InterviewBariton Johannes Fritsche Unterwegs mit der „Winterreise“ an einen Lost Place

Johannes Fritsche Foto: privat
Johannes Fritsche Foto: privat

Der Stuttgarter Bariton Johannes Fritsche präsentiert Schuberts „Winterreise“ als ungewöhnliche Videoserie.

Kultur: Susanne Benda (ben)
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Stuttgart - Seit Anfang Mai veröffentlicht Johannes Fritsche jede Woche ein Schubert-Video, das er mit der Akkordeonistin Anne-Maria Hölscher in einem verfallenen Hotel aufgenommen hat

Herr Fritsche, wie sind Sie auf diese Präsentationsform gekommen?

Da kam Verschiedenes zusammen. Zunächst einmal bin ich gegenüber Livestreams sehr skeptisch – ich kann mir nur schwer vorstellen, dass man nach acht Stunden Arbeit am Computer wirklich Lust hat, weitere zwei Stunden auf den Bildschirm zu starren. Außerdem hatte ich schon länger die Idee, die „Winterreise“ mal in einen anderen Kontext zu stellen. Und dann hat mich im November noch diese Gleichstellung von Kunst mit Prostitution und Freizeitgestaltung so aufgeregt, dass ich diesen Trotzgedanken hatte: Kunst zu machen möglichst weit weg von aller Zivilisation und Coronapolitik. Als ich dann hörte, dass bei der Bürgerstiftung Tübingen Spenden von über 100 000 Euro eingegangen sind, von denen auch ich profitieren durfte, habe ich all diese Ideen zusammengepackt.

Was ist das Waldlust-Hotel in Freudenstadt für ein Ort?

Dieses ehemalige Hotel gehört zu den Top Lost Places in unserem Bundesland. Es ist ein verlassener Ort, der vor allem von Fotografen und manchmal auch von Filmemachern besucht wird, und ein passender Rahmen für die Lieder, in denen ja immer wieder vom Wirtshaus und von Einkehr die Rede ist. Und von Einsamkeit. Auch wir waren dort nur zu dritt, und Holger Schneider, der gefilmt hat, war gleichzeitig der einzige Zuhörer.

Welche Lieder der „Winterreise“ haben Sie ausgewählt?

Lieder, die zueinanderpassen, die etwas mit dem Hotel zu tun haben und gut mit Akkordeon umsetzbar sind. Der „Wegweiser“ hat unserem Projekt den Titel gegeben, dann kam „Wasserflut“. Im dritten Video verbinden wir „Mut“ und „Wirtshaus“, und zum Abschluss gibt es den „Leiermann“.

Mit welcher Perspektive?

In der „Winterreise“ ist das Ziel des Wanderers der Tod, aber ich beantworte die Frage, wohin der Weg gehen soll, gerade in Zeiten von Corona optimistischer: dass man einfach weitermachen muss, egal, wie die Umstände sind.

Zwei Videos sind bereits unter www.johannesfritsche.de/wegweiser und auf Youtube abrufbar. Am 16. und 23 Mai ab 18 Uhr folgen die nächsten.




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