Brief aus Syrien Wie ein Kind den Krieg erlebt

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Das Kinderhilfswerk Unicef hat den erschütternden Brief eines neunjährigen Mädchens veröffentlicht. Alaa aus Syrien schreibt den Kindern in Deutschland, was sie im Krieg erlebt hat.

Die syrische Stadt Aleppo ist ein Trümmerfeld – und der Krieg tobt weiter. Foto: AFP
Die syrische Stadt Aleppo ist ein Trümmerfeld – und der Krieg tobt weiter. Foto: AFP

Tartus - Vor wenigen Tagen hat das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef, an die Konfliktparteien des Syrienkrieges appelliert und sie dazu aufgefordert, Kinder zu schützen. Ferner müsse den Helfern ein sicherer, ungehinderter und dauerhafter Zugang zu allen Menschen in Not gewährleistet werden.

Die schweren Kämpfe im Land träfen die Kinder besonders hart – laut Unicef wird fast einer halben Million Kindern in 16 belagerten Städten seit Monaten jegliche humanitäre Hilfe verwehrt. Um die Not dieser Jungen und Mädchen zu illustrieren, hat das Kinderhilfswerk den Brief einer Neunjährigen veröffentlicht.

Darin berichtet Alaa von ihrem Leben auf der Flucht. An das Haus der Familie in Ost-Aleppo kann sie sich nicht mehr erinnern – zu jung war sie, als die Familie floh. „Seitdem ist unsere Familie sechs Mal geflohen, jedes Mal nur mit der Kleidung, die wir gerade anhatten. Jedes Mal, wenn wir wieder fliehen mussten, dachte ich: Das ist jetzt das letzte Mal“, schreibt sie.

Überall war Feuer

Sie berichtet, dass ihr „letztes Zuhause“ keinen Wasseranschluss hatte, und sie täglich mit ihren Brüdern in der heißen Sonne Wasser holen musste. Immer habe sie dabei auch einen kleinen Eimer für ihre geliebte Puppe mitgenommen: „Sie war sehr schön, mit blonden Haaren und einem wunderschönen rosa Prinzessinnenkleid. Nachdem ich meiner Mutter im Haushalt geholfen habe, habe ich Judi gebadet.“

In einer Nacht im vergangenen August musste die Familie auch diese Unterkunft verlassen, denn plötzlich habe es Explosionen gegeben, die immer näher gekommen und immer lauter geworden seien. „Wir haben alle im Badezimmer Schutz gesucht. Das Haus hat gebebt. Wir haben uns an unsere Mutter geklammert und haben geweint. Wir hatten schreckliche Angst. Meine Mutter sagte, dass wir weglaufen müssen. Ich hatte nicht einmal Zeit, um Judi zu holen. Ich musste sie zurücklassen, zusammen mit meinem neuen Kleid. Ich hatte es erst einmal getragen“, schreibt Alaa.

Sie seien auf die Straße gerannt – „Kinder haben geweint. Überall war Feuer. Einige Kinder waren verletzt. Ein Mädchen, jünger als ich, tat mir sehr leid, denn sie konnte ihre Eltern nicht finden.“

Auf einem Lastwagen gelangte Alaas Familie dicht gedrängt mit anderen Flüchtlingen in einen anderen Teil Aleppos. Dort kamen sie bei Verwandten unter, teilten sich mit zehn anderen Familienmitgliedern zwei Zimmer.

Strom gibt es nur selten

Inzwischen lebt Alaa unter schwierigen Bedingungen in Tartus. „Als wir hier angekommen sind, fanden wir eine kleine Wohnung mit zwei Zimmern. Wir haben keine Möbel. Wir schlafen auf Matratzen auf dem Boden. Aber meine Mutter sagt: ‚Hauptsache, wir haben ein Dach über dem Kopf.’ Es wird langsam kalt hier und wir haben selten Strom. Mein jüngerer Bruder Ahmad und ich kuscheln uns nachts auf unseren Matratzen aneinander, damit uns wärmer ist. Mein Vater hat zum Glück Arbeit auf einer Baustelle gefunden. Er wird bald etwas Geld verdienen, um uns Winterjacken zu kaufen.“

Nach Jahren der Flucht scheint Alaa nun endlich etwas Ruhe zu finden. „Es gefällt mir hier, weil wir nah am Meer leben. Ich hatte vorher noch nie das Meer gesehen. ... Wenn ich traurig bin, setze ich mich ans Meer und atme tief ein. Ich liebe es, wie das Meer riecht. ... Ich mag es hier zu sein, weil es hier keinen Lärm gibt, keine Explosionen, und wir haben Wasser zu Hause. “

Dennoch, die alte Heimat fehlt dem Mädchen: „Ich vermisse meine alte Schule, meine Spielsachen und meine Freunde in Aleppo.“ Alaa wünscht sich inständig, dass wieder Frieden herrscht: „Ich hoffe, dass ich irgendwann wieder in mein Zuhause in Aleppo zurückgehen kann und nie mehr weg muss. Ich hoffe auch, dass alle syrischen Kinder, die nach Deutschland gegangen sind, in der Schule und glücklich sind und liebe Freunde haben“, schließt sie ihren Brief.




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