InterviewCembalist Jean Rondeau in Stuttgart Die Erotik der Nähmaschine

Von Markus Dippold 

Der französische Cembalist Jean Rondeau hat nicht mal ein Smartphone. Er findet sich selbst altmodisch. Und er spielt ein altes Instrument mit sehr nüchternem Ton und beschränktem Ausdrucksspektrum. Aber wie er es spielt! Ein Gespräch mit einem Herzblut-Musiker, der an diesem Donnerstag in Stuttgart auftritt.

Keine Angst, er will einfach nur spielen: Jean Rondeau. Foto: Baghir
Keine Angst, er will einfach nur spielen: Jean Rondeau. Foto: Baghir

Stuttgart - Von vielen wird er als „Rockstar“ und „junger Wilder“ am Cembalo gepriesen. Dabei will Jean Rondeau einfach nur „tief in die Musik“ eindringen, wie er sagt. An diesem Donnerstag gastiert der 27-jährige Franzose mit dem Alte-Musik-Ensemble Concerto Köln im Beethovensaal.

Herr Rondeau, wie sind Sie als junger Mensch zum Cembalo gekommen?

Als Fünfjähriger habe ich zum ersten Mal ein Cembalo im Radio gehört und war berührt von seinem Klang. Ich habe trotz der Distanz durch das Radio eine direkte und unmittelbare Verbindung mit diesem Klang gespürt.

Das klingt ungewöhnlich, denn die meisten Kinder werden von ihren Eltern zum herkömmlichen Klavierunterricht geschickt.

Manchmal spürt man etwas, ohne es in Worte fassen zu können. So ging es mir als Kind. Der Klang eines Cembalos ist sehr fragil, aber auch sehr menschlich, genau wie die Sensibilität eines Kindes.

Sie haben auch eine Ausbildung als Organist, Pianist und Dirigent erhalten. Das klingt nach einem Allround-Talent.

So würde ich mich nicht definieren. Die Musik verlangt unterschiedliche Zugänge. Diese Dinge zu studieren, war mein Weg, die Musik immer kompetenter zu verstehen, mit unterschiedlichen Perspektiven immer tiefer in sie einzudringen und unterschiedliche Ausdrucksformen kennenzulernen. Aber ich bin ganz klar ein Cembalo-Spezialist.

Sie spielen nicht nur Barockmusik, sondern auch Jazz. Muss man improvisieren können, um Musik des 18. Jahrhunderts zu spielen?

Nein. Ich liebe diese Musik einfach, deshalb habe ich das studiert. Und die Improvisation erlaubt mir unterschiedliche Herangehensweisen an die Barockmusik. Dadurch kann ich andere Fragen an die Kompositionen stellen, mich der Musik nähern und tiefer in sie eindringen.

Viele Musiker nehmen das Cembalo als limitiert in der dynamischen Entfaltung und hinsichtlich der Klangfarben wahr. Wie empfinden Sie das?

Vielleicht haben Komponisten wie Bach das auch so empfunden. Ich versuche die Expressivität auszudrücken. Natürlich ist das auf dem Cembalo schwieriger als auf anderen Instrumenten. Ich glaube aber, dass Expressivität in jeder Musik steckt und nicht nur durch den Klang entsteht.

Gibt es Vorlieben oder Anforderungen, die Sie an ein Instrument stellen?

Das hängt vom jeweiligen Instrument ab. Es gibt gute historische Cembali und gute moderne Nachbauten. Die Auswahl eines Instruments ist oft sehr irrational. Ich suche nicht nach dem besten Instrument, sondern nach einer Beziehung, nach einem Gefühl beim Spielen.

Sie sind auch schon als Komponist in Erscheinung getreten. Wie kamen Sie dazu, die Filmmusik für „Paula“, einen Film über die junge Künstlerin Paula Modersohn-Becker, zu schreiben?

Dieser Film war wie eine Übung für mich. Ich bin kein Filmmusikkomponist, sondern habe einfach versucht, mich in diesem Genre auszudrücken. Der Regisseur hat mich persönlich gefragt. Zunächst habe ich das abgelehnt, habe dann aber Gefallen an dem Film gefunden. Außerdem war der Auftrag eine echte Herausforderung, vor allem weil ich so schnell schreiben musste.

Muss man heutzutage als junger Künstler besonders auf sich aufmerksam machen, etwa in den sozialen Medien?

Ich glaube schon, dass das System heute so funktioniert: Man muss auf diesem Weg kommunizieren, um das Publikum zu gewinnen. Aber mir persönlich ist das egal, ich mag das auch nicht besonders und habe noch nicht einmal ein Smartphone. Ich will einfach nur arbeiten und Musik machen. Vielleicht bin ich altmodisch. Ich mag es, mit Menschen direkt oder durch die Musik zu kommunizieren.

Schaut man ihre Fotos und Videos an, sieht man lange Haare und einen dichten Bart. Man bezeichnet Sie auch mal als Robinson Crusoe oder Rockstar am Cembalo. Schätzen Sie solche Attribute?

Nein, das mag ich nicht wirklich. Es ist einfach meine Persönlichkeit, und die Menschen können sagen und denken, was sie möchten. Ich bin für die Meinungsfreiheit.

Brillant, unkonventionell, originell sind die häufigsten Beschreibungen, die über Sie zu lesen sind. Wie würden Sie sich selbst charakterisieren?

Sich selbst zu beschreiben, ist immer schwierig. Aber unkonventionell bin ich schon, weil ich eher an der Musik als am typischen Musikbusiness interessiert bin und an den Konventionen. Ich muss keinen Anzug tragen, um gut musizieren zu können. Für mich geht es um einen wahrhaften und ernsthaften Zugang zur Musik, das ist viel wichtiger, als sich mit anderen zu vergleichen oder sich in Schubladen stecken zu lassen.