Charlottenhaus in Stuttgart Klinik-Chef sieht Stadt in der Pflicht

Von  

Das Charlottenhaus ist weiter auf der Suche nach einem neuen Belegarzt. Deutschlandweit ist die Zahl der Belegärzte in den vergangenen Jahren stark gesunken. Das liegt auch an den hohen Haftpflichtprämien, aber nicht nur daran.

Das Charlottenhaus kann auf eine lange Tradition in der Geburtshilfe zurückblicken. Foto: Lg/Piechowski
Das Charlottenhaus kann auf eine lange Tradition in der Geburtshilfe zurückblicken. Foto: Lg/Piechowski

Stuttgart - Das Robert Bosch Krankenhaus (RBK) ist weiterhin auf der Suche nach einem neuen Belegarzt für seine Geburtsklinik Charlottenhaus. Der Ärztliche Geschäftsführer des RBK, Mark Dominik Alscher, sieht auch die Stadt in der Pflicht, gemeinsam mit ihnen „nach einer Lösung zu suchen“. Weiterhin gelte, dass sie alles tun würden, um die Geburtshilfe am Charlottenhaus zu erhalten. Doch sollte sich das Angebot nicht aufrecht erhalten lassen, „wird das kritisch werden“.

944 Frauen haben allein im Jahr 2017 im Charlottenhaus entbunden. Alscher zweifelt an, dass die anderen Geburtskliniken in Stuttgart an die 1000 zusätzliche Geburten im Jahr auffangen könnten. Schon jetzt gebe es Tage, an denen das Robert Bosch Krankenhaus, die zweitgrößte Geburtsklinik in Stuttgart, Frauen nach Ludwigsburg verweisen müsse. „Die Stadt hat da eine Verpflichtung“, findet Alscher.

Zahl der Belegärzte von 726 im Jahr 2009 auf 301 im Jahr 2017 gesunken

Der Hintergrund: Der Belegarzt, der am längsten am Charlottenhaus tätig war, hört in der Klinik auf und konzentriert sich auf seine Frauenarztpraxis. Bisher gibt es keinen Nachfolger, was laut RBK an verschiedenen Gründen liegt: dazu zählen die Arbeitsbelastung, die Schichtdienste, aber auch Finanzielles, wie enorm gestiegene Haftpflichtprämien für Belegärzte.

Die Kassenärztliche Vereinigung Baden Württemberg (KVBW) kritisiert die Prämien-Entwicklung in einer Mitteilung scharf. Wenn Ärzte Beiträge von bis zu 70 000 Euro pro Jahr für die Haftpflichtversicherung leisten, müssten sie mehr als 300 Kindern im Jahr entbinden, nur um daraus die Prämie für die Haftpflichtversicherung zu bezahlen. „Das ist grotesk“, so der Vorstandsvorsitzende der KVBW, Norbert Metke. „So wird es auf Dauer keine ambulante oder belegärztliche Geburtshilfe mehr geben“, prognostiziert er. In den vergangenen Jahren sei die Zahl der Geburtshilfen durch Belegärzte in Baden-Württemberg bereits um etwa ein Drittel zurückgegangen. Eine Entwicklung, die deutschlandweit zu beobachten ist. Laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ist der Rückgang enorm: von 726 Belegärzten im Jahr 2009 zu 301 im Jahr 2017. Die Zahlen haben sich also mehr als halbiert.

Alscher: Geburtshilfe nicht auskömmlich finanziert

Als eine Lösung sieht die KVBW die Haftung durch den Staat. Das Risiko für einen Arzt in der Geburtshilfe ist laut KVBW enorm hoch, weil dieser riskiere, bis zu 30 Jahre nach der Geburt in Haftung genommen zu werden. „Wenn wir hier nicht gegensteuern, werden wir auf Dauer die Versorgung gefährden“, warnt Metke. Alscher merkt an, dass sie bei der Haftpflicht den Belegärzten sogar weit als Träger entgegen kommen: „Zwei Drittel der Haftpflichtpauschale übernehmen wir.“ Aber auf Dauer sei das nicht sinnvoll, so könne man keinen Gewinn erwirtschaften. Bei einem Besuch der Bundestagsabgeordneten Karin Maag (CDU) hätten die Belegärzte des Charlottenhauses deutlich gemacht, dass ihrer Ansicht nach bei der Honorierung angesetzt werden müsse. „Geburtshilfe ist nicht auskömmlich finanziert“, erklärt Alscher, der auch mit Blick auf den ländlichen Raum hier Verbesserungsbedarf sieht und an die Kassenärztliche Vereinigung appelliert, das Honorar zu erhöhen. Im Laufe des Herbstes, hofft er, trotz der Schwierigkeiten einen Nachfolger für den scheidenden Belegarzt zu finden.

Sonderthemen