Besserer Nahverkehr in Sindelfingen und Böblingen Das neue Zeitalter birgt seine Risiken

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Das Busunternehmen Pflieger fährt in den Nachbarstädten künftig etwa ein Drittel mehr Jahreskilometer. Den Oberbürgermeistern ist dies ein Grund zur Freude, dem Unternehmenschef einer zur Sorge.

Der Mann, der nicht lacht, ist Hermann Pflieger. Die anderen  (von links): OB Vöhringer, Amtskollege Belz, Landrat Bernhard, VVS-Geschäftsführer Stammler. Foto: factum/Simon Granville
Der Mann, der nicht lacht, ist Hermann Pflieger. Die anderen (von links): OB Vöhringer, Amtskollege Belz, Landrat Bernhard, VVS-Geschäftsführer Stammler. Foto: factum/Simon Granville

Sindelfingen/Böblingen - Der Anlass ist ein freudiger. Dies betonen sämtliche Festredner mehrfach. Dem Böblinger Oberbürgermeister Stefan Belz, als Grünem, fällt die Rolle zu, das allgegenwärtige Dauerthema zu bedienen, den Klimaschutz. Der VVS-Geschäftsführer Horst Stammler ist gekommen, der Landrat Roland Bernhard und selbstredend Belz‘ Sindelfinger Amtskollege Bernd Vöhringer.

Sie sitzen – bemerkenswert für dieses Thema – an einem Rednertisch im Versammlungssaal der Motorworld, um eine bessere Zukunft eines gemeinsamen Busverkehrs für die Nachbarstädte zu feiern. Nebenan residiert Lamborghini. Vom 15. Dezember an werden mehr Busse mehr Linien und mehr Haltestellen bedienen. Es wird stadtübergreifende Tagesfahrkarten zum Sparpreis geben.

Der Mann ganz rechts wirkt eher besorgt als begeistert

Der Mann ganz rechts in der Reihe wirkt eher besorgt als begeistert. Er ist derjenige, der den viel gelobten Betrieb am Leben halten muss – und finanzieren. Hermann Pflieger ist sein Name, seit 1975 Geschäftsführer des gleichnamigen Busunternehmens, das seine Eltern vor mehr als 90 Jahren gegründet hatten, als Kolonialwarenhandlung mit einer Autovermietung im Nebengeschäft.

Pflieger ist gleichzeitig ein Überlebender eines gnadenlosen Preiskriegs, den die EU der Busbranche verordnet hatte. Reihenweise hatten deshalb alt eingesessene Busunternehmen ihre angestammten Aufträge an Billig-Konkurrenz verloren. Den Landkreisen als Trägern des Busverkehrs bleibt keine Wahl. Nach einer europaweiten Ausschreibung des Linienverkehrs ist zwingend der billigste Anbieter zu wählen. Sogar der Bahnkonzern, der mit seiner Tochter RBS einstmals unangefochtener Platzhirsch der Branche war, hatte deswegen kapituliert.

Das Familienunternehmen hat internationale Konkurrenz unterboten

„Glückwunsch, dass der neue Unternehmer der alte ist“, sagt der Landrat Roland Bernhard, „ich freue mich, und ich mag ihn“. Der Behördenchef und Pflieger kennen sich aus ungezählten Verhandlungen. Das Familienunternehmen habe sich im Wettbewerb sogar gegen namhafte internationale Konkurrenz durchgesetzt. Allerdings war die Entscheidung, sich überhaupt zu bewerben, „die schwerste meines Lebens“, sagt Pflieger.

Bevor die Eurokraten die Regeln für den Wettbewerb änderten, waren die Betriebspreise für Buslinien von einer Fachkommission bestimmt worden. Mit dem vorausberechneten Betrag mussten die Busunternehmer wirtschaften. Was bedeutete, dass „man nichts davon hatte, wenn die Busse voll waren“, sagt Pflieger. Mögliche Gewinne strich die öffentliche Hand ein, im Normalfall glich sie Verluste aus. Heute ist das Risiko für die Steuerkasse null. Die Unternehmen müssen allein aus den Fahrscheineinnahmen überleben. Die Preise bestimmen aber nicht sie, sondern der VVS. „Wenn man Pech hat, fährt man nur warme Luft spazieren“, sagt Pflieger.

Andere Unternehmen hatten sich ihr Geschäft offenbar schöngerechnet

Eben dies taten in der jüngeren Vergangenheit etliche Busunternehmer, die sich überdies beim Bieterwettbewerb ihr Geschäft offenkundig schöngerechnet hatten. Nachdem neue Anbieter die Traditionsbetriebe unterboten hatten, prasselten zunächst Beschwerden der Fahrgäste über Busfahrer nieder, die ortsunkundig waren, an Haltestellen vorbeifuhren und schlicht deswegen keine Auskunft geben konnten, weil sie kein Deutsch sprachen.

Dann rollte die Pleitewelle. Im Rems-Murr-Kreis strich das Busunternehmen Knauss die Segel. Im Landkreis Esslingen gaben nacheinander Schefenacker, Schlienz und Rexer auf. Seit dem Sommer melden bundesweit Busunternehmer Insolvenzen an, gleich ob im rheinland-pfälzischen Hunsrück oder im saarländischen Landkreis Sankt Wendel.

Die Jahresfahrleistung steigt um rund ein Drittel

Pfliegers Busse werden künftig pro Jahr 2,7 Millionen Kilometer mehr fahren als bisher. Das entspricht einem Plus von etwa einem Drittel. Sie werden länger in die Nacht hinein Fahrgäste transportieren oder eben nur warme Luft. Sie werden Wohngebiete bedienen, die bisher nicht angeschlossen waren, nebenbei: mit funktionierendem W-Lan-Anschluss. Über die Details werden alle Bürger der beiden Städte per Postwurfsendung informiert.

Für deren Oberbürgermeister beginnt am 15. Dezember „der Aufbruch in ein neues Zeitalter“, für Pflieger ein weiteres finanzielles Wagnis, das sein Unternehmen gefährden könnte. Er zählt ein paar Punkte von der Liste seiner Sparmaßnahmen auf. Gegen steigende Dieselpreise hat er Spritsparkurse verordnet. Um unnötige Wege zu vermeiden, hat er weitere Nachtparkplätze angemietet; und um sicher zu gehen, dass die Fahrgäste zufrieden aus- statt aufs Auto umsteigen, bekommen alle Fahrer Kurse in Benimm und Kundenfreundlichkeit. Ihr Seminarleiter ist dabei stets der Chef persönlich.




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