Automafia in Bosnien und Kosovo Wenn Unbekannte Lösegeld für das Auto verlangen

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Auf dem Balkan stehlen Banden Fahrzeuge und verkaufen sie für stattliche Summen zurück an die Besitzer. Polizei und Justiz sind machtlos.

In Sarajevo werden häufig Autos entführt. Foto: AFP
In Sarajevo werden häufig Autos entführt. Foto: AFP

Sarajevo - Die Gesetzeshüter hatten keine Chance. Noch bevor die Polizisten Adis Sehovic und Davor Vujinovic in Bosniens Hauptstadt Sarajevo ihrem Dienstwagen entsteigen können, um zu überprüfen, wer sich an einem geparkten Golf zu schaffen macht, werden die beiden von den flüchtigen Autodieben am vergangenen Freitag erschossen. 

Der 46-jährige Sehovic konnte nur noch tot aus dem von Schüssen zersiebten Streifenwagen geborgen worden. Der 43-jährige Vujinovic erlag wenig später in der Klinik seinen Verletzungen. „Dies ist ein Angriff auf uns alle, eine Attacke auf die Bürger von Bosnien und Herzegowina“, erklärte Premierminister Denis Zvizdic in einem Beileidstelegramm an die Angehörigen.

Stattliches Lösegeld gefordert

Die Polizistenmorde haben die Aufmerksamkeit in dem Vielvölkerstaat auf die Machenschaften der sogenannten Automafia gelenkt. Denn auf dem Balkan müssen nicht nur Inhaber nobler Limousinen um ihre Wagen bangen. Vor allem in Bosnien und Kosovo florieren kriminelle Banden, die sich auf die Entführung von Autos spezialisiert haben: Nur bei Zahlung eines stattlichen Lösegelds bekommen die Eigentümer ihre Vehikel zurück.

Zwei Tage nach dem Verschwinden seines Wagens habe er Anrufe erhalten, ob er sein Auto zurückerhalten wolle, berichtet das Diebstahlopfer Jasmin Pljevjak aus Sarajevo dem Sender Al Jazeera Balkans. Am Ende entschied er sich dafür, einem Mittelsmann der Autoentführer in einem Café die geforderten 8000 Bosnische Mark auszuhändigen, das sind umgerechnet 4000 Euro. Zwei Stunden später wurde ihm der Standort seines Autos mitgeteilt.

Diebe arbeiten in kleinen Gruppen

Laut der Polizei operieren Bosniens Autodiebe meist in kleinen Gruppen von drei oder vier Mann. Das Risiko ist angesichts der schlecht ausgerüsteten Polizei überschaubar, ein satter Profit garantiert. Verweigern sich die Bestohlenen einem Rückkauf und finden sich auch keine anderen Käufer für das Diebesgut, werden die gestohlenen Autos eben in Einzelteile zerlegt als günstige Ersatzteile verscherbelt.

In den Fängen der geschäftstüchtigen Automafia fühlen sich auch die Bewohner anderer Balkanstaaten oft alleingelassen. Hilfe von der überforderten Polizei oder der trägen Justiz können Diebstahlopfer kaum erwarten. In Bosniens Staatslabyrinth etwa endet die Zuständigkeit der alarmierten Polizei meist an der nächsten Kantons- oder Teilstaatsgrenze.

3000 Euro Lösegeld

So parken Autodiebe ihre in Sarajevo ergatterte Beute am liebsten im nahen Teilstaat der Republika Srpska –   oder umgekehrt.   Ein ähnliches Phänomen ist auch im einige Hundert Kilometer entfernten Kosovo zu beobachten, wo besonders der serbisch besiedelte Nordkosovo als nahezu rechtsfreies Refugium und Eldorado der Automafia gilt.

Kurz nach dem Kauf eines gebrauchten VW Golf für 8000 Euro sei das Auto seiner Eltern in Pristina gestohlen worden, erzählt in Kosovos Hauptstadt der 25-jährige Agrarökonomie-Student Leart. Die Polizei habe „absolut nichts“ unternommen. Seine Eltern hätten ihren Wagen für 3000 Euro von den Dieben zurückkaufen und im serbischen Norden abholen müssen: „Nur die Mafia funktioniert hier, sonst fast nichts.“

Millionenumsatz mit Diebstahl

Groß ist in Sarajevo zwar die Aufregung und Empörung nach den Polizistenmorden, aber auch in Bosnien sind es Korruption, Inkompetenz sowie die schwachen Institutionen in einem von organisierter Kriminalität infizierten Staat, der die Bekämpfung der Automafia bremst. Selbst wenn die Polizei wie vergangenes Jahr mutmaßliche Mitglieder der Automafia verhaftet, schleppen sich die Prozesse oft jahrelang und folgenlos dahin.   Die Automafia soll Experten zufolge derweil schon lange ­Millionenbeträge umsetzen.