Bundeswehr im Irak Eine Teilzeittruppe bietet dem IS die Stirn

Übungspause für die kurdischen Milizionäre Foto: Schiermeyer 20 Bilder
Übungspause für die kurdischen Milizionäre Foto: Schiermeyer

Deutsche Soldaten unterstützen den Kampf gegen den Islamischen Staat, indem sie die Peschmerga für die Verteidigung an der Frontlinie ausbilden. Deren heldenhafter Ruf leidet oft unter einem Mangel an militärischen Grundkenntnissen.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)
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Stuttgart - Vor dem Kampf gegen den „Islamischen Staat“ steht das Ringen mit den Sprachproblemen. Nur mit Übersetzern kann die Bundeswehr den kurdischen Peschmerga-Soldaten so viele militärische Kenntnisse vermitteln, dass sie sich die Dschihadisten vom Leib halten können. Dumm nur, dass die Übersetzer gerade mal wieder streiken, weil sie von der Regionalregierung in Erbil seit Monaten kein Geld bekommen. So zeigen die Deutschen im Trainingscenter Bnaslawa am Rande der kurdischen Hauptstadt mit Händen und Füßen, was sie von den Peschmerga erwarten.

Mit Absperrbändern werden auf freiem Feld die Umrisse eines Raumes simuliert, dessen Erstürmung die Peschmerga proben sollen. Die Deutschen machen es gestenreich vor – die Peschmerga versuchen, die Anweisungen umzusetzen. Dieser sogenannte „Tape drill“ sei ohne Übersetzer das Maximum an Schulung, sagt Oberfeldwebel „Eggi“. Mehr zu vermitteln, sei da sinnlos. Der bärtige Hüne möchte wie alle anderen deutschen Soldaten aufgrund von Sicherheitsbedenken nicht mit vollem Namen genannt werden. Ein paar Begriffe hat er einstudiert. „Gut gemacht“, kann er auf Kurdisch sagen oder „Noch mal“. Denn: „Sie lernen besser, wenn man eine Bindung zu ihnen aufbaut.“

Der begehrteste deutsche Soldat an diesem Tag ist der 26-jährige Hauptgefreite Sedat C., bei ihm läuft die Schießübung mit dem amerikanischen Maschinengewehr M240 vergleichsweise reibungslos. Weil seine Eltern aus dem Südosten der Türkei stammen, beherrscht er wichtige Dialekte der kurdischen Sprache. Damit hat er eine Alleinstellung unter den knapp 130 Bundeswehrsoldaten im deutschen Feldlager.

Zwei Wochen an der Front – und dann zur Arbeit

Einst hat Sedat C. Fachkraft für Lagerlogistik gelernt, bevor er sich im Oktober 2014 für acht Jahre verpflichtete. Dass er in seinem ersten Auslandseinsatz einen Beitrag dazu leisten kann, die Heimat seiner Vorfahren zu schützen, macht ihn sichtlich stolz. Dennoch wird Oberst Bernd Prill langsam ungeduldig. Der Kommandeur des internationalen Kontingents im Nordirak trägt die Verantwortung für insgesamt 300 Ausbilder aus sieben Nationen – alle leiden sie unter den Spontanstreiks der Sprachmittler. „Ohne Übersetzer ist eine Ausbildung schwierig“, klagt der 51-Jährige. „Ihr Fehlen kann für zwei Tage überbrückt werden, aber dann muss es eine Lösung geben.“ Es sei aber seit Ende vorigen Jahres kaum besser geworden, da sich die Finanzlage der kurdischen Regionalregierung immer mehr verschlechtere. Gemeint ist: Wegen des Ölpreisverfalls, der Wirtschaftskrise und dubioser Machenschaften droht der autonomen Region die Pleite.

Kaum bezahlt, dürftig ausgestattet und militärisch großteils unerfahren: Sehen so Helden aus? Der legendäre Ruf der Peschmerga erweist sich bei näherem Hinsehen als brüchig. Sie lassen sich morgens ausbilden und arbeiten nach 14 Uhr noch als Zivilisten, um die Familie über die Runden zu bringen. Ungefähr 400 US-Dollar (355 Euro) erhält ein alleinstehender Peschmerga im Monat, ein verheirateter etwa 50 Dollar mehr. Ein Offizier bringt es auf 600 Dollar (532 Euro). Allerdings bekommen die Peschmerga seit zwei bis vier Monaten kein Sold mehr. So fahren viele von ihnen zwei bis drei Wochen zum Kampf an die 1000 Kilometer lange Front, feuern auf den IS und kehren wieder heim, um ihrem Beruf nachzugehen – ein Kompromiss mit dem Peschmerga-Ministerium, das den Ausbildern seinerseits immer wieder Steine in den Weg legt. Eigenwillig gewährt es den Soldaten weitere Urlaubstage und behindert so die Lehrgänge. Einen dieser freien Tage, geplant am vorigen Sonntag, konnte Kommandeur Prill gerade noch abwenden.

Mit so einem Verbündeten soll die irakische Millionenstadt Mossul – 80 Kilometer von Erbil entfernt – dem „Islamischen Staat“ wieder entrissen werden? Die Offensive ist gestartet. Dass die Peschmerga sich beteiligen werden, steht außer Frage – wie, das ist noch offen. Gleiches gilt für ihren Anteil an der Rückeroberung der Jesiden-Hochburg Sindschar im vorigen November, wo die Peschmerga im August 2014 noch vor dem IS geflohen waren – was für eine Schmach. Sie haben diese wettgemacht, mussten sich aber von der syrischen Kurdenmiliz YPG sowie den Kampfjets der Amerikaner und Briten helfen lassen.

Höher motiviert als afghanische Sicherheitskräfte

Doch die Peschmerga sind große Patrioten. „Die sind richtig heiß und verstehen schnell“, lobt Oberfeldwebel Christian A. „Das habe ich schon ganz anders gesehen.“ Auch Oberst Prill lobt die „Teilzeitsoldaten“: „Die Kurden sind ein stolzes Volk und zeigen es auch“, sagt er. Nachwuchsprobleme hätten die Peschmerga trotz der Geldsorgen nicht. Im Vergleich mit den afghanischen Sicherheitskräften etwa hat Prill „wirklich das Gefühl, dass die Peschmerga sehr motiviert sind, weil sie wissen, wofür sie kämpfen: Sie verteidigen ihr Land“. Wenn morgens um sechs Uhr 100 Milizionäre zu Ausbildung erwartet werden, dann kommen sie alle. „Das ist bei den Afghanen nicht immer so gewesen.“

15 Bataillone mit je 450 Soldaten hat das internationale Kontingent bisher angeleitet: mehr als 8000 Peschmerga insgesamt – zudem ein Jesiden-Bataillon, das in der Region Sindschar stationiert ist. Von schwedischen Militärberatern hat Kommandeur Prill die Rückmeldung bekommen, dass der Unterschied an der Front klar zu erkennen sei: Die Bataillone, die den nunmehr zehnwöchigen Infanterielehrgang absolvieren, bewegen sich auf dem Gefechtsfeld umsichtiger als andere Einheiten. Dazu gehört, die Magazine der Gewehre nicht wie wild leerzuballern, sondern eine Feuerordnung einzuhalten. Auch das koordinierte Kämpfen im kleinen oder großen Verband fällt den Peschmerga noch schwer.

Besonders ungewohnt für westliche Militärs ist der Stellungsbau der Peschmerga: An der 40 Kilometer entfernten Verteidigungslinie sehe es aus „wie 1918 an der Westfront“, meint ein Bundeswehr-Offizier. Alle 500 Meter haben die Milizen einen riesigen Hügel aufgeschüttet, um sich dort mit jeweils 20 Mann zu verschanzen. Die 5000 Hügel zu beseitigen, bringe aber nichts, heißt es. Stattdessen bewegt derzeit ein Bagger die Erde auf dem Übungsplatz Bnaslawa, um Hügel aufzuschütten und Gräben auszuheben. Möglichst realitätsnah soll die Gefechtsfeldszenerie in die Ausbildung übertragen werden, um den Kampf zu verbessern.




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