Ausstellung in Paris Corona verleiht Giorgio de Chirico erschreckende Aktualität

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Das Musée de l’Orangerie in Paris zeigt Werke der metaphysischen Malerei des italienischen Künstlers

Wegen der Corona-Beschränkungen dürfen nur wenige Besucher gleichzeitig in die Ausstellung der Bilder von Giorgio de Chirico. Dadurch hat man viel Ruhe beim betrachten der Werke. Foto: Krohn/Krohn
Wegen der Corona-Beschränkungen dürfen nur wenige Besucher gleichzeitig in die Ausstellung der Bilder von Giorgio de Chirico. Dadurch hat man viel Ruhe beim betrachten der Werke. Foto: Krohn/Krohn

Paris - Wir leben in besonderen Zeiten. In Paris wird eine Ausstellung eröffnet und es bildet sich keine unendlich lange Schlange vor dem Eingang des Museums, allein das ist ein kleines Ereignis. Das irritiert umso mehr, da im Musée de l’Orangerie Werke von Giorgio de Chirico (1888-1978) gezeigt werden, einem der bedeutendsten italienischen Künstler der Avantgarde. Zudem sind die Macher der Werkschau kein Risiko eingegangen und legen den Fokus auf seine metaphysische Malerei, die mit Abstand berühmteste Periode des Künstlers – unter normalen Umständen ein absolutes Muss für jeden Paris-Touristen. Aber: die französische Hauptstadt ist Corona-Risikogebiet und viele Menschen machen einen großen Bogen um die Stadt.

Leere Plätze und unheimliche Stadtlandschaften

Beängstigend aktuell wirken die Werke Giorgio de Chiricos, die alle zwischen 1911 und 1918 entstanden sind. De Chirico gilt als Hauptvertreter der bis in die 1920er Jahre dauernden Strömung der metaphysischen Malerei, die durch rätselhafte Bilder die wahre Realität enthüllen und überwinden wollte. Im Musée de l’Orangerie zu sehen sind unheimliche, traumähnliche Stadtlandschaften, deren Leere an die Plätze in Paris während des zweimonatigen Corona-Lockdowns erinnern. Die gesichtslosen Figuren in den Gemälden wirken wie die Maskenträger, die in jenen Wochen im Frühjahr vereinzelt und verloren wirkend über die verwaiste Champs-Èlysées huschten.

Von der Bildsprache des Künstlers fasziniert

Etwas holzschnittartig teilen die Macher der Werkschau das Schaffen Giorgio de Chiricos in drei Perioden ein: München, Paris, Ferrara. Verständlich werden manche Entwicklungen und Seitenstränge seines Schaffens erst durch die Lektüre des sehr guten Ausstellungskataloges mit vielen pointierten Aufsätzen. Schwerpunkt der aktuellen Schau liegt natürlich auf der Zeit in Paris, wo sich der Maler und Grafiker erstmals zwischen 1911 und 1915 längerfristig aufhielt. Während seines Aufenthalts in der französischen Hauptstadt kam de Chirico mit Pablo Picasso, André Derain und dem Dichter und Kunstkritiker Guillaume Apollinaire zusammen, der von der Originalität der Bildsprache des Italieners fasziniert war.

Ein Trennstrich zu seinem späten Werk

Die Ausstellungsmacher ziehen dann einen konsequenten Trennungsstrich zu seinem späteren Werk, in dem der Künstler sich von der Moderne abwandte und die Alten Meister in seinen Fokus rückte. Enttäuscht urteilte damals der Surrealist André Breton, dass es zwei Teile in Giorgio de Chiricos Schaffen gebe, eine frühe und eine schlechte Phase. Die Organisatoren der aktuellen Ausstellung scheinen diese Auffassung in gewisser Weise zu teilen.

Die Ausstellung im Musée de l’Orangerie ist bis zum 14. Dezember täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet, Dienstag geschlossen; Eintritt normal: 12,50 Euro, ermäßigter Tarif: 10 Euro. Online-Reservierung und das Tragen von Mund- und Nasenschutz sind zwingend.




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