Bei den Stuttgarter Kickers und anderen Oberligisten Spieler zwischen Bundesligaträumen und Existenzängsten

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Es gibt Fußballer, die trainieren sogar in der fünften Liga unter Profibedingungen, schaffen es aber nicht ganz nach oben. Die Corona-Krise verschärft die Existenzängste bei Spielern an der Schnittstelle zwischen Amateur- und Profifußball.

David Kammerbauer hofft über  die Stuttgarter Kickers noch den Sprung ganz nach oben zu schaffen, doch der ehemalige U-16- und U-17-Nationalspieler arbeitet  auch an einem zweiten beruflichen Standbein. Foto: Baumann 6 Bilder
David Kammerbauer hofft über die Stuttgarter Kickers noch den Sprung ganz nach oben zu schaffen, doch der ehemalige U-16- und U-17-Nationalspieler arbeitet auch an einem zweiten beruflichen Standbein. Foto: Baumann

Stuttgart - Tobias Feisthammel war gerade erst zum dritten Mal Vater geworden. Er spürte in dieser Phase im vergangenen April, dass es beim Fußball-Oberligisten Stuttgarter Kickers über die Saison hinaus für ihn nicht weitergehen würde. Dennoch wirkte der 32-Jährige mit Blick in seine ungewisse sportliche Zukunft betont entspannt. Der Hauptgrund: Der Defensivspieler hat nicht nur auf die Karte Fußball gesetzt – sondern er schloss Mitte Juli auch sein BWL-Studium ab. Er wird bei einem Wirtschaftsunternehmen einsteigen und nebenher in der Verbandsliga beim TSV Essingen dem Ball nachjagen. „Das ist eine optimale Konstellation für mich“, sagt der bisherige Kickers-Kapitän.

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Längst nicht alle Fußballer an der Schwelle zum Vollprofitum bauen sich während ihrer Karriere eine berufliche Perspektive abseits des Sports auf. Im Gegensatz zu Feisthammel plagen sie dann Existenzängste – gerade zu Corona-Zeiten ist die Verunsicherung groß. „Ich glaube schon, dass im semiprofessionellen Bereich die Existenzängste größer geworden sind“, sagt Kickers-Trainer Ramon Gehrmann. Die Clubs müssen jeden Euro zweimal umdrehen, viele Spieler sind noch auf dem Markt. „Wenn ich nur Fußball spielen würde, hätte ich im Frühjahr definitiv ein mulmiges Gefühl gehabt“, sagt auch David Müller (28) vom Oberligisten SGV Freiberg. Vielen Spielern reicht ihr Gehalt ohnehin gerade so zum Leben, und im Zuge der Krise müssen notgedrungen weitere finanzielle Abstreiche gemacht werden. Müller ist bei Schalke 04 II der Durchbruch in die Bundesliga nicht gelungen, jetzt ist der gebürtige Esslinger heilfroh, dass er beim Württembergischen Fußballverband (WFV) angestellt ist.

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Da der Ball wochenlang ruhte, hatten die Spieler Zeit nachzudenken. Viel Zeit sogar. Doch selbst wenn der Sportbetrieb normal läuft, bleibt den Fußballern genügend Freizeit. Oliver Stierle kennt dies aus seiner Zeit bei den Stuttgarter Kickers oder dem FC Bayern München II. Was er dabei festgestellt hat: „Die Jungs haben so viel Zeit, da geht es vor oder nach dem Training nicht nur ins Café, sondern auch zum Tätowierer oder zum Zocken ins Casino – manchmal einfach nur aus Langeweile.“

Stierle warnt

Damit kein falscher Verdacht aufkommt: Stierles Beobachtung trifft längst nicht auf alle Fußballer zu. Und auch er selbst hat die Kurve längst bekommen. Nachdem der Defensiv-Allrounder den Durchbruch ganz nach oben im Drittligateam des FC Bayern nicht geschafft hat, ging er 2010 zurück zu den Kickers und begann später mit 29 Jahren eine Ausbildung zum Sportartikel-Kaufmann. „Viele denken, das wird schon irgendwie werden. Doch ich kann solch ein zweites Standbein, vielleicht auch in Form eines Fernstudiums, nur allen raten, sonst besteht die Gefahr, dass man sein blaues Wunder erlebt“, sagt der 37-Jährige, der nach 2013 sieben Jahre lang beim Oberligisten 1. Göppinger Sportverein unter Vertrag stand.

