Begegnung mit Dieter Thomas Kuhn Eine neue Liebe und ein altes Leben

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Reich ist er nicht geworden, eigene Kompositionen missraten ihm: Schlaghosen-König Dieter Thomas Kuhn mag die fremden Schlager trotzdem noch, mit denen er seit Jahrzehnten auftritt. Aber jetzt probiert er mal was anderes aus.

Nie zu bürograu: Dieter Thomas Kuhn und Band in dezent akzentuierten Bühnenoutfits Foto: Lichtgut/Jan Potente 11 Bilder
Nie zu bürograu: Dieter Thomas Kuhn und Band in dezent akzentuierten Bühnenoutfits Foto: Lichtgut/Jan Potente

Tübingen - Thomas Kuhn kommt, weil er ein bisschen verschlafen hat, in die Büroräume eines Tübinger Konzertveranstalters gehastet und sieht, mit Verlaub, so ganz und gar nicht wie ein Schlagersänger aus. Kurze Jeans, ein äußerst abgetragenes T-Shirt am nicht mehr ganz gertenschlanken Leib, Tattoos, zwei Kreolen in den Ohren, Dreitagebart und zottelige, schwitzignasse lange Haare. Er hat gerade ein paar Tage Pause, ehe der zweite große Teil seiner diesjährigen Sommertournee beginnt, die Zeit verbringt er leger mit seiner Tochter in seiner Geburts- und Heimatstadt, Paillettenanzug und Rüschenhemd bleiben derweil auf dem Bügel im Kleiderschrank hängen.

Kuhn hat, erzählt er, oft Leerlauf. Denn sein Beruf ist zwar sehr erfüllend, aber in vielerlei Hinsicht limitiert. Allsommerlich wirft er sich in Schale und tourt unter seinem als Reminiszenz an den Hitparadengott mit „Dieter“ modifizierten Künstlernamen Dieter Thomas Kuhn und seiner altbekannten Schlagerrevue durch die Republik. Er tritt dabei noch immer auf ganz schön großen Bühnen auf, aber da es sich weit mehr um längst ritualisierte Events denn um ein Konzerte handelt, funktioniert der Schlaghosen- und Blumenkettenspaß bei sommerlichen Open-Air-Auftritten nun mal entschieden besser als in winterkalten Mehrzweckhallen. In Stuttgart zum Beispiel tritt er seit vielen Jahren gleich mehrfach auf der Freilichtbühne am Killesberg auf, in der Schleyerhalle war er aber seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr.

Reich geworden ist er nicht

CDs veröffentlicht er wiederum eher selten, sein letztes Studioalbum erschien 2012, Amazon führt es auf dem Bestsellerrang 53 535 – ein Indiz immerhin, dass man damit nicht steinreich wird. Aber wie auch: Kuhn ist Interpret, kein Musiker oder Autor, er singt seit vielen Jahren nur Fremdkompositionen; selbst wenn sich seine CDs wie geschnitten Brot verkaufen würden, lassen sich damit also keine üppigen Tantiemen verdienen.

„Längst nicht“, antwortet er denn auch unverhohlen auf die Frage, ob er ausgesorgt habe. „Es geht uns gut, alles andere wäre gelogen, aber Häuser auf Mallorca habe ich nicht. Meine einzige Leidenschaft sind die Oldtimer, aber selbst wenn ich die verkaufe, reicht es nicht“, fügt er in jener Offenherzigkeit hinzu, der er eben auch seine Popularität verdankt.

Und die ist ungebrochen, seit der als jüngstes von sechs Kindern 1965 in Tübingen geborene gelernte Masseur aus Jux und Dollerei 1992 erstmals in den Glitzeranzug schlüpfte. Am Ende dieses Sommers wird der nun 53-Jährige tatsächlich zum tausendsten Mal als Dieter Thomas Kuhn auf der Bühne stehen. „Ich wundere mich selber, dass es immer noch funktioniert, aber derzeit läuft es besser denn je“, sagt er. Wenn er von den Bühnen herabblicke, sehe er „allseits fröhliche Gesichter“, und da „kann ich mir fast schon sagen: du hast eine Aufgabe.“ Ganz so hoch möchte der durchaus reflektiert denkende Kuhn es nicht hängen, aber dennoch: „Das gibt einem auch etwas zurück.“

