Biologie Der Mensch bedrängt das Einhorn der Meere

Von Roland Knauer 

Narwale reagieren bei Gefahr mit einem paradoxen Verhalten, das die Tiere sehr stresst.

Narwale leben in kleinen Gruppen an der Eiskante des Nordpolarmeeres. Foto: Alien Cat/Adobe Stock, Heide-Jørgensen
Narwale leben in kleinen Gruppen an der Eiskante des Nordpolarmeeres. Foto: Alien Cat/Adobe Stock, Heide-Jørgensen

Stuttgart - Geraten Narwale in Panik, verhalten sie sich extrem widersprüchlich – und plündern dabei ihre Energiereserven. Sie lassen ihren Organismus auf Sparflamme laufen: Ihr Herz schlägt dann nur noch drei- oder viermal in der Minute. Im Vergleich mit den 60 Herzschlägen von Tieren, die an der Wasseroberfläche ruhen, ist das extrem wenig. Schockstarre nennen Zoologen dieses Verhalten, zu dem auch Kaninchen vor einer gefährlichen Schlange neigen, um so vielleicht übersehen zu werden. Die Narwale aber erstarren keineswegs, sondern tauchen trotz des langsamen Herzschlags so schnell wie immer durch das eisige Wasser des Nordpolarmeers vor der Küste Grönlands.

„Das ist schon verrückt“, meint Terrie Williams von der University of California in Santa Cruz. Riskant scheint dieses widersprüchliche Verhalten obendrein zu sein, berichtet die Forscherin gemeinsam mit Mads Peter Heide-Jørgensen vom Grönland-Institut für natürliche Ressourcen und weiteren Kollegen in der Fachzeitschrift „Science“. Bei solchen Tauchgängen verbrauchen die Tiere schließlich drei- bis sechsmal mehr Energie als beim Ruhen. Dadurch steigt der Sauerstoffbedarf, den das Herz mit häufigeren Schlägen erfüllen könnte. Tatsächlich aber schlägt das Herz viel langsamer. So plündern die Tiere 97 Prozent ihrer Sauerstoffvorräte, während nach einem normalen Tauchgang noch knapp die Hälfte des vorhandenen Sauerstoffs übrig bleibt.

Extremer Stress

Für den Kreislauf der Narwale bedeutet das extremen Stress, an dem aller Wahrscheinlichkeit nach die Menschen Schuld haben. Schließlich haben die Forscher Tiere untersucht, die sich in den Netzen von Fischern an der Ostküste Grönlands verheddert hatten oder die gestrandet waren. Mit Saugnäpfen befestigten Mads Peter Heide-Jørgensen und seine Kollegen auf dem Rücken der Narwale ein Gerät, das den Herzschlag und die Beschleunigung der Tiere aufzeichnet. Nach einem halben bis zu drei Tagen löst sich das Gerät von selbst wieder und wartet dann an der Wasseroberfläche, bis die Forscher es auffischen. Je länger die Tiere vorher im Netz gefangen waren und von den Menschen festgehalten wurden, umso ausgeprägter war die Phase mit extrem langsamem Herzschlag und gleichzeitigem Fluchtverhalten unter Wasser. Ein Zusammenhang zwischen dieser Reaktion der Tiere und ihrer offensichtlichen Angst vor den Menschen liegt da auf der Hand.

Das aber lässt Terrie Williams Schlimmes fürchten: Denn die Narwale geraten immer leichter in Stress. Der auch durch Menschenhand ausgelöste Klimawandel lässt die Eisdecke auf dem Nordpolarmeer zunehmend schrumpfen. Schiffe erreichen so auch leichter hohe Breiten – und so kommt es öfter als früher zu Begegnungen zwischen Mensch und Wal. Schaltet der Organismus der Narwale aber häufig in das paradoxe Verhalten mit normalem Tauchen und extrem langsamem Herzschlag, wird auch das Gehirn schlechter mit Sauerstoff versorgt und könnte Schaden nehmen. Gleichzeitig beeinflusst die Schmelze der arktischen Eisdecke das Leben der Narwale. Schrumpft das Eis, werden auch die Eisränder kürzer und damit die Heimat der Tiere kleiner.

Leben an der Eiskante

Ähnlich wie Eisbären sind somit auch Narwale auf das Eis auf dem Nordpolarmeer angewiesen. Die Eisbären auf der Eisdecke lauern Robben auf, die wiederum unter dem Eis leben und zum Atmen an die Oberfläche kommen. Für die Narwale ist aber das Leben im Eis wichtig: Wenn in der Frühjahrs- und Sommersonne mikroskopisch kleine Algen gedeihen, finden winzige Räuber wie Kleinkrebse viel Beute. Dieses Minileben ernährt auch größere Organismen, die unter dem Eis auf Beute lauern. „Davon wiederum leben die Narwale, die vor allem Arktischen und Polar-Dorsch, Kalmare und Grönländischen Heilbutt fressen“, fasst der Walforscher Michael Dähne vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund zusammen.

Weit unter die Eisdecke aber tauchen die Narwale wohl kaum, weil sie zum Atmen regelmäßig an die Wasseroberfläche müssen. Da die gut vier Meter langen und eine Tonne schweren Wale häufig in Gruppen mit fünf bis zehn Tieren leben, gibt es innerhalb der Eiskante kaum Löcher, die groß genug sind, um die Tiergruppe zum Atemholen aufzunehmen.

Einhorn als Messfühler?

Früher wurde zwar vermutet, die Narwale könnten mit ihrem Zahn, der wie ein langer Spieß vorne aus dem Maul ragt, Löcher in das Eis bohren. Zwar werden diese Zähne meist rund zwei Meter lang, der Rekord liegt sogar bei 2,67 Metern. Für solche brachialen Aktionen aber ist der Zahn wahrscheinlich viel zu empfindlich. Immerhin enthält er rund zehn Millionen Nervenenden, die Signale direkt ins Gehirn schicken. Winzige Kanäle leiten Wasser ins Innere und zu diesen Nerven.

Vermutlich ist der lange Zahn also eine Art Messinstrument, das vielleicht den Wasserdruck und damit die Tiefe bestimmt, in der ein Narwal gerade unterwegs ist. Bei Tieren, die normalerweise bis in 800 Meter Tiefe tauchen, aber auch schon 1864 Meter unter der Wasseroberfläche beobachtet wurden, wäre ein solches Instrument sehr praktisch.

Statussymbol für Männchen

Möglicherweise ist der Zahn auch ein feines Thermometer. Sicherlich aber misst das Organ den Salzgehalt des Wassers: Als Martin Nweeia von der Harvard-Universität im US-amerikanischen Boston und seine Kollegen den Zahn eines Tieres abwechselnd mit Salz- und Süßwasser umspülten, änderte sich parallel dazu jeweils auch der Herzschlag der Tiere. Vielleicht finden Narwale mithilfe dieses Zahn-Salz-Messgeräts leichter die Eiskante, weil unter dem Eis das Wasser salziger ist als im offenen Meer.

Das würde auch erklären, weshalb viele Weibchen keinen Zahn haben. In Gruppen mit Jungtieren, Weibchen und ausgewachsenen Männchen genügt theoretisch bereits ein Tier mit einem solchen Messgerät, um die Eisverhältnisse zu erfassen. Zudem gibt es Hinweise, dass die Zähne der Tiere auch als Statussymbol verwendet werden. Auch das ist bei Säugetieren häufig Männersache.

Unsere Empfehlung für Sie