Charles Manson Tod eines Wahnsinnigen

Von Sebastian Moll 

Charles Manson ist im Alter von 83 Jahren im Gefängnis gestorben. Er galt als das personifizierte Böse.

Charles Manson 1969 auf dem Weg zur Gerichtsverhandlung. Foto: AP 11 Bilder
Charles Manson 1969 auf dem Weg zur Gerichtsverhandlung. Foto: AP

Los Angeles - Der Sommer von 1969 wird auf ewig als Höhepunkt der Hippie-Ära im kollektiven Gedächtnis Amerikas bleiben. In Woodstock trafen sich Hunderttausende, um eine Woche lang ihre Utopie von Liebe, Frieden und einer besseren Welt auszuleben. Auf der anderen Seite des Kontinents, in Los Angeles, zeigte sich dieselbe Gegenkultur hingegen von ihrer hässlichsten Seite. In zwei aufeinanderfolgenden Nächten gaben sich die Anhänger der Charles-Manson-Sekte einem beispiellosen Blutrausch hin.

Charles Manson, der an diesem Sonntag im Staatsgefängnis von Kalifornien im Alter von 83 Jahren starb, hat seitdem einen überdimensionalen Stellenwert in der populären Imagination des Landes. Für viele war er die Verkörperung des Bösen. Vor allem arbeiten sich sowohl liberale als auch konservative Amerikaner seit Jahrzehnten daran ab, dass sich an Manson die Exzesse jener Gegenkultur zeigten, deren Erwachen in den 60er Jahre das Land bis heute zutiefst gespalten hat.

Am 10. August 1969, keine Woche vor dem Beginn des Woodstock-Festivals erwachte Los Angeles mit einer Horrornachricht. Mitten in Beverly Hills waren in der Nacht vier Menschen von Mansons Anhängern bestialisch ermordet worden – unter den Opfern war die Schauspielerin Sharon Tate, Frau des Regisseurs Roman Polanski. Tate war im achten Monat schwanger, die Mörder hatten sie mit Dutzenden von Messerstichen hingerichtet. An die Wände wurden mit dem Blut der Toten kryptische Botschaften wie „Pigs“ und „Helter Skelter“ geschmiert. Die Tat versetzte die Stadt in Aufruhr, in Panik geriet L. A. jedoch erst, als sich in der nächsten Nacht eine ähnliche Tat ereignete. Wiederum vollkommen wahllos wurden Leno LaBianca, Besitzer einer Supermarktkette, und seine Frau Rosemary mit 67 Messerstichen ermordet. An den Wänden fanden sich erneut mit Blut geschriebene Botschaften wie „Death to Pigs“.

Manson hatte Charisma – und zog bürgerliche Aussteiger an

Die Botschaften deuteten in Richtung radikaler politischer Gruppen der 60er Jahre. Man vermutete antikapitalistische Motive. Die Wahrheit kam drei Monate später ans Tageslicht, nachdem Charles Manson mit seinen Anhängern auf einer entlegenen Ranch in Nevada verhaftet worden war. Die Bluttaten waren weniger eine politische Geste, als eine durch Drogen gefütterte Unterwerfungsgeste der Anhänger Mansons, der sich für Jesus Christus hielt und einen Rassenkrieg anzetteln wollte.

Manson war ein Karriereasozialer. Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in Erziehungsheimen und Jugendstrafanstalten. Als er 1967 nach San Francisco kam, fand er in der Hippie- und Flower-Power-Subkultur zum ersten Mal in seinem Leben Anschluss und Anerkennung.

Manson hatte Charisma und für viele der bürgerlichen Aussteiger-Kinder im Distrikt Haight Ashbury eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Seine krude Pseudotheologie versprach zusammen mit unbegrenztem Drogenkonsum und freier Liebe eine völlige Loslösung von allen konventionellen Fesseln. So gewann Manson über seine mehrheitlich weiblichen Jünger vollkommene Kontrolle. Die Morde verkaufte er ihnen als eine Art Liebesbeweis, als Akt einer kosmischen Vereinigung.

Die Morde der „Manson Family“ sind ein Wendepunkt der Hippiebewegung

Für die Hippiebewegung und die Gegenkultur in den USA waren die Morde ein Wendepunkt. Die Schriftstellerin Joan Didion, die selbst Teil der Hippieszene von Kalifornien war, schrieb später: „Das überraschendste an den Manson-Morden für uns war, dass es niemanden überrascht hat. Wir stellten uns alle plötzlich die Frage, ob wir zu weit gegangen sind.“

Manson und seine Anhänger wurden nach einem spektakulären Prozess, der die Nation monatelang in Atem hielt, zum Tode verurteilt. Doch kurze Zeit später erklärte der oberste Gerichtshof von Kalifornien die Todesstrafe für verfassungswidrig. Seither sitzen sie ihre lebenslänglichen Strafen ab, ihre wiederholten Anträge auf Bewährung wurden stets abgelehnt. So ist die Saga der Manson-Familie mit dem Tod ihres Anführers noch lange nicht vorbei. Noch in diesem Monat soll über die Bewährung der Manson-Anhängerin Leslie Van Houten beraten werden, die längst dem Kult von damals abgeschworen hat und Reue gezeigt hat. Ihre Chancen werden trotzdem nicht als besonders gut eingestuft. Amerika ist noch lange nicht bereit, diese Ära hinter sich zu lassen.




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