Alles Eigene in die Tonne

Deshalb geht es weiter, und zwar genau so. Ohne verkünstelte Experimente, denn „natürlich setzen wir auf das Altbewährte, ich bin ja kein Westernhagen, der zwischendurch unbedingt eine Jazzplatte machen muss“. Ohne jeglichen Gram darüber, dass er als bloßer Interpret doch einen recht bequemen und künstlerisch vielleicht etwas unerfüllenden Weg einschlägt, denn auch dazu hat der bodenständig gebliebene und sehr leutselige Kuhn unverblümte Ansichten. „Was soll ich denn schreiben? Schlager vielleicht? Gewiss nicht. Ich kann nicht schreiben, ich bin auch kein Komponist. Vielleicht habe ich irgendwann mal eine Eingebung, aber bislang habe ich diesbezüglich alle Versuche in die Tonne getreten. So einfach ist das.“ Und im übrigen, merkt er dann noch an, wolle er sich zum Beispiel mit Sicherheit nicht mit Joe Cocker auf eine Stufe stellen, aber „der hat, glaube ich, auch keine Zeile selbst geschrieben“.

Er könne, sagt Thomas Kuhn, also nichts anderes machen, und deshalb auch die Frage nicht beantworten, wie lange es mit der Rolle des Dieter Thomas Kuhn noch weiter gehen soll. „Wenn ich das wüsste“, sagt er und muss dabei lauthals lachen, „wäre ich Hellseher – und dann könnte ich tatsächlich was anderes machen“.

Katastrophale Misserfolge

Ganz so ist es allerdings ja auch nicht. Kuhn hat in seiner Karriere schon andere Dinge ausprobiert. Im Jahr 2004 ein Johnny-Cash-Tribute-Projekt. Und, nach seinem vermeintlichen Abschiedskonzert am 1. Oktober 1999 in der Stuttgarter Schleyerhalle, eine Deutschpop-Platte sowie seine Variante der Brecht’schen „Dreigroschenoper“, beides katastrophale Misserfolge – aber Schwamm drüber, das ist bald zwei Jahrzehnte her, und seit 2004 ist er wieder bei seinem alten Leisten, den deutschen Schlagern und seinen Interpretationen davon.

Zumal er das jetzt, damit im Spätherbst keine allzugroße Langeweile aufkommt, durch ein gänzlich neues Projekt ergänzt. „The Grave Chapel Radio Show“ heißt es, mit einer Band unter dem Namen Songs from Above geht er nun auf Tour.

Zeitreise durch den Pop

Die Show ist eine nostalgische Zeitreise, in der an die leider längst Verblichenen aus dem Musikbusiness erinnert werden soll – von Elvis über Amy Winehouse, von Lou Reed bis Rio Reiser reicht die Spannbreite des Repertoires. Die neunköpfige Band, bestehend unter anderem aus Kuhns altem Spezi Philipp Feldtkeller, Dirk Blümlein (No Sports, Fools Garden) und Rainer Tempel, dem Jazzklavier-Professor an der Stuttgarter Musikhochschule, spielt die Stücke, Kuhn singt, in einem stimmigen Bühnenbild und angereichert mit Moderationen. In einem ehemaligen Autohaus in Tübingen haben sie dies jüngst schon mal erfolgreich vor Publikum ausprobiert, jetzt wollen sie mit dem üppige 28 Songs starken Programm – ausschließlich Nummern bereits toter Pop-Ikonen – auch auf Reisen gehen. Bewusst in schönem Ambiente (weswegen das Stuttgarter Konzert im Wilhelma-Theater angesetzt ist), bewusst in kleinerem Rahmen, und bewusst auch mit ernsthaftem Anspruch.

„Meine größte Angst war“, erzählt Kuhn über die Entstehungstage des Projekts, „dass es billig klingen könnte“. Doch nachdem er – „Ich bin selbst mein größter Kritiker“ – mit Feldtkeller insgesamt sechzig Songs begutachtet und ausprobiert hat, sei nun ein runder Abend entstanden. Den er allerdings nicht als sinistere Revue und als Gegensatz zur heilen Schlagerwelt begreifen möchte. „Der Abend an sich ist sehr heiter, und ich verspreche, dass da niemand schwermütig rausgeht.“ So ganz kann und will er dann doch nicht aus seiner Rolle heraus.




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