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Im Gegensatz zu den Göppingern wird bei den Stuttgarter Kickers auch in der fünften Liga unter Profibedingungen trainiert. Nicht nur Feisthammel hat sich dennoch nebenbei ein zweites Standbein aufgebaut. Auch Torjäger Mijo Tunjic (32 und ebenfalls dreifacher Familienvater) hat erkannt, dass eine Absicherung wichtig ist und absolviert eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten. Manche jüngere Mitspieler haben zumindest einen Mini-Job. Wie zum Beispiel David Kammerbauer. Acht Stunden pro Woche arbeitet der 23-Jährige in einer Steuerkanzlei.

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„Es ist mir und vielen meiner Mitspieler schon wichtig, ins Arbeitsleben reinzuschnuppern“, sagt der ehemalige U-16- und U-17-Nationspieler des 1. FC Nürnberg. Im Fußball kann es manchmal schnell gehen: Deshalb hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, es doch noch ganz nach oben zu schaffen. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieser Traum noch erfüllt, ist nicht gerade extrem hoch. Das Dilemma: Neben dem Sport sehr viel mehr zu arbeiten, ist kaum möglich. „Wir haben im Normalfall sechs, sieben Trainingseinheiten pro Woche, arg viel mehr trainieren auch die VfB-Profis nicht“, sagt Kammerbauer.

Stierle jetzt beim ASV Botnang

Im Gegensatz zu ihm befindet sich Stierle im Spätherbst seiner Karriere. Anfang des Jahres hat er entschieden, dass er seine höherklassige aktive Laufbahn in diesem Sommer beendet. Er wird spielender Sportlicher Leiter bei seinem Heimatverein ASV Botnang. Wertvoll für ihn: Er kann im Teamsport-Einzelhandelsgeschäft von Göppingens Trainers Gianni Coveli weiterarbeiten. „Das ist für mich sehr wichtig“, sagt Stierle.

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Ob er jemals Existenzängste hatte? „Nein, da ich schon immer auf mein Netzwerk im Sport bauen konnte und Halt durch mein Elternhaus und später auch meine Frau verspürte.“ Das können nicht alle seine früheren Mitspieler behaupten, die an der Schnittstelle zwischen Amateur- und Profisport am Ball waren. Natürlich lässt sich bei finanzstarken Drittligateams wie dem FC Bayern II zwischen 10 000 und 15 000 Euro brutto im Monat verdienen, doch schon in der Regionalliga bekommen die Wenigsten gerade mal die Hälfte, und in der Oberliga sind schon 1500 Euro pro Monat nicht ganz so schlecht.

Unter Klinsmann trainiert

Viele gehen das Abenteuer Fußball zu blauäugig an. „Ich habe bei Bayern Spieler erlebt, die wussten nicht den Unterschied zwischen brutto und netto und am 10. eines Monats war ihr Konto leer“, erinnert sich Stierle. Zudem sei die Auslese bei ambitionierten Vereinen eben extrem hart. „Wenn du die Leistung nicht mehr bringst, ein anderer Trainer kommt oder dich eine Verletzung zurückwirft, dann bist du weg vom Fenster. So ist das Geschäft, dann stehst du auf der Straße“, sagt Stierle. Er selbst hatte unter dem damaligen Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann auch regelmäßig bei den Profis mittrainiert. Dann kam in Louis van Gaal ein neuer Coach – und der fragte ihn zur Begrüßung erst einmal wie alt er sei. Auf Stierles Antwort „25“ sagte der Niederländer nur: „Du bist zu alt.“

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Für Stierle war das Thema Bayern durch. Er ging trotz Zweitligaofferten von Dynamo Dresden, dem FC St. Pauli und 1860 München zurück nach Stuttgart, zurück zu den Kickers. „Ich bin eben auch ein Familienmensch“, begründet er auch heute noch diesen Schritt.

Hoffen auf den Durchbruch

Bereut hat er ihn nicht. Vor allem die Ausbildung sei die die goldrichtige Entscheidung gewesen. Und David Kammerbauer? Selbstverständlich macht sich der Kickers-Verteidiger Gedanken über seine Zukunft, gerade in diesen schwierigen Zeiten. „Aber so lange es im Fußball läuft, tut man sich schwer, etwas Grundlegendes zu ändern und hofft auf den Durchbruch.“ Selbst in der fünften Liga.

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