Biopic über Stephen Hawking: „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ Kein Porträt des Leidens

Eddie Redmayne als Stephen Hawking in ungewohnter Rolle: Nicht als Durchdenker schwarzer Löcher, sondern als liebender Vater Foto: Universal Pictures
Eddie Redmayne als Stephen Hawking in ungewohnter Rolle: Nicht als Durchdenker schwarzer Löcher, sondern als liebender Vater Foto: Universal Pictures

Medienscheu war Stephen Hawking noch nie. Auch deshalb hätte man eher noch einen Dokumentar- als einen theoretisch schnell in Peinlichkeitsnöte geratenden Spielfilm über den Physiker erwartet. Aber der Regisseur James Marsh tappt nicht in schwarze Löcher.

Stuttgart - Was für ein Leben! Mit nur 24 Jahren promovierte Stephen Hawking in Cambridge, machte später die Quantenmechanik sowie die Physik der Schwarzen Löcher dem breiten Lesepublikum in Bestsellern wie „Eine kurze Geschichte der Zeit“ zugänglich. Doch es kam noch besser: In „Raumschiff Enterprise“ gewann Hawking eine Pokerpartie gegen Albert Einstein, Isaac Newton und den Androiden Data. Er heiratete zweimal, bekam drei Kinder und genoss während eines Parabelflugs die Schwerelosigkeit.

Warum der berühmte Physiker stets ein Leben im Sauseschritt führte, erzählt der Regisseur James Marsh in „Die Entdeckung der Unendlichkeit.“ Noch während Hawking an seiner Doktorarbeit schreibt, erhält er die Diagnose „Amyotrophe Lateralsklerose“, kurz ALS. Zwei Jahre Restleben gibt ihm sein Arzt. Die degenerative Erkrankung des Nervensystems fesselt Hawking bald an den Rollstuhl, er verliert die Fähigkeit zu sprechen. Hawkings erste große Liebe Jane Wilde (Felicity Jones) heiratet ihn trotz der düsteren Prognose.

Marsh, der sich auf Wildes Memoiren stützt, inszeniert das erste Zusammentreffen der beiden als zaghaften Blickaustausch auf einer Studentenparty. Eddie Redmayne spielt den noch gesunden Hawking als scheuen Klassenprimus und überzeugten Atheisten, der durch seinen speziellen Witz das Mädchen aus christlichem Elternhaus um den Finger wickelt. Die Studienzeit an unterschiedlichen Instituten zeichnet der Film rosig. Die Seminar- und Wohnräume dienen als ehrwürdige wie urige Kulissen für geistreiche Begegnungen. Stephen kann sich in diesem behüteten Umfeld wissenschaftlich frei entfalten.

Wie begrenzt ist die eigene Zeit?

Obwohl Marsh Hawkings körperlichen Verfall in rasantem Tempo darstellt, dominieren im ersten Drittel des Films glückliche Eheszenen. Als Stephen die Stufen zum Schlafzimmer nicht mehr bewältigen kann, verlegt Jane das Liebesnest pragmatisch wie romantisch in die Küche.

Die Krankheit wird jedoch zur Last. Jane gibt ihre Studien auf, um sich ausschließlich um die Familie zu kümmern. Mit viel Empathie stellt Marsh die alltäglichen Schwierigkeiten des Paars dar, verheddert sich manchmal jedoch im Gefühlsüberschwang der Inszenierung. Manch interessanter Dialog geht in süßlicher Hintergrundmusik unter. Trotzdem ist „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ ein angenehm leichter Film, der die Behinderung seines Protagonisten nicht als bitteres Schicksal wertet. Hawkings größter Triumph ist die Widerlegung der These, seine eigene Zeit sei auf ein Minimum begrenzt. Im Januar wird er 73 Jahre alt.

Die Entdeckung der Unendlichkeit. Großbritannien 2014. Regie: James Marsh. Mit Eddie ­Redmayne, Felicity Jones, David Thewlis. 123 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.




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