InterviewBarbara Wild, Fachärztin für Psychiatrie Tricks, wie man Weihnachten übersteht

Von  

Weihnachten ist das Fest der Liebe – Harmonie, Familie, schöne Geschenke, gutes Essen. Die Erwartungen sind hoch, die Vorfreude ist groß – genauso wie das Risiko, das etwas schiefläuft. Eine Expertin verrät Tricks, wie man Weihnachten übersteht.

Einfach mal Lächeln – aber kein künstliches Dauerlächeln, das fällt auf. Foto: dpa
Einfach mal Lächeln – aber kein künstliches Dauerlächeln, das fällt auf. Foto: dpa
Stuttgart – - Für die einen ist es die schönste Zeit des Jahres, für die anderen sind die Weihnachtsfeiertage die längsten 72 Stunden überhaupt. Barbara Wild, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, erklärt, wie man mit ein paar Tricks Weihnachten übersteht.
Frau Wild, sind die Weihnachtsfeiertage die längsten 72 Stunden überhaupt?

Das kommt darauf an, wen man fragt.

Egal wen man fragt: Innerhalb dieser drei Tage scheinen besonders häufig kleinere oder größere familiäre Verwerfungen aufzutreten. Wieso das?
Es gibt einfach eine große Diskrepanz zwischen den Erwartungen, die man mitbringt, und der Realität. Im Arbeitsleben hat man eine große Routine, die einem hilft, den Alltag zu meistern. An Weihnachten möchte man aber Harmonie, Freude und gutes Essen, andererseits kann vieles schiefgehen, weil es nicht so geübt ist. Dazu sieht man einen Teil der Familie vielleicht nicht so häufig, also ist da auch vieles aufgespart an Dingen, über die man mal sprechen sollte. Das dann genau an Heiligabend zu tun ist sicherlich keine gute Idee.
Welche Rolle spielen Erinnerungen an vergangene Weihnachtsfeste bei der emotionalen Bewältigung der aktuellen Feiertage?
Die Kindheitserinnerungen an Weihnachten schleppt man immer mit sich mit, wenn man bei der aktuellen Weihnachtsfeier erscheint. Da kommen dann zum Teil schöne Erinnerungen hoch, zum Teil aber auch Erinnerungen wie „Meine Schwester wurde immer schon bevorzugt!“ oder „Bei der Schwiegermutter hat der Weihnachtsbraten noch nie geschmeckt“.
Und wenn man gute Erinnerungen hat, steigen die Erwartungen, was wiederum die Fallhöhe noch gefährlicher macht, oder?
Natürlich!
Würde es dann etwas bringen, die eigenen Erwartungen herunterzuschrauben? Nach dem Motto: Der Braten bei Schwiegermutter war noch nie knusprig, also wird mich das auch dieses Jahr nicht aus der Bahn werfen?
Ja. Oder man versucht es von vornherein mit einer Verlagerung nach dem Motto „Brunch statt Braten“.
Weil eine Verlagerung des Essens vom Festtagsmenü zum entspannten Brunch die Struktur der Feiertage verändert?
Ich finde schon, schließlich kommen unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammen. Wenn zum Beispiel Kinder dabei sind, finden die das schrecklich, stundenlang am Tisch sitzen zu müssen. Brunch ist unkomplizierter, außerdem ist für jeden etwas dabei.
Bringt die Veränderung des gewohnten Feiertagsablaufs aber nicht auch wieder Konfliktpotenzial mit sich?
Es ist gut, Erwartungen vor den Feiertagen anzusprechen: Was möchten die Einzelnen machen, wie lange wollen sie bleiben, und was soll es zu essen geben?
Stichwort vorher ansprechen: Sollte man versuchen, Konflikte schon vor den Feiertagen zu klären? Oder falls das nicht geht, zumindest einen Waffenstillstand vereinbaren?
Die Idee eines Waffenstillstandes finde ich sehr gut. Wenn Ehepartner unterein­ander Probleme haben, rate ich dazu, diese Konflikte in einer ruhigen Minute vor dem Fest anzusprechen, am besten wenn
nicht viele Leute um einen herum sind, wenn man alleine ist, wenn man die Zeit dafür hat.
Spielen einem die eigenen Erinnerungen eigentlich manchmal einen Streich, wenn man aus der Sicht des inneren Kindes beispielsweise das Weihnachten von früher glorifiziert, obwohl die Kugeln damals auch nicht heller geglänzt haben?
Klar, das machen wir mit allen Erinnerungen. Die werden permanent überarbeitet. Das kann man inzwischen sogar neurobiologisch zeigen: Jedes Mal, wenn man Erinnerungen abruft, ändert sich an der Gedächtnisspur etwas. Es ist also nicht wie bei einem Computergedächtnis, das immer gleich bleibt, es ist viel mehr fluide und veränderbar . . . 
. . . was wahrscheinlich wichtig für den Fortbestand von Weihnachten ist, weil man sonst nie wieder Heiligabend mit der buckligen Verwandtschaft feiern würde, oder?
