Biologie Schattenseiten des Lichts

Von künstlichem Licht werden Motten, aber auch andere Insekten geradezu angezogen. Foto: Thanagon/AdobeStock
Von künstlichem Licht werden Motten, aber auch andere Insekten geradezu angezogen. Foto: Thanagon/AdobeStock

Künstliche Beleuchtung stellt nachtaktive Insekten vor immer größere Probleme – zum Beispiel bei der Partnersuche. Wissenschaftler untersuchen, welche Auswirkungen das hat.

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Berlin - Es sind nicht nur die sprichwörtlichen Motten, die man jetzt in den warmen Sommernächten wieder um Lampen und Laternen schwirren sieht. Auch zahllose andere Insekten scheinen sich von Licht geradezu magisch angezogen zu fühlen. Und da es weltweit einen massiven Trend zu mehr künstlicher Beleuchtung gibt, sind sie dieser Versuchung immer häufiger ausgesetzt. Welche Folgen aber hat das für die Tiere? „Insekten sind in fast allen Lebensräumen der Erde zu finden und erfüllen dort wichtige Funktionen“, sagt Franz Hölker vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin. „Deshalb müssen wir uns dringend mit dieser Frage beschäftigen.“ Die ersten Antworten haben er und andere Wissenschaftler bereits gefunden.

Klar ist, dass Lampen für etliche der Sechsbeiner zur Todesfalle werden. „Viele flattern so lange um das Licht herum, bis sie vor Erschöpfung sterben“, erklärt Franz Hölker. Andere dagegen landen im Magen von gefräßigen Feinden. Die bekommen nämlich sehr schnell heraus, wo sie mit wenig Aufwand reiche Beute machen können. „Für etliche Spinnen- und Fledermausarten sind Laternen wie reich gedeckte Büfetts“, sagt der Forscher.

Die nächtlichen Jäger profitieren dabei nicht nur davon, dass die Lampen wie eine Art Staubsauger alle möglichen Beutetiere aus der Umgebung anziehen. Auch die Abwehrstrategien der potenziellen Opfer scheinen im Kunstlicht nicht so gut zu funktionieren wie normalerweise. Das zeigt ein Versuch, in dem britische Forscher um Andrew Wakefield von der University of Bristol Nachtfaltern die Peillaute jagender Fledermäuse vorgespielt haben. In einer von LED-Lampen beleuchteten Umgebung vollführten die Insekten daraufhin weniger Sturzflüge als im Dunkeln. Dabei haben sie diese Manöver über Jahrmillionen entwickelt, um den nächtlichen Jägern auszuweichen. Offenbar bringt das Kunstlicht sie dazu, diese bewährte Strategie aufzugeben – mit fatalen Folgen.

Straßenlaternen bringen den Flugplan von Nachtfaltern durcheinander

Insgesamt kann die Insekten-Sterblichkeit in hell erleuchteten Städten verschiedenen Studien zufolge zwischen 40- und 100-mal höher liegen als auf dem dunkleren Land. Doch selbst für die überlebenden Tiere wird die nächtliche Beleuchtungsoffensive oft zum Problem. Franz Hölker und seine Kollegen haben zum Beispiel untersucht, ob Straßenlaternen den Flugplan von Nachtfaltern durcheinanderbringen können. Der Naturpark Westhavelland, etwa 70 Kilometer nordwestlich von Berlin, gilt als eine der dunkelsten Regionen in Deutschland. Dort haben Hölker und sein Team mehrere herkömmliche Straßenlampen neben- und hintereinander aufgestellt und an jeder eine Insektenfalle angebracht.

In diesem Experiment hat sich gezeigt, dass jede brennende Lampe aus einem Umkreis von rund 23 Metern Nachtfalter anlockt. Da die Laternen an europäischen Straßen normalerweise zwischen 25 und 45 Metern auseinanderstehen, überlappen sich diese Radien. Motten haben es also wesentlich schwerer, eine beleuchtete Straße zu passieren. Solche Lichtschneisen können daher selbst gute Falter-Lebensräume in einzelne Fragmente zerschneiden. Und das macht für die Tiere nicht nur jede Wanderung mühsam, sondern auch die Partnersuche.

Viele Arten müssen für ein erfolgreiches Rendezvous spezielle Strukturen wie Gewässerränder oder Bäume aufsuchen. Manche bleiben auf dem Weg dahin an den Laternenbarrieren hängen und kommen gar nicht mehr weiter. Andere verlieren zumindest Zeit und Energie. Das aber können sich Nachtfalter kaum leisten. Schließlich dauert ihr Erwachsenenleben in gemäßigten Breiten ohnehin nur sieben bis zwölf Tage, da bleibt nicht viel Zeit für die Familiengründung. „Die Lichtbarrieren können also dazu führen, dass die Tiere entweder gar nicht zum Partner kommen oder zu spät“, erklärt Franz Hölker.

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