Brief an den Trainer des FC Liverpool Danke, Jürgen Klopp

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Das 4:0 des FC Liverpool gegen den FC Barcelona war nicht die erste unvergessliche Sternstunde, die Trainer Jürgen Klopp den Fußballfans beschert hat. Zeit also, sich ganz herzlich zu bedanken.

Keiner weiß besser als Jürgen Klopp, wie man Fußballfans begeistert. Foto: AFP
Keiner weiß besser als Jürgen Klopp, wie man Fußballfans begeistert. Foto: AFP

Stuttgart - Lieber Jürgen Klopp, es ist bald 13 Jahre her, dass ich Sie zum letzten Mal auf Ihrem Handy anrief. Es war während der Heim-WM 2006, Sie waren damals noch Trainer des 1. FSV Mainz 05 und erklommen im Laufe des Sommermärchens als ZDF-Taktikexperte im Deutschland-Trikot eine neue Popularitätsstufe. Dennoch nahmen Sie sich vor dem Viertelfinale viel Zeit, mir die Mittelfeldraute der Argentinier zu erklären. Wenn ich mich richtig erinnere, duzten wir uns sogar – von Schwabe zu Schwabe.

Logischerweise sind Sie für Leute wie mich längst nicht mehr am Telefon zu erreichen. Sie sind zum Weltstar geworden. Daher möchte ich mich nun auf diesem Weg ganz herzlich bei Ihnen bedanken. Dafür, dass Sie mir seit vielen Jahren unvergessliche Sternstunden des Fußballs bescheren.

Thomas Tuchel musste schmerzhaft erfahren, was mit bloßer Leidenschaft möglich ist

Das grandiose 5:2 in Pokalendspiel 2012 gegen die Bayern etwa, das verrückte 3:2 gegen Malaga im Champions-League-Viertelfinale 2013, das wilde 4:4 in der Bundesliga gegen den VfB Stuttgart, als sie noch Trainer von Borussia Dortmund waren. 2017 dann das epische 4:3 gegen Dortmund, nachdem Sie zum FC Liverpool gewechselt waren und Taktikguru Thomas Tuchel, Ihr Nachfolger auf der BVB-Bank, schmerzhaft erfahren musste, was mit bloßer Leidenschaft alles möglich ist. Und jetzt, zur Krönung, dieses unfassbare 4:0 gegen Messis FC Barcelona.

All das waren Momente, in denen ich vergaß, dass der Profifußball zu einer maßlos überhöhten Unterhaltungsindustrie geworden ist, deren Hauptzweck darin besteht, die Konten aller Beteiligten noch voller zu machen. Immerhin einen Abend lang erinnerte ich daran, welch großartiges Spiel der Fußball ist.

Jürgen Klopp – omnipräsente Werbefigur für Rasierer, Bier oder Geldanlagen

Mir ist klar, dass auch Sie, lieber Herr Klopp, nicht als Kämpfer gegen die Auswüchse der Turbokommerzialisierung taugen. Als Teammanager des FC Liverpool geben Sie (beziehungsweise die US-Konsortium, dem Ihr Club gehört) mehr als 60 Millionen Euro für einen brasilianischen Torwart und 85 Millionen für einen niederländischen Abwehrspieler aus. Ihr Zehn-Millionen-Gehalt bessern Sie sich als omnipräsenter Werbeträger für Rasierer, Bier oder Geldanlagen auf; Ihre schneeweiße Keramik-Zahnleiste war vermutlich teurer als mein Auto.

Auf wundersame Weise schaffen Sie es trotzdem regelmäßig, dass ich bei Spielen Ihrer Mannschaften vor dem Fernseher zum glühenden Fan werde. Dabei hatte ich mit dem FC Liverpool vor Ihrer Zeit so wenig am Hut wie zuvor mit Borussia Dortmund. Und jetzt? Habe ich am Dienstagabend beim dritten Tor Ihrer Mannschaft so laut geschrien, dass meine Kinder aufgewacht sind. Beim vierten, so fürchte ich, ist auch Frau Griesinger in der Wohnung unter uns im Bett hochgeschreckt, obwohl sie über 90 ist und schlecht hört.

Was soll’s, wenn auch das nächste Champions-League-Finale in die Hose geht?

Ich weiß, jetzt wird es wieder heißen: Alles schön und gut, aber die großen Finals verliert der Klopp immer. Auch wenn es kein Trost ist: Sollte das Champions-League-Endspiel auch dieses Mal in die Hose gehen, sollten Sie noch jahrelang vergeblich dem ersten Titel mit dem FC Liverpool hinterher hecheln – meine Dankbarkeit wird Ihnen auf ewig sicher sein.

Herzlichst, Marko Schumacher




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