Böblingen Der Kampf um die besten Hände beginnt

Der Kreistag befürchtet, dass die Meisterschulen keinen Nachwuchs mehr bekommen, etwa für Kaminfeger. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand
Der Kreistag befürchtet, dass die Meisterschulen keinen Nachwuchs mehr bekommen, etwa für Kaminfeger. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Der Landkreis schafft an den Fachschulen und den Meisterschulen das Schulgeld ab. Damit will der Kreistag vor allem verhindern, dass hoffnungsvolle junge Handwerker nach Stuttgart abwandern, wo es ebenfalls kein Schulgeld mehr gibt.

Esslingen: Ulrich Stolte (uls)

Böblingen - Der Beschluss am Montagvormittag war einstimmig. Mit dem Beginn des Schuljahres 2020/21 schafft der Kreistags das Schulgeld und die damit verbundenen Seminarkosten an den Fach- und Meisterschulen in Trägerschaft des Landkreises Böblingen ab.

Damit tut der Landkreis etwas, das die Stadt Stuttgart für ihre Schulen schon im Dezember beschlossen hat. Die Landeshauptstadt begründete die Maßnahme damit, dass derzeit immer weniger Handwerker den Meisterbrief anstreben würden. Eine Entwicklung, die zwischen Nesenbach und Neckar inzwischen so dramatische Ausmaße angenommen habe, dass die Stuttgarter Meisterschulen befürchteten, geschlossen zu werden, weil ihnen die Schüler fehlten.

Stuttgart lässt es sich einiges kosten, um die Meisterschulen zu stärken. Die Stadt ersetzt mit 1,4 Millionen Euro das fehlende Schulgeld. Dazu kommt noch, dass die Stadt allen Schülern der Stadt das 365 Euro Jahresticket ermöglicht.

Die Meisterschulen fühlen sich bedroht

Deswegen argwöhnen die Böblinger, dass Stuttgart auch die Handwerker-Schüler von außerhalb im Blick hat, was zu Lasten der angrenzenden Landkreise geht. Deswegen heißt es in der Böblinger Beschlussvorlage auch: „Die Stärkung der Fachschulen in Stuttgart bedroht die Zukunft der Fachschulen im Landkreis Böblingen.“

Der Landrat Roland Bernhard sagt allerdings: „Es ist nicht nur eine Konkurrenz-Situation.“ Langfristig wolle der Landkreis die Schulen auf die Veränderungen in der Arbeitswelt trimmen, mit der Stoßrichtung Automobilbau: „Deshalb werden wir unsere beruflichen Schulen so ausrichten, dass wir in die Strategie von Daimler passen.“

Auch die anderen Landkreise beobachten die Stuttgarter Initiative. Der Rems-Murr-Kreis, so lässt der Schulamtsleiter Michael Vogt wissen, erhebe weiterhin Schulgeld, doch habe zumindest eine der beiden Meisterschulen in Schorndorf und Backnang schon beim Landratsamt wegen einer Befreiung von den Gebühren nachgefragt. Kein Thema seien Gebühren im Kreis Esslingen, berichtet der dortige Landratsamts-Pressesprecher Peter Keck.

Keine Auswirkung bei den Anmeldezahlen

Ob die Stuttgarter tatsächlich mehr Meisterschüler bekommen, ist noch nicht raus. Gerd Kistenfeger, der Sprecher der Handwerkskammer Stuttgart sagt, der Beschluss vom Dezember sei einfach noch zu neu, um sich bei den Anmeldezahlen auszuwirken. Er berichtet auch von einem Bündel von weiteren Maßnahmen für den Meisternachwuchs. So bekomme ein Geselle, der die Meisterprüfung abgelegt habe, 1500 Euro Meisterprämie. Aber es gehe nicht nur ums Geld. Es seien viele Aspekte, die einen jungen Handwerker dazu bewegten, den Meisterbrief zu machen. „Es ist die Chance, beruflich nach vorne zu kommen, es ist aber auch die Chance, eine eigene Existenz als Friseur oder Schreiner zu gründen“, sagt Kistenfeger.

Ihm ist auch klar, dass die Meisterprämie und das gesparte Schulgeld gemessen an den Gesamtkosten einer Ausbildung zum Meister relativ gering ist. Rechne man den Verdienstausfall eines Gesellen beim Besuch der Meisterschule hinzu, dann könnten sich die Kosten, je nach Branche, auf mehrere zehntausend Euro summieren, sagt Kistenfeger.

Die Böblinger Handwerker begrüßen den Beschluss vor allem deswegen, weil damit die Attraktivität und die Wertigkeit des Handwerkers steige, sagt Thomas Wagner, der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Für ihn ist es wichtig, dass jetzt Handwerker und Akademiker gleichberechtigt seien. Schließlich würden auch Akademiker in Baden-Württemberg keine Studiengebühren bezahlen.

Der Beschluss kostet den Kreis etwa 218 000 Euro. Bevor der Posten neu im Haushalt steht, will die Verwaltung den Gebührenverzicht für dieses Jahr mit den nicht verbrauchten Mitteln für die vertiefte Berufsorientierung kompensieren.

Gleichzeitig will der Kreistag wissen, ob die Maßnahme Erfolg zeitigt oder nicht. Deswegen beauftragte er die Verwaltung über die Entwicklung der Schülerzahlen an den Fach- und Meisterschulen jährlich zu berichten.




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