Absolut, das ist ein gewisser Schutz – nicht nur in Bezug auf das Weihnachtserlebnis.
Der Volksmund hat ja viele treffende Sprüche parat, in Bezug auf Weihnachten zum Beispiel „Besuch ist wie Fisch, nach drei Tagen stinkt er“. Ist das eine praktikable Warnung?
Ja, genau, man sollte an die eigenen Grenzen und an die Grenzen der anderen denken. Ein anderer Spruch ist ja nicht umsonst: „Man soll gehen, wenn es am schönsten ist.“
Und wenn der Besuch gegangen ist, unschöne Geschenke wie die Micky-Maus-Krawatte aber bleiben: Hat man dann den Moment verpasst, ein Geschenk zurückzugeben, das überhaupt nicht passt?
Ich würde versuchen, die gute Absicht dahinter zu sehen. Vor allem, wenn es darum geht, Weihnachten harmonisch zu verbringen, sollte man diplomatisch sein. Selbst wenn ich denke, das hätte ich jetzt so nicht gekauft, ist es dennoch schön, dass da jemand an mich gedacht hat und mir eine Freude machen wollte.
Was ist besser: ins Blaue hinein zu schenken oder einen Gutschein zu besorgen, was als unpersönlich gilt?
Von meiner Großmutter habe ich gelernt, dass man immer das schenken sollte, worüber man sich selber freuen würde. Und über einen Gutschein kann ich mich sehr wohl freuen.
Und wenn dann doch alles aus dem ­Ruder läuft, obwohl der Braten geschmeckt hat und die Geschenke mit Bedacht ausgewählt waren. Hilft es dann zu lächeln, ist das ansteckend?
Ja! Über das Thema emotionale Ansteckung habe ich mich habilitiert. Das Phänomen, dass man sich selber freudiger fühlt, wenn das Gegenüber lächelt, trifft absolut zu. Da gibt es eine Komponente, die sehr schnell abläuft: Innerhalb von 50 Millisekunden, unterhalb der Wahrnehmungsgrenze, hat die Präsentation von expressiver Mimik einen Effekt. Beim Lächeln muss man allerdings aufpassen. Wir sind gut darin, ein echtes von einem unechten Lächeln zu unterscheiden. Wenn einer ein Dauerlächeln aufsetzt, wird es unglaubwürdig. Die Unterscheidung hat damit zu tun, dass wenn man echt lächelt, dann auch die Augenspalten sich verkleinern: Dann kriegt man diese Lachfältchen im Augenwinkel.
Also sind Lachfältchen unter dem Tannenbaum die letzte Maßnahme, wenn gar nichts anderes mehr hilft! Gibt es weitere Tricks, die man unter dem Weihnachtsbaum anwenden kann?
Musik hat viel Stimmungsinduktionspotenzial. Wenn es Lieder gibt, auf die sich alle einigen können, sollte man die gemeinsam singen oder sie im Hintergrund laufen lassen. Dazu Gerüche! Vom Riechsystem gibt es ganz schnelle Verbindungen hin zum emotionalen System, Zimt, Vanille, Tanne, das alles kann positive Emotionen fördern.
Was passiert eigentlich, wenn an Weihnachten nicht zu viel Besuch das Problem ist, sondern Einsamkeit?
Für viele Menschen ist Weihnachten deshalb besonders schwierig, weil sie einsam sind. Da sind eben nicht Konflikte das Problem, weil es niemanden gibt, mit dem man Konflikte haben kann. Menschen, die alleine sind, sollten sich deshalb vorher einen Plan machen, was sie an Weihnachten machen können, sie sollten dafür sorgen, dass sie da Dinge machen, die ihnen guttun, Filme gucken, tolles Essen kochen. Sie sollten schauen, dass sie die Feiertage als Chance sehen, dass man es sich so einrichten kann, wie man es gerne hätte. Und wenn man sich wirklich einsam fühlt, sollte man sich rechtzeitig darum kümmern, dass man vielleicht andere treffen kann, denen es genauso geht.
Gibt es für Einsame an Weihnachten eine besondere Notfallnummer?
Um den Weihnachtsmann anzurufen?
Daran hatte ich nicht gedacht.
Es gibt natürlich zum Beispiel die Telefonseelsorge, die an Weihnachten besonders viel zu tun hat.
Erwartungen herunterschrauben, zum Brunch übergehen, mit Düften spielen, Sie haben nun viele Tricks verraten. Gibt es noch eine finale Handlungsanweisung, mit der an Weihnachten wirklich gar nichts schiefgehen kann?
Weihnachten mit Kindern macht am meisten Spaß, weil bei Kindern Überlegungen wie „Mag ich den Braten?“ nicht da sind, sie sind gespannt und freuen sich. Wenn man keine Kinder hat, könnte es funktionieren zu versuchen, Weihnachten mit Kinderaugen zu sehen. Und wenn das auch nichts bringt, hilft es, daran zu denken, dass es irgendwann auch wieder vorbei ist.