sagt sie. Das Ergebnis verblüffte alle, heißt es in dem Fernsehbeitrag. Nur der Ehrenstahl, den es normalerweise für den Jahrgangsbesten gab, wurde in ihrem Abschlussjahr nicht verliehen. Auch der Journalist kann es nicht lassen und bemüht das passende Klischee. Dass junge Männer lediglich einen Leberkäs’ in der Metzgerei kaufen, um mit ihr flirten zu können, berichtet er. „Schließlich ist sie eine gute Partie und wird einmal Ehefrau und Chefin sein.“

Dass sie sich ihren Mann selbst ausgesucht hat, darauf legt Gudrun Ströbel wert. Praktischerweise war er ebenfalls Metzger und bei ihren Eltern angestellt. Er hatte bei Betrieben in ganz Deutschland Erfahrung gesammelt, sie schwärmt von seiner Lyoner. „Da tue ich mich heute noch schwer, die Qualität zu bekommen, die ich gewohnt war“, seufzt die 71-Jährige. Das Paar teilte die Arbeit klassisch auf: Sie bekam drei Kinder und leitete den Laden, er war fürs Metzgern zuständig. „Ich habe mir einen Meister angelacht, da konnte ich mir die Prüfung sparen“, sagt sie über ihre ursprünglichen Pläne. Letztlich musste sie dennoch ihren Mann stehen, wie es der Fernsehreporter in der ersten Szene seines Beitrags beschrieben hatte. Aufgrund einer Erkrankung in den späten 1970er Jahren war Georg Ströbel im Laufe der Zeit zunehmend auf einen Rollstuhl angewiesen.

„Haben Sie Freude an dem blutigen Handwerk?“, fragte der SDR-Redakteur die junge Frau vor 53 Jahren für die Abendschau. „Ja, ja“, antwortet sie und lächelt. Es sei zwar eine Freude gewesen, dass das erste Kind ein Sohn war, erzählt sie heute, aber er könne keinem Tier etwas zuleide tun. Auch die beiden Töchter gingen andere Wege. „Wenn ich nicht so Spaß gehabt hätte an meinem Beruf, hätte ich es gar nicht können“, sagt sie über die Zeit mit der Krankheit und danach. Erst 2017, fünf Jahre nach dem Tod ihres Mannes, gab sie das Geschäft auf. Der Laden und das Gasthaus Hirsch wurden abgerissen, auf dem Grundstück steht mittlerweile ein Mehrfamilienhaus. „Ich habe noch keine Stunde Heimweh gehabt“, sagt Gudrun Ströbel. Die Telefonnummer der Metzgerei hat sie beim Umzug in ihr Wohnhaus mitgenommen. Manchmal rufen Kunden an und dann freut sie sich.

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