Berlinale mit Catherine Deneuve und Roberto Saviano Gangsterkönig für einen Tag

Von Bernd Haasis 

Ein Wettbewerbsfilm ist der Berlinale abhanden gekommen, ein zweiter könnte folgen. Die interessanteren Geschichten werden ohnehin außer Konkurrenz erzählt.

Nicola (Francesco di Napoli, rechts) zeigt in „Der Clan der Kinder“ seinem kleinen Bruder, wie eine Waffe funktioniert. Foto: Berlinale
Nicola (Francesco di Napoli, rechts) zeigt in „Der Clan der Kinder“ seinem kleinen Bruder, wie eine Waffe funktioniert. Foto: Berlinale

Berlin - Damit war fast zu rechnen: Rund 160 deutsche Kinobetreiber haben die Berlinale aufgefordert, Isabel Coixets Film „Marisa & Marcella“ aus dem Wettbewerb zu nehmen – weil er von Netflix produziert wurde und wie „Roma“ oder „The Ballad of Buster Scruggs“ nicht klar ist, ob er ins Kino kommt. Seitens des Festivals heißt es, Netflix habe Spanien den Kinostart zugesichert. Das hilft den deutschen Kinos natürlich kein bisschen, sie profitieren in diesem Fall nicht vom Festivalrummel. Wie dichtete schon Joachim Ringelnatz: „Der Spanier lebt in fernen Zonen für die, die weitab davon wohnen.“

Der nächste Tiefschlag: Der chinesische Regisseur Zhang Yimou („Hero“) hat seinen Film „One Second „aus dem Wettbewerb zurückgezogen – „aufgrund von technischen Problemen bei der Post-Production“, wie es offiziell heißt. Stattdessen soll ein anderes Werk von Zhang Yimou gezeigt werden, der 1988 mit „Rotes Kornfeld“ den Goldenen Bären gewann und in die Kritik geriet, als er seine Überwältigungskunst bei den Olympischen Spielen 2008 in den Dienst des Regimes stellte und bei der Eröffnungsfeier Regie führte.

Die Verlockungen des schnellen Geldes

Von 17 Wettbewerbsfilmen sind also höchstens 16, vielleicht nur 15 übrig. Und noch sind kaum Anwärter auf Bären zu erkennen. Einer dürfte der „Der Clan der Kinder“ sein, die Verfilmung eines Neapel-Romans von Roberto Saviano. Der Regisseur Claudio Giovannesi, der zwei Folgen der Saviano-Serie „Gomorrha“ gedreht hat, zeigt eine Eskalationsspirale: Eine Gruppe gelangweilter 15- und 16-jähriger Jungs beginnt für die das Viertel beherrschende Organisation Schutzgeld einzutreiben und Drogen zu verkaufen. Als die Chefs verhaftet werden, packt den Anführer Nicola die Hybris: Sie besorgen sich Waffen, vertreiben die verbliebenen Gangster und gerieren sich für ganz kurze Zeit wie die Könige des Viertels – bis erwachsene Konkurrenz auftaucht und die Situation ihnen schnell über den Kopf wächst.

Die Jungs der Vespa-Gang überzeugen auf ganzer Linie, sie sind nach Berlin gekommen und passen bei der Pressekonferenz gar nicht alle aufs Podium. „Es geht um den Verlust der Unschuld“, sagt Giovannesi. „Das beginnt als Spiel, aus dem man wieder herauskommt, und wird plötzlich zum Krieg, aus dem man nicht mehr herauskommt.“ Wieso gehen die Jugendlichen das Risiko ein? Im armen Süden sei es verlockend, „die Abkürzung über die Pistole“ zu nehmen, um schnell zu Geld und Geltung zukommen, sagt Giovannesi. Saviano erklärt die Motivation für die Jugendlichen so: „Wenn man 1000 Euro in Kokain investiert, hat man nach einem Jahr rund 182 000 Euro.“

Wohl denen, die träumen können

Zum aktuellen italienischen Innenminister, der immer wieder den Personenschutz für bedrohte Bürger wie Saviano in Frage stellt, sagt der Autor: „Personenschutz ist kein Privileg, sondern ein Drama. Es werden in Europa wieder Journalisten ermordet, auf Malta und in Prag. Salvini ist im Übrigen der einzige westliche Politiker, der eine Polizeiuniform trägt – das ist ein Angriff auf die ­Demokratie. Zugleich tut die Regierung nichts gegen das Elend im Süden. Jedes Jahr wandern deswegen rund 250 000 Italiener aus, das sind ungefähr so viele, wie Verona Einwohner hat.“

Dass so ein Film Nachahmer animiert, glaubt Giovannesi nicht: „Filme sollten nicht pädagogisch sein. Ich beurteile meine Figuren nicht, mir kommt es darauf an, ihre Menschlichkeit zu zeigen und Empathie zu wecken.“ Um die strahlenden jungen Schauspieler muss man sich wohl keine Sorgen machen, einer hat gerade sein Studium abgeschlossen, einer ist Koch, ein anderer Friseur. „Man muss einen Traum haben“, sagt der Hauptdarsteller mit dem wunderbaren Namen Francesco di Napoli. „Den pflegt man aber nicht, indem man nicht in die Schule geht und nur herumhängt. In meinem Viertel gilt bei vielen Leuten als dumm, wer arbeitet – für mich ist es genau andersrum.“

„Hamlet“ wird zur Geduldsprobe

Und sonst im Wettbewerb? Das amüsante türkische Märchen „Ein Märchen über drei Schwestern“ erreicht etwa das Niveau der Fernsehfilm-Adaption einer Provinzposse aus dem Ohnsorg-Theater. Ein imposantes ostanatolisches Bergpanorama dient nur als Zwischenphasen-Kulisse, die Handlung spielt sich nahezu vollständig in Nahaufnahmen und im Dialog ab. Unter dem Kunst-Vorbehalt „Berliner Schule“ steht, was die aus Aalen stammende Regisseurin Angela Schanelec macht. So gibt es auch in „Ich war zu Hause, aber“, einem Drama über eine Mutter in der Krise, keine klare Handlung und man erfährt wenig über die Figuren. Der episodenhafte Flickenteppich bleibt rätselhaft, ist tragikomisch und absurd, bietet Performance-Einlagen und aufgesagte Theater-Sätze: „Die ganzen Kreaturen auf der Welt, das überfordert mich“, sagt eine depressive junge Frau. Zwischendurch proben Schüler leiernd das tragische Ende von Shakespeares „Hamlet“ – und das wäre schon in der Realität eine Geduldsprobe.

Viele relevante Geschichten am Puls der Zeit, zum Beispiel über Islamisten-Terror oder Rechtsradikalismus, spielen bei dieser Berlinale jenseits des Wettbewerbs. In „L’adieu à la nuit“ (außer Konkurrenz) von André Téchiné entdeckt Catherine Deneuve als Besitzerin eines Reitstalls im südfranzösischen Okzitanien im Jahr 2015, dass ihr Enkel sie anlügt und bestiehlt: Er ist zum ­Islam konvertiert und möchte als Dschihadist nach Syrien. Ein Ringen beginnt, der Franko-Schweizer Kacey Mottet Klein verleiht dem völlig vernebelten Fanatiker eine enorme Grundaggression und damit Glaubwürdigkeit. Ganz ähnlich macht es der Brite Jamie Bell, der einst als junger Tänzer Billy Elliott bekannt wurde, in der Reihe Panorama. Er spielt in „Skin“ den ehemaligen US-Wikinger-Nazi Bryon Widner, der aus seiner rassistischen Gewalttätertruppe ausstieg und gerade so mit dem Leben davonkam. Widner alias Bell, auch im Gesicht wüst tätowiert, ist ein Mann unter Dauerstrom: In jedem Blick, jeder Geste stecken der Zorn und die Sehnsucht eines Menschen, der nicht weiß, wohin mit sich.

Beide Filme legen die doch erstaunlich ähnlichen Manipulations- und Erpressungsstrategien beider Terror-Ideologien offen. Man kann nur hoffen, dass die neue Berlinale-Leitung solche Werke wieder in den Wettbewerb zurückholen kann.