Bürgerkrieg in Syrien Warum in Syrien eine neue Katastrophe droht

Von Thomas Seibert 

Der syrische Präsident Baschar al-Assad bekämpft in Idlib die letzte Rebellenbastion Syriens. 600 000 Menschen sind auf der Flucht – die Hälfte davon Kinder. Was in den kommenden Tagen passieren könnte.

Syrer in der Provinz Idlib auf der Flucht vor den vorrückenden Regierungstruppen. Foto: AP/Ghaith Alsayed
Syrer in der Provinz Idlib auf der Flucht vor den vorrückenden Regierungstruppen. Foto: AP/Ghaith Alsayed

Istanbul - In der syrischen Provinz Idlib bahnt sich eine der schlimmsten humanitären Katastrophen im gesamten Syrien-Krieg an. Allein seit Dezember sind laut UN-Schätzungen fast 600 000 Menschen – die Hälfte davon Kinder – vor der anrückenden syrischen Armee geflohen. In Idlib, der letzten Rebellenbastion in Syrien, gebe es keine sicheren Gebiete mehr, sagt die UNO. Bei Temperaturen von minus 6 Grad haben viele kein festes Dach über dem Kopf und müssen in Zelten oder Autos ausharren.

Die syrische Armee steht inzwischen wenige Kilometer vor der Provinzhauptstadt Idlib. Die türkische Armee schickt immer mehr Truppen in die Provinz, um die syrischen Truppen aufzuhalten und eine Massenflucht in die Türkei zu verhindern. Idlib ist das letzte Gebiet Syriens, das noch von regierungsfeindlichen Milizen regiert wird. Präsident Baschar al-Assad hatte im vergangenen April eine Offensive gestartet, um das Gebiet nach Jahren der Rebellenherrschaft zurückzuerobern.

Vorwurf der UNO: Zivile Infrastruktur wird zerstört

Eine Waffenstillstandsvereinbarung zwischen Assads Schutzmacht Russland und der Türkei zerbrach an den Kämpfen. Syrien und Russland begründen den Vormarsch mit Angriffen und Anschlägen der dschihadistischen Miliz HTS, die große Teile von Idlib kontrolliert. Laut einem Bericht des Südwestrundfunks kämpfen auch mehr als 60 deutsche Extremisten in Idlib.

Assads Offensive gewinnt seit Dezember mit Unterstützung durch russische Luftangriffe an Fahrt. Die UNO und andere Beobachter werfen Syrern und Russen vor, dabei die zivile Infrastruktur zu zerstören. Märkte, Krankenhäuser und Schulen werden bombardiert. Fast alle der 370 seit Dezember getöteten Zivilisten in Idlib seien bei Regierungsangriffen auf das Rebellengebiet gestorben, berichtete der UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock vor einigen Tagen dem Sicherheitsrat in New York.

Drei Millionen Menschen brauchen Hilfe

Ein Umzug in die von Assad kontrollierten Gebiete Syriens kommt für die meisten Zivilisten nicht in Frage: Viele waren in den vergangenen Jahren vor Assads Gewaltherrschaft nach Idlib geflohen. Der Vormarsch treibt deshalb immer mehr Menschen in den verbliebenen Rebellen-Gebieten zusammen. Besonders an der geschlossenen türkischen Grenze im Nordwesten der Provinz sammeln sich die Flüchtlinge.

Insgesamt brauchen in Idlib drei Millionen Menschen Hilfe. Für die Versorgung der Eingeschlossenen mit Nahrungsmitteln schickte die UNO allein im Januar fast 900 Lastwagen über die türkische Grenze nach Idlib. Neben Lebensmittel würden im kalten Winterwetter besonders Zelte, Plastikplanen, warme Kleider, Öfen und Brennstoff gebraucht, sagte Lowcock.

Flüchtlinge machen sich auf Weg zur Grenze

Schon bald könnten noch mehr Hilfsbedürftige hinzukommen. Medienberichten zufolge steht die syrische Armee inzwischen so nah vor der Provinzhauptstadt Idlib, dass dort Gefechtslärm zu hören ist. In der Stadt, in der vor dem Kriegsausbruch vor neun Jahren etwa 170 000 Menschen lebten, drängen sich heute über eine Million. Wenn sie sich zur Grenze auf den Weg machen, wird die Lage dort apokalyptisch. Inzwischen haben sich laut der UNO rund 140 000 Flüchtlinge aus Idlib in das türkisch besetzte Gebiet um die Stadt Afrin im Norden Syriens aufgemacht.

Notwendig sei ein sofortiges Ende der Kämpfe, sagte Lowcock im Sicherheitsrat. Doch derzeit sieht es eher nach noch mehr Krieg aus. Die türkische Armee hat nach einer Zählung der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte seit Anfang Februar mindestens 5000 Soldaten und rund 1250 Militärfahrzeuge – darunter Kampfpanzer – nach Idlib verlegt. Sie sollen Assads Vormarsch stoppen: Die Türkei, die bereits 3,6 Millionen Syrer versorgt, will einen neuen Flüchtlingsansturm verhindern. Zudem will Ankara die von der Türkei unterstützten Rebellen gegen die syrischen Truppen schützen.

Mögliche Folge: Krieg ginge in neue Runde

Bisher kann sich die Türkei mit der Forderung nach einem Ende der syrischen Offensive aber nicht durchsetzen. Moskau will Ankara offenbar hinhalten. Gespräche einer russischen Delegation in der Türkei am Samstag endeten ohne erkennbare Ergebnisse. Die Unterredungen sollen in den kommenden Tagen weitergehen – mindestens bis dahin können die syrischen Truppen weiter vorrücken. Denn auch Russland will die Rebellenherrschaft in Idlib beenden: Moskau will besonders die Tschetschenen und Usbeken unter den dschihadistischen Kämpfern in dem Gebiet an einer Rückkehr in die Heimat hindern.

Je weiter die syrischen Truppen in Idlib vorrücken, desto entschlossener wird der Widerstand der Rebellen, die viele kampferfahrene Einheiten in ihren Reihen haben. Die Denkfabrik International Crisis Group kommt in einer neuen Analyse zu dem Schluss, dass ein militärischer Sieg Assads in Idlib mittelfristig „katastrophal“ für den Präsidenten werden könnte: Rebellen könnten aus Idlib entkommen und in anderen Landesteilen neue Aufstände anzetteln, schrieben die Experten der Crisis Group. Dann ginge der Syrien-Krieg in eine neue Runde.




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