Cannabis-Patientin aus Leutenbach Eine Droge auf Rezept

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Stefanie Bürkle-Wolski bekämpft eine bipolare Störung seit einem Jahr erfolgreich mit Cannabis. Zusammen mit einer Ergo-Therapeutin hat sie jetzt eine Selbsthilfe-Gruppe gegründet, um mit anderen Erfahrungen zu teilen.

Stefanie Bürkle-Wolski nimmt über den ganzen Tag verteilt eine ausgeklügelte Dosis Cannabis über einen Verdampfer ein.Foto:Gottfried Stoppel Foto:  
Stefanie Bürkle-Wolski nimmt über den ganzen Tag verteilt eine ausgeklügelte Dosis Cannabis über einen Verdampfer ein. Foto:Gottfried Stoppel

Leutenbach - Wer sie früher erlebt hat, sagt Stefanie Bürkle-Wolski, wäre wohl nie auf den Gedanken gekommen, dass sie vermutlich schon seit ihrer Pubertät mit Dämonen in ihrem Gefühlsleben zu kämpfen hatte. „Ich war immer gut drauf, hab alle anderen unterhalten“, sagt die heute 37-jährige Leutenbacherin. „Allerdings gab es auch Phasen, in denen ich mich zurückgezogen habe.“ Von diesen Phasen brauchte sie mit der Zeit immer mehr. Ihre Stimmungen gerieten zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt immer extremer ins Schwanken.

Vor sechs Jahren verzeichnete sie auf der unteren Skala ihren ersten großen Tiefpunkt. Sie fiel in ein derart dunkles Loch, dass sie ihrem Leben ein Ende bereiten wollte. Zum Glück wurde sie in einer psychiatrischen Tagesklinik aufgefangen und mit Medikamenten zurück ins Leben geholt. Doch die damalige Diagnose, Depression, traf das Krankheitsbild offenkundig nicht richtig. Heute weiß Stefanie Bürkle-Wolski, dass ihr eine bipolare Störung anhaftet, und dass sie mit den Medikamenten in eine Manie katapultiert wurde, ein übersteigertes Hochgefühl.

Die meisten Ärzte waren mit ihrem Krankheitsbild überfordert

„Ich war so euphorisch, dass ich mich selbst nicht mehr gespürt habe“, sagt die Mutter eines 13-jährigen Sohns. Und, dass sie Dinge tat, die sie noch tiefer hinein in den Schlamassel zogen. Sie verließ ihren Mann, machte mit ihrem neuen Freund Urlaube, die sie sich nicht leisten konnte. „Etwa ein halbes Jahr lang hab ich viel Mist gemacht, ohne es zu bemerken“, sagt Bürkle-Wolski. Bis sie vor einem noch viel größeren Berg an Problemen stand, die sie allein nie hätte bewältigen können. „Ich weiß nicht, womit ich das verdient habe, aber mein Mann nahm mich zurück, stützte mich und fing mit mir noch einmal völlig neu an.“ Doch die Suche nach professioneller Hilfe gestaltete sich schwierig. Die meisten Ärzte seien mit ihrem Krankheitsbild überfordert gewesen, so habe sie sich mit diversen Not- und Akutbehandlungen sowie bis zu 18 Tabletten täglich eher leidlich irgendwie über Wasser gehalten, mit „herkömmlichen“ Pharmazeutika zu zum Teil stolzen Preisen, die von der Krankenkasse übernommen wurden.

Bis sie von ihrer Ärztin an die Ergo-Therapeutin Melanie Quatz überwiesen wurde und diese ihr vorschlug, es mit einer Cannabis-Medikamentierung zu versuchen. Die 39-Jährige, die in Weinstadt-Endersbach eine Praxis betreibt, beschäftigt sich gedanklich seit gut 15 Jahren mit dem Wirkstoff der Hanfpflanze. Damals suchte sie händeringend nach Behandlungsmöglichkeiten für ihre Mutter, die an Lungenkrebs erkrankt war. Ein Arzt riet ihr inoffiziell zu Cannabis. Der Familie blieb nichts anderes übrig, als sich dies auf dem Schwarzmarkt zu besorgen.

Heilen konnte das Mittel, das auch heute noch unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, aber seit 2017 als Medikament anerkannt ist, ihre Mutter nicht. Aber es habe die Lebensqualität auf ihrem letzten Weg deutlich verbessert, sagt Melanie Quatz, die sich seither immer weiter schlau über heilsame Wirkungsweisen der aus Blättern oder Blüten der Hanfpflanze gewonnenen Droge gemacht hat.

Die Droge ermöglicht wieder ein weitgehend normales Leben

Stefanie Bürkle-Wolski hat in einer Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie in Stuttgart eine Doktorin gefunden, die bereit war, es mit einer Cannabis-Therapie zu versuchen. Die Patientin sagt, dass ihr die Droge wieder ein weitgehend normales Leben ermöglicht – was bisher kein anderes Medikament geschafft habe. Seit ziemlich genau einem Jahr nimmt sie via Verdampfer etwa alle drei Stunden eine über den ganzen Tag verteilte Dosis ein. Bei aufkommenden Panikattacken gibt es eine Extraportion dazu. 30 bis 35 Gramm benötigt sie insgesamt pro Monat.

„Mit Berauschen hat das nichts zu tun“, sagt sie, „aber das Medikament hilft mir persönlich, meine komplizierte Psyche ins Lot zu bringen“. Dass das für andere, Nicht-Erkrankte, nicht gilt, ist ihr sehr wohl bewusst. „Für mich wirkt die Einnahme positiv, aber für einen gesunden Menschen hat sie unter Umständen einen ganz anderen Effekt.“ Und: „Ich weiß um die Gefahren, habe mir extra einen Safe gekauft, in dem ich die Droge aufbewahre – ich habe schließlich einen pubertierenden Sohn daheim.“

Stefanie Bürkle-Wolski weiß aber auch um andere Schwierigkeiten, die im Zusammenhang mit der erst seit kurzem als Medikament legalisierten Droge, die sie bisher nur auf eigene Rechnung verschrieben bekommt. Zusammen mit Melanie Quatz hat sie deshalb eine Selbsthilfegruppe gegründet, in der andere von ihren Erfahrungen profitieren und sich selbst einbringen können sollen. Da gehe es nicht nur um einen Austausch, wie und wo das noch nicht wirklich im deutschen Gesundheitssystem angekommene Medikament in guter und gleichbleibender Qualität erworben werden kann und wie man es am besten einnimmt. „Es geht auch um Entstigmatisierung – sowohl in der Gesellschaft allgemein als auch bei Ärzten“, sagt Stefanie Bürkle-Wolski. Wohlgemerkt des Medikaments Cannabis, denn für eine allgemeine Legalisierung der Droge sind beide Damen nicht. „Cannabis ist nicht das Medikament erster Wahl“, betont Melanie Quatz, „aber wenn nichts anderes hilft, sollte es als solches auch akzeptiert werden.“

Selbsthilfegruppe Capa – Cannabis-Patienten Rems-Murr-Kreis

Ziele
Neben dem allgemeinen Erfahrungsaustausch hat sich die Selbsthilfegruppe Cannabis-Patienten Rems-Murr-Kreis zum Ziel gesetzt, die Möglichkeiten der Droge als Medikament bei Ärzten wie Patienten besser bekannt zu machen und für mehr Verständnis dafür in der Gesellschaft zu werben. Außerdem will man sich bei Anträgen unterstützen, etwa auf eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse, und praktische Tipps für die Beschaffung und die verschiedenen Möglichkeiten der Einnahme geben. Geplant sind monatliche Zusammenkünfte.

Infoabend
Das erste Treffen der Gruppe ist an diesem Montag, 27. Januar, von 18.30 bis 20.30 Uhr, im Rupert-Mayer-Haus der katholischen Kirche in Winnenden, Turmstraße 19.

Kontakt
Die Gruppe erreicht man telefonisch unter der Nummer 0174/8035508 oder per Mail an die Adresse info@caparmk.de. Die Internetseite www.caparmk.de befindet sich im Aufbau.