Cavit und Kessler Prickelnde Entwicklung

Von Almut Siefert 

187 Jahre Eigenständigkeit waren 2013 plötzlich vorbei. Doch der Einstieg der Genossenschaft Cavit bei der Kelterei Kessler war alles andere als eine feindliche Übernahme. Auch wenn die beiden Unternehmen rein optisch erst einmal nicht viel verbindet.

Der moderne Hauptsitz von Cavit in den Bergen des Trentino. Foto: Siefert
Der moderne Hauptsitz von Cavit in den Bergen des Trentino. Foto: Siefert

Trento/Esslingen - Wie ein gerade gelandetes Raumschiff liegt der Gebäuderiegel in der idyllischen Berglandschaft des Trentino. Die Fenster gleichen Luftschlitzen, die das imaginierte Gefährt noch schnittiger machen. 500 Kilometer weiter nördlich fügt sich ein herrschaftliches Fachwerkanwesen harmonisch in das Bild der Esslinger Altstadt ein. Zwei Gebäude, die mehr verbindet, als man auf den ersten Blick ahnt.

In dem einen hat die italienische Gebietswinzergenossenschaft Cavit ihren Hauptsitz, das andere ist das Heim der Traditionskellerei Kessler. Für die kam im Juni 2013 ein riesiger Einschnitt: Nach 187 Jahren Eigenständigkeit, stieg Cavit als Hauptgesellschafter bei den Esslingern ein und hält seither mit 50,1 Prozent die Mehrheit der Anteile an der Kessler Sekt GmbH & Co KG. Von einer feindlichen Übernahme kann aber keine Rede sein. Nach vier Jahren ziehen beide Seiten eine durchweg positive Bilanz.

In Esslingen profitiert man von dem Wissen aus der italienischen Weinregion

Auch wenn die äußerlichen Unterschiede größer nicht sein könnten, im Herzen ticken die beiden Unternehmen ähnlich. Bei der bereits 1826 gegründeten Sektkellerei steht die Tradition im Vordergrund, genau wie bei den Winzern im Trentino. „Tradition ist ein Synonym für Zukunft“, sagt Enrico Zanoni, Generaldirektor von Cavit. Auch nach dem Einstieg Cavits bei Kessler sei sich jeder der beiden Partner seiner Tradition bewusst. „Kessler ist ein deutsches Unternehmen, wir sind ein italienisches“, so Zanoni.

„Für Kessler hat die Zusammenarbeit nur Vorteile“, sagt Christopher Baur, Geschäftsführer der Esslinger Kellerei vier Jahre nach dem Einstieg der Italiener. Seine Kellerei sei nun beim Einkauf der Grundweine was Menge und Qualität betrifft sehr gut abgesichert, und durch die Kapitalerhöhung, die Cavit mitbrachte, konnte in neue Produktionsanlagen investiert werden. Auch profitierten die Esslinger enorm von dem Wissen, das vom Firmensitz in Trento nach Baden-Württemberg weitergegeben werde.

4500 Weinbauern aus zehn Winzergenossenschaften sind unter dem Dach Cavits vereint. 5500 Hektar Weinberge werden von den Mitgliedern bewirtschaftet, mehr als 60 Millionen Flaschen Wein pro Jahr produziert.

Cavit ist ein Riese auf dem Weinmarkt

Fabrizio Mariconz ist der leitende Önologe bei Cavit. „Die Lese wird von unseren Winzern komplett von Hand durchgeführt“, sagt er während er durch die großen Hallen des 80 000 Quadratmeter großen Firmensitzes eilt. Das sei eines von vielen Qualitätsmerkmalen. Alle zwei Stunden würden außerdem vom Labor Proben aus den fünf Abfüllanlagen genommen. „Wir führen chemische Tests durch und machen zum Beispiel die Kontrolle auf Schwermetalle. Auch der Restzucker wird hier kontrolliert“, erklärt der 35-Jährige, der während seiner Ausbildung zwei Jahre im hessischen Geisenheim studiert hat und perfekt Deutsch spricht. Seit elf Jahren arbeitet Mariconz bei Cavit.

Im Gegensatz zur Kellerei Kessler, die mit ihrem Premiumsekt eine Nische bedient, ist Cavit nicht nur optisch ein Riese. 2013 machte die Genossenschaft einen Umsatz von 150 Millionen Euro, 2016 waren es fast 178 Millionen Euro. 80 Prozent der Produktion der Italiener gehen in den Export. Vor allem in den USA hat sich Cavit als die am weitesten verbreitete italienische Weinmarke durchgesetzt. Aber auch in Kanada, Großbritannien und Deutschland sitzen zahlreiche Abnehmer und auch in China und Japan steigt das Interesse. Der Umsatz von Kessler lag vor dem Einstieg Cavits im Jahr 2013 bei fünf Millionen Euro. „In den letzten drei Jahren sind wir im Schnitt zehn Prozent pro Jahr gewachsen“, so Baur.

Aber auch bei Cavit betont man die Vorteile der Zusammenarbeit mit Esslingen: „Sie ist eine Win-Win-Situation“, sagt Enrico Zanoni. „Für Kessler bringt sie die Sicherheit für die Belieferung und Cavit bringt sie die Sicherheit für die Abnahme des Weins. Und das für beide Seiten zu einem richtigen und planbaren Preis.“

Etwa 70 Prozent der Grundweine bekommt Kessler von Cavit

Kessler hat schon immer Weine für die Sektherstellung eingekauft, aktuell etwa eine Million Liter pro Jahr. Bei Cavit kaufen die Esslinger alle Chardonnay und Burgunder, „Rieslinge zum Beispiel kaufen wir hier in Baden-Württemberg oder in Rheinhessen“, sagt Christopher Baur. „Wir beziehen etwa 70 Prozent der Weine von Cavit. Wozu wir nicht verpflichtet sind – aber wir wären ja blöd, wenn wir es nicht machen würden.“

An Kessler werden die so genannten Grundsekte geliefert. Die zweite Gärung findet in Esslingen statt. „Wir helfen, geben unser Know-how weiter, aber der Kopf des Ganzen ist und bleibt in Esslingen“, sagt Enrico Zanoni. Die beiden treffen sich etwa alle zwei Monate, um sich auszutauschen.

Nein, italienischer sei Kessler durch den Einstieg Cavits nicht geworden, sagt Baur. Aber eine Anekdote fällt ihm dazu ein: „Ich lief hier einmal durchs Haus und stieß auf eine der Besuchergruppen. Im Eingangsbereich haben wir einen sehr schönen Kronleuchter. Und da sagt eine Dame zu ihrer Begleitung: Hach guck, da sieht man, dass die Italiener hier eingestiegen sind.“ Baur aber beteuert, der Kronleuchter habe dort nachweislich schon vor 2013 gehangen.