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China Die Provinz Yunnan

Von Franz Lerchenmüller 

Die Provinz Yunnan ist das beliebteste Urlaubsparadies des Landes. Dort herrscht das ganze Jahr über Frühlingsklima. Und überall locken Sehenswürdigkeiten, die ihren Namen verdienen.

Das quirlige Dali ist so etwas wie das Rothenburg Yunnans: Unter blühenden Kirschbäumen schieben sich Tausende chinesischer Touristen durch die Gassen. Foto: Lerchenmüller
Das quirlige Dali ist so etwas wie das Rothenburg Yunnans: Unter blühenden Kirschbäumen schieben sich Tausende chinesischer Touristen durch die Gassen. Foto: Lerchenmüller

Auch in der „Stadt des ewigen Frühlings“ ist der richtige Frühling die schönste Jahreszeit. Im April stellen die Gärtner von Kunming Zehntausende Stiefmütterchen zu gelben Rabatten zusammen. Im Cuihu-Park glühen Tulpen in brennendem Rot, einander wildfremde Menschen trippeln unter dem lilafarbenen Blütenschaum der Zierapfelbäume tanzend im Kreis. Und selbst zwischen den schrundigen Zapfen, den Scharten und brüchigen Kalksteinnadeln im nahe gelegenen Steinwald von Shilin bilden unzählige Silberblatt-Blumen ein weites Meer.

Unterwegs in Kunming

Kunming mit seinen vier Millionen Einwohnern ist die Hauptstadt der chinesischen Provinz Yunnan, die fast so groß ist wie Deutschland und Dänemark zusammen - und ein Traumziel für viele Chinesen. Überall schießen Wohnblocks und Einkaufszentren in die Höhe, kräftige Winde fegen auf 2000 Meter Höhe den Smog davon. In der Fußgängerzone mit ihren Glasfassaden sind Verliebte unterwegs, so zielstrebig, als wüssten sie schon, wie ihr Leben verlaufen wird. Paare küssen, füttern und präsentieren stolz ihren - meist einzigen - Augenstern. Hochgestylte Schönheiten rufen kreischend Sonderangebote aus und über die Leuchtschriftbänder laufen Zeichen. Unter den Betonstützen der Schnellbahn aber, die an die Pfeiler gotischer Kathedralen erinnern, wachsen mitten in der Stadt richtige kleine Wälder heran. Abends stecken die Betreiber der Garküchen Schweineschnauzen, Garnelen und Wachteleier zu kunstvollen Grillspießen zusammen, an den Tischchen drängen sich die Kunden.

Am Morgen sind die Straßen wieder picobello sauber. Weishan, weiter westlich, eine der besterhaltenen Städte aus der Ming-Zeit im 14. Jahrhundert, hat sich aufgehübscht, ohne seine Seele zu verkaufen. Dunkelrote Häuserfronten aus Holz oder Lehmziegelfachwerk mit geschwungenen Dächern schälen sich aus dem Morgendunst. Noch ist es kühl, die Vögel in den Käfigen haben keine Lust zu singen. Allmählich versammeln sich auf dem Marktplatz erste, schlaftrunkene Gestalten. An der Suppenküche beugen sich verschlossene Gesichter über dampfende Schälchen, Münder saugen die „Endlosnudel“ auf, für die Weishan berühmt ist, graue Haut nimmt langsam Farbe an. Vor dem Gongchen-Turm steht sinnend ein alter Mann im Mao-Look, wie herausgefallen aus einer sehr, sehr fernen Zeit. An Teestuben, Nagelstudios und Trödelläden rasseln die Rollläden hoch, die Friseurinnen fegen den Gehsteig, der Juwelier wischt feucht vor seinem Laden. Geduld für einen Morgenschwatz haben jetzt nur noch wenige - gleich wird geöffnet: höchste Zeit, Geld zu verdienen.

Nächster Stopp: Dali

Das quirlige Dali wiederum ist so etwas wie das Rothenburg Yunnans - als hätte Walt Disney seine Fantasie von China verwirklicht. Unter rosa blühenden Kirschbäumen schieben sich Tausende chinesischer Touristen durch die Gassen, dicht an dicht, laut und fröhlich, immer ihrer Fremdenführerin in der Tracht der Bai-Minderheit hinterher, immer einem Programm verpflichtet, das pausenloses Sich-Vergnügen heißt. Vom Wahrsager lassen sie sich Großartiges prophezeien, an Ständen naschen sie walnussförmige Kuchen mit Rosenwassergeschmack und decken sich mit Ginsengwurzeln, hustenstillenden Pilzen und Pu-Erh-Tee ein. Der Selfiestick hat keine Pause. Geknipst wird vor dem mächtigen Südtor neben verkleideten Soldaten, bei den Sesamschlägern, die mit großen Schlegeln unter lautem Stöhnen die Körner für Krokant und Kekse zermalmen, beim Jadeschleifer, der aus unscheinbaren, braunen Steinbrocken glatte, türkis schimmernde Armbänder zaubert. Von den Grills duftet es nach Fächerkäse, der am Stock gegart wird, aus den Garküchen nach Bratnudeln mit Aal. Eine Unzahl von Blumenkranzflechterinnen, Köchen, Wandteppichhändlern und Naturapothekerinnen findet in Dali ihr Auskommen.

Auch außerhalb der Städte prunkt Yunnan mit unvergesslichen Bildern. Gelber Raps wechselt mit dem Grün dicker Bohnen, Strommasten staksen wie knochige Riesen über braune Hügel und Reisterrassen. Dann wieder spiegeln sich Kiefern und ein Bambushorst in einem Fluss, idyllisch wie auf einem alten Holzschnitt - und am Bergkamm darüber drehen sich die Windräder. Und immer wieder locken Sehenswürdigkeiten, die ihren Namen verdienen. Wie übereinandergestapelte Schalen, erhaben und in zeitloser Eleganz, steigen die Türme des Drei-Pagoden-Klosters seit dem 9. Jahrhundert in den Himmel. Nahebei, in Bushan, ruht der Jadebuddha in einer Grotte, bewacht von 500 kleinen, pfiffig-bunten Heiligen an der Decke über ihm. Tengchong wurde im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört. Beim Wiederaufbau schlug man breite Schneisen, die heute als schattige Boulevards locken. Holzmöbel aus Myanmar werden hier verkauft: Bänke und Sekretäre, Wurzelgeflecht, aus dem die Figuren lachender Buddhas und finsterer Krieger steigen. Im Museum zum chinesisch-japanischen Krieg ist ein Raum dem Bau der Old Birma Road gewidmet, über die die Briten China im Kampf gegen Japan mit Nachschub versorgten. Ein Diorama zeigt Frauen, Männer und Kinder, die Steine klopfen und Schotter in Körbe schaufeln. 3000 Menschen stürzten 1937/38 beim Bau der 1154 km langen Verbindung in die Tiefe oder starben an Erschöpfung. Für sie legen die Besucher am Mahnmal Chrysanthemen nieder. Dann stürzen sie sich wieder hinein ins Vergnügen